Interview

And So I Watch You From Afar


Der Bandname: viel zu lang. Das Artwork: völlig abstrakt. Die Musik: zuckender und verspielter Math-Rock gleich einem tödlichen Handkantenschlag. Diese Band ist anders. Vor allem treten And So I Watch You From Afar den genretypischen Dresscode mit Händen und Füßen. Keine nerdigen Hornbrillen, keine Hemden, sondern: ausgelatschte Chucks, zerschlissene Jeans, schwarze Shirts und Tattoos – diese vier Iren könnten Punks sein. Auf einer Parkbank vor dem Grünen Jäger auf St. Pauli fragten wir nach, wie das denn alles zusammenpasst. Und stellen fest: „No Future“ propagieren sie schon mal nicht.

Als es mit der Band losging, konntet ihr da von den kulturellen Strukturen Belfasts profitieren? Beziehungsweise: Sind diese gut ausgebaut?

Tony Wright (Gitarre): Oh ja. Belfast hat eine lange Geschichte an großartiger Musik. Punk war hier ganz besonders vertreten und ich denke, davon haben wir auch etwas in unsere Musik mitgenommen. Es gab dort schon Bands, die sich ganz ohne Label im Rücken etwas Riesiges aufgebaut haben und später vor tausenden von Leuten gespielt haben. „Do It Yourself“ wird in Belfast groß geschrieben. Durch diese Struktur konnte selbst völlig schräge Musik riesige Venues füllen. Und das ist natürlich auch das, was wir so mehr oder weniger vorhaben... (alle schweigen, die Band tauscht Blicke aus....und alle beginnen zu lachen).

Im Rest Europas ist das nicht unbedingt selbstverständlich. Wie habt ihr das auf dem europäischen Festland empfunden?

Rory Friers (Gitarre): Ich muss ehrlich sagen, dass wir hier wirklich sehr gut behandelt werden, und das ganz unabhängig von unserem Status als Band. Das ist zu Hause nicht immer der Fall. Da drehen sie schon mal die Heizung aus, wenn man gerade noch im Backstage-Bereich sitzt. Hier ist das anders, man kann sich hinter den Kulissen schön entspannen (grinst). Allerdings haben wir in Europa noch nicht mal ein Plattenlabel, wir konnten das Album also bislang nur in Großbritannien und in Irland veröffentlichen. Wir möchten es natürlich auch gern in den Staaten rausbringen, vor allem, bevor wir das zweite Album nachschieben. Und trotzdem kommen die Leute zu unseren Shows und kennen das Material. Ein Hoch auf das Internet!

Jetzt macht ihr nun mal sehr energiegeladene Musik und die Presse vergleicht euch schon mal mit Bands wie Biffy Clyro oder At The Drive-In. Stellt man euch daher oft die Frage, warum ihr keinen Sänger habt? Beziehungsweise: War es für euch jemals eine Option, einen fünften Mann ins Boot zu holen?

Tony: Nein, das war nie eine Überlegung. Es hat so, wie es jetzt ist, einfach super zusammengepasst. Ehrlich gesagt haben wir da noch nie drüber nachgedacht. Es gab schon ab und zu mal die Überlegung, über den ein oder anderen Song Gesang zu legen. Es war auch keine bewusste Entscheidung, keinen Sänger zu haben. Wir haben das im Proberaum versucht, wussten aber schnell, dass wir das nicht auf die Bühne bringen würden, weil es sich nicht hundertprozentig richtig anfühlte.

Eure ersten beiden EPs, die noch vor eurem Debüt erschienen sind, kenne ich nicht. Kann man diese Experimente denn auf denen hören?

Tony: Es gibt da eine auf 500 Stück limitierte EP, ja. Auf der sind Sänger von befreundeten Bands zu hören, zum Beispiel Fighting With Wire oder Lafaro...also grundsätzlich Bands, die schon etabliert waren und damit größer als wir. Aber das war eine einmalige Sache, wir haben die Songs live gespielt und das war's.

Rory: Eigentlich war's nur ein Marketing-Coup, um sexy auszusehen und erfolgreich zu werden (wieder lachen alle).

Mit eurer Musik erfolgreich zu sein, ist ja sicherlich nicht leicht, weil sie doch sehr unkonventionell ist. Habt ihr denn noch reguläre Jobs?

Rory: Nicht mehr. Vor einer Weile haben wir die Entscheidung getroffen, sie zu kündigen. So haben wir jetzt Zeit zum Touren und machen derzeit eigentlich auch nichts anderes mehr. Keine Frage, dass das finanziell nicht gerade leicht ist – ironischerweise besonders dann, wenn man nicht auf Tour ist. Aber ich denke, wenn man dazu fähig ist, mit diesen Einbußen klar zukommen und dafür dann die Vorteile sieht, die wir hoffentlich daraus ziehen werden, sollte man es machen. Und auf der Tour gibt’s ja immer was zu essen. Also können wir uns eigentlich gar nicht beschweren (grinst).

Jetzt seid ihr schon beim zweiten Album, während wir in Deutschland gerade erst eure EP „The Letters“ in den Händen halten dürfen. Die Songs dieser EP sind tendenziell etwas kompakter und vielleicht sogar punkiger. Deuten diese Songs schon auf eure zweite Platte hin?

