Rezension

Built To Spill

You In Reverse


Highlights: Goin' Against Your Mind // Traces // Liar // Wherever You Go // Mess With Time
Genre: Indie-Rock
Sounds Like: Modest Mouse // Red House Painters // Wolf Parade

VÖ: 13.04.2006

Gibt es etwas schöneres als sich jahrelang auf ein Album zu freuen und, wenn es dann da ist, alles andere als enttäuscht zu werden? Es sind die Alben, wo man sich als Fan bereits Jahre zuvor durch diverse Live-Bootlegs durcharbeitet; jede noch so kleine Nachricht über ein mögliches Veröffentlichungsdatum lässt den Wartenden für mindestens einen Tag zum Grinsemann werden. Und dann ist es irgendwann soweit. Man hält die CD in den Händen und ist einfach nur glücklich - in diesem Falle handelt es sich um das wunderschön aufgemachte "You In Reverse".

Tak, tak, tak, tak... etwa so fängt das Album an, wenn man probiert Musik in Worte zu fassen. Ein schön dreckiger Schlagzeugbeat, der von Sekunde zu Sekunde vor allem durch harmonisch perfekt dazu eingespielte Gitarren an Schönheit gewinnt. Immer weiter, immer wilder. Gute 150 Sekunden dauert es bis Frontmann Doug Martsch dem Zuhörer folgendes beibringt: People think that we don't understand, What it takes to outta be a man, I don’t care much for that, I don’t know why. Wenig später dann ganze 15 Mal: Goin' against your mind Jede Textzeile, nicht nur im Eröffnungsong, scheint 1000-fach überdacht, kein Wort zuviel, nirgendwo. Für die Texte gilt also durchweg ein "In der Kürze liegt die Würze". Was aber, wenn man sich nun auf die Musik konzentriert, bei bisher keinem Built To Spill-Album so wenig zutraf wie bei "You In Reverse". Hier gilt eher ein "In der Länge liegt..." lassen wir das.

Auch wenn "Goin' Against Your Mind" mit fast neuen Minuten das Feld doch mit recht großem Vorsprung anführt, bis auf die Ausnahme "Saturday" hat eigentlich jeder Song zumindest einmal die 5-Minuten-Marke gerochen. Worin die Kunst bei Built To Spill liegt: Der Hörer merkt es nicht! Die geschätzt 20 ersten Durchläufe von "You In Reverse" habe ich (und das ist nichts als die Wahrheit) ohne jede kleinste Zeitanzeige genossen - ziemlich verwundert war ich als ich diese Längen sah. Am meisten bei den zwei vielleicht schönsten Indie-Songs des Jahres "Traces" und "Liar". Ersterer lässt durch seine wunderbare Anfangsmelodie gleich an Großtaten der Post-Rocker von Tortoise erinnern. Die Produktion, die, wo wir schon dabei sind, zum ersten Mal selbst von Built To Spill übernommen worden ist, könnte einfach nicht besser sein, so kommen einem beinahe die Tränen wenn sich im stark verhalten Intro von "Liar" die Zeilen I wouldn't be a liar, No I wouldn't be a liar if I told you that, I wouldn't be a liar wiederholen. Und welch zuckersüße Melodie dann folgt. Built To Spill haben es verstanden, so muss Musik klingen.

Als weiteres Highlight wäre da noch das Lied, was sich in Sachen Zum-Auto-fahren-perfekt-eignen locker mit den Großwerken von Pink Floyd messen kann. "Wherever You Go". Diese Gitarrenwände, unglaublich. Trance pur. Man beginnt zu schweben. Ach, wie schön kann Musik klingen... Aber Vorsicht, jetzt wird's etwas poppiger. Denn auf so ein Meisterwerk gehört ja auch immer eine eingängige Single, oder? Nein, mir fallen auch spontan viele unglaubliche Alben ohne poppigen Singleensatz ein, aber hier ist "Conventional Wisdom" keinesfalls unangebracht. Mit seiner Länge von guten sechs Minuten, ist es aber sowieso nicht mehr richtig Single-mäßig. In "Gone" sowie "Mess With Time" wird gegen Ende nochmal richtig in guter alter Queens Of The Stone Age-Manier gerockt bevor sich mit "Just A Habit" leider schon der Anfang vom Ende einläutet. Was hier bei den ersten Hördurchgängen noch etwas zu wild klingt, lernt man schnell zu lieben, ach was, zu bewundern: Solo des Jahres, nicht mehr und nicht weniger.

Nach der gut 3-minütigen wahnsinns Gitarrenarbeit, die nebenbei stark an die großartigen Red House Painters erinnert, wird zum Abschluss bei "The Wait" nochmal die romantische Lagerfeuer-Akustik-Gitarre ausgepackt: You wait, You wait, You wait for summer, Then you wait for rain, You wait, You wait, You wait for darkness then you wait for day, Yeah, you wait, You wait, You wait Und so wartet man sein ganzes Leben: Nach fünf Jahren Warten auf "You In Reverse" schon wieder unbekannt viele weitere auf ein hoffentlich erneut so wunderbares Werk der drei Musikanten aus Idaho und Umgebung.

Paul Weinreich

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