Rezension

And So I Watch You From Afar

Gangs


Highlights: Search:Party:Animal // 7 Billion People All Alive At Once // Homes – ...Samara to Belfast
Genre: Post-Rock // Math-Rock
Sounds Like: 65daysofstatic // Maybeshewill // Don Caballero // Biffy Clyro

VÖ: 29.07.2011

Die ganze Nummer war schon im Voraus abgehakt: Das selbstbetitelte Debüt der irren Nordiren von And So I Watch You From Afar stieß instrumentaler Musik vor zwei Jahren völlig neue Türen auf. So viel Wumms, so viel Dynamik – das war nicht nur neu, das war eine lang ersehnte innovative Wohltat für den Post-Rock. Und noch dazu eine der stärksten und langwertigsten Platten des Jahres 2009. Hier stimmte alles. Undankbar, da jetzt mit zweitem Album nachlegen zu müssen. Die Chance einer Begegnung auf Augenhöhe: verschwindend gering.

Und dann ertappt man sich direkt im ersten Song dieser Platte bereits beim Kniefall: Nämlich für „BEAUTIFULUNIVERSEMASTERCHAMPION“ , dessen Titel bereits ankündigt, was für einen Endorphin-Cocktail diese vier hier anmischen. Was da alles aufeinander folgt: Eckiges Gitarrenspiel, ein Schlagzeug, das brav hinterher eiert. Dann: Säuberlich gemauerte Soundwände, hier und da erste, wunderhübsche Melodien. Und auf einmal lösen sich die Drums, machen den Song zum Kopfnicker, bis ihn funkelnde Klampfen im Finale letztlich auf Freudenstrahlen ins Nirvana hofieren. Schon ist er geraubt, der Atem.

Doch nix mit Erholung: „Gangs (Starting Never Stopping)“ rast im Anschluß drauf los und wütet mit Spielfreude, bis noch das Schleudertrauma dazu kommt. Hier und beim zweiten Bleifuss der Platte namens „Think:Breathe:Destroy“ wird am deutlichsten, dass „Gangs“ mehr von der Vorgänger-EP „The Letters“ als vom Debüt geerbt hat. Zackiger, lebendiger ist dieses Zweitwerk im Gegensatz zum Erstling. Dessen Schwere und Gitarrenhärte hat auf „Gangs“ der Track „Search:Party:Animal“ für sich gehamstert: Ein Ritt durch alle Kapitel des Wahnsinns mit Gitarren scharf wie Rasierklingen bei einem Gezappel wie im Zitteraalteich.

Die nächsten großen Würfe folgen, man tippe einfach blind auf die Tracklist. Im zweiteiligen Zwölfminüter „Homes“: Die Band webt trotz Arrangierrausch am Ende beide Teile meisterhaft zusammen, verliert im Labyrinth aus mächtigen Beats, ruckartig losgefeuerten Riffsalven und halsbrecherischen Breaks nie den Überblick. Gut, wenn da mit „7 Billion People All Alive At Once“ ein Ruhepol unter den sieben Songs ist: Als hätten sich es And So I Watch You From Afar zur Aufgabe gemacht, jedem einzelnen Erdbewohner eine vor Glück jauchzende Melodie in Herzverpackung zu schenken, reiht die Band hier schon mal etliche Kostproben aneinander.

Wenn sich die Schlussakkorde des recht simplen „Lifeproof“ schließlich in ein Percussion-Finale inklusive Trillerpfeifen auflösen und „Gangs“ feiernd auf Händen tragen, wird’s noch mal ganz dick angemarkert: Diese Band ist erfrischend anders. Nämlich lebensfroh und quicklebendig – damals, jetzt und auch weiterhin. Ja, die Luft war schon ganz dünn, so hoch schwebte hier die Erwartung. Doch jetzt ist klar: Das Debüt dieser Band war kein glücklicher Schnellschuss aus der Hüfte. Nein, das ist der Standard einer Band, die Schwertführer eines Genres ist. "Gangs" beweist's mit breiter Brust. Willkommen bei den Großen!

Gordon Barnard

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