Rezension

Arcade Fire

Everything Now


Highlights: Take Your Money On Me // Creature Comfort // Everything Now
Genre: Rock // Funk // Soul // Jazz // Indie // Folk
Sounds Like: LCD Soundsystem // David Bowie // Beirut // Get Well Soon

VÖ: 28.07.2017

Seit Ankündigung war es eines der mit größter Spannung erwarteten Alben des Jahres – und ist nun wohl eines der kontroversesten. Die Rede ist von „Everything Now“, dem Album, mit dem Arcade Fire ihre Fangemeinde spalten. Bereits die gleichnamige Vorabsingle gab den Ton vor: Endgültig vorbei sind die Zeiten kopflastigen Indiefolkrocks. War das Opus „Reflektor“ noch im Artrock der 1970er verwurzelt und zelebrierte genüsslich das Progressive, ist nun all das über Bord geworfen. „Everything Now“ ist Arcade Fires Definition eines Partysoundtracks: Zwischen Funk, Sound, Pop und Rock orientiert sich das Kollektiv dieses Mal und hinterlässt dabei vielfach verstörte und ratlose Gesichter. Die Orientierung bleibt im genannten Jahrzehnt, die Stile, welche zitiert werden, sind jedoch komplett andere.

Abba-Anleihen im Titeltrack, Off-Beat in „Chemistry“, der schräge Funk von „Signs Of Life“ und „Peter Pan“, oder das geschmeidig soulige „Take Your Money On Me“ – Arcade Fire erzeugen Reibungsflächen mit ihrer Hörerschaft, die für viel Kopfschütteln sorgen. Oder für Kopfnicken, denn der neue Stil, alles jetzt zu wollen, birgt zwar ein Risiko, aber auch eine Chance: Frei von Konventionen und fernab jeder bisherigen Referenz lebt und tanzt es sich ziemlich ungeniert. „Everything Now“ ist kein Album, dass man okay findet und vielleicht ab und an hört. Entweder man liebt es, oder man hasst es, lautet die Devise. Es ist dabei ein Statement des Neuen, dem Arcade Fire dann auch direkt ein komplettes Album widmen. Ein radikaler Wechsel mit nur wenigen Bezügen zu früheren Tagen.

Dabei zeigen die Liverauftritte der Band, dass die neuen Stücke ihren Zweck durchaus erfüllen. Die „Nanana“-Refrains des Titelstücks erzeugen genau jenen Stadionrockreffekt, in den man aufgrund der Größe mittlerweile hineingewachsen ist. Als größte kommerzielle Band einer auf Kommerzverweigerung ausgelegten Fanbasis scheint es, als würde man diesen Widerspruch zugunsten eines riesigen Erwachsenenkindergeburtstages auflösen wollen. Ballons, Konfetti und Partyhüte inklusive. Ob das nun ironisch ist oder Absicht, lässt man dabei offen. Ob man sich darauf einlässt und diesen Weg mitgeht oder nicht, ist dabei ebenfalls jedem selbst überlassen. Eines bleiben Arcade Fire allerdings nicht: stehen. Man entwickelt sich stetig weiter, erkundigt neues Terrain, neue Einflüsse, erzeugt Brüche und Stilwechsel. Der Soul-Funk-Jazz-Einfluss verschafft dabei neue Leichtigkeit, und Songs wie „Creature Comfort“ oder eben der Titeltrack sind ziemliche Hits.

Klaus Porst

Sehen


"Everything Now"
"Creature Comfort"

Finden


Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.