Rory: Nicht wirklich, die EP steht schon für sich. Wir hatten die Songs dafür in einer Session geschrieben und wollten das irgendwie festhalten, mit dem Aufnehmen aber auch nicht bis zum zweiten Album warten. Daher die EP.

Und wie weit seid ihr mit den Aufnahmen für die Platte?

Tony: Damit haben wir noch gar nicht angefangen. Aber wir haben die Songs schon als Demos dabei. Jetzt müssen wir bloß noch überlegen, welche auch auf der Platte landen. Wenn wir nach Hause kommen, bedeutet das noch ein bisschen Arbeit. Unser ständiges Touren ist nun mal etwas destruktiv, wenn es darum geht, neue Songs zu schreiben. Dennoch haben wir so 18 Songdemos, von denen wir so acht oder neun für die Platte aufnehmen und mit einer weiteren Auswahl vielleicht noch eine EP veröffentlichen. Wann das alles genau passieren wird, kann ich dir aber derzeit leider noch nicht sagen.

Werdet ihr wieder mit demselben Produzenten arbeiten?

Rory: Wir sollten dir jetzt nicht sagen, warum wir nicht nochmal mit ihm arbeiten. Wir werden das Album mit Andrew Ferres, dem Chef unseres Labels, aufnehmen. Sein Studio hat er in Derry, Irland. Das wird unseren Sound natürlich verändern, weil wir beim Schreiben der ersten Platte zwei Jahre Zeit hatten und genau wussten, was wir einspielen, als wir ins Studio gingen. Dieses Mal kann sich noch Einiges verändern, weil wir noch umarrangieren werden.

Wie kann man sich denn bei euch den Prozess des Songwritings vorstellen? Führt da jemand die Feder oder ist das alles aus Jams entstanden? Ich stelle mir das ziemlich interessant vor.

Tony: Ja, da fragst du was. Unser System heißt im Prinzip: Chaos. Ideen fliegen durch den Raum, man stürzt sich drauf, man schichtet Sounds und Strukturen übereinander. Wichtig ist vor allem unser Bassist Johnny, er macht die Songs meist erst richtig heavy.

Rory: Wie Tony gerade schon sagte: Wir schichten einfach alles übereinander und finden innerhalb der Songs immer wieder neue Ansatzpunkte. Für die EP haben wir uns zum Beispiel eine Woche von der Welt weggeschlossen und nur gespielt. Ich finde diesen Prozess faszinierend. Es fängt mit so einer simplen Idee an, dann bringt Chris einen Beat, auf den dann Johnny und Tony einsteigen. Deren Parts verändern dann wiederum das, was ich spiele. Das Ding wächst einfach immer weiter und am Ende kann ich mich meist kaum noch dran erinnern, was die Ursprungsidee war.

Ist jeder Song so enstanden? Am Ende der Platte steht „Don't Waste Time Doing Things You Hate“. Der klingt für mich vollkommen anders. Wärmer, freundlicher und ruhiger als der Rest. Ist der anders entstanden?

Rory: Ich kann mich noch daran erinnern, dass das Schreiben des Songs echt lustig war, weil er erst im Studio wirklich fertig geworden ist. Deswegen sind da auch dieser Chorgesang und die ganze abgedrehte Percussion mit drauf.

Also könnte man sagen, dass ihr den Song schon so geschrieben habt, wie ihr es bei eurem zweiten Album auch machen werdet?

Tony: Genau. Wir wussten nicht, ob „Don't Waste Time...“ wirklich auf der Platte landet, das hing davon ab, ob wir ihn fertig kriegen würden oder nicht. Beim Rest des Albums wussten wir genau, was wir machen müssen. Deswegen hab' ich auch ein bisschen Angst vor dem zweiten Album, weil wir dann wieder nicht wissen, welche Songs nun wie auf der Platte landen sollen. Das Risiko ist höher.

Rory: Dazu kommt, dass wir zu den Songs keinen Abstand gewinnen werden können, um sie dann nochmal zu überarbeiten. Vielleicht müssen wir sie nochmal live spielen und wiederum ins Studio gehen, um die Dinger zu testen.

Gab es auf dem ersten Album eigentlich auch Songs, die vorher auf einer der EPs waren?

Tony: Ja, und zwar „I Capture Castles“ und „The Voiceless“.

Jonathan Adger (Bass): Natürlich klingen sie total anders als auf den EPs. Die haben wir in Rorys Wohnzimmer aufgenommen. Und wir dachten, dass die beiden Songs einfach ein riesiges Potenzial hatten, weshalb wir sie neu eingespielt haben.

Wenn man sich jetzt eure Spitznamen und eure Songtitel anschaut, dann stellt sich zwangsläufig die Frage: Habt ihr Spaß daran, Leute zu verarschen? Oder hat das alles etwa einen tieferen Sinn?

Rory: Das ist alles daraus entstanden, dass ich total betrunken und gleichzeitig auch für unsere Myspace-Seite zuständig war (lacht). Zu verstehen gibt es da gar nix, alles Spaß.

Und euer Artwork der Platte? Das ist ziemlich skurril. Von wem stammt es?

Rory: Tonys Vater hat es angefertigt. Ich weiß den Titel gar nicht mehr. Mich erinnert es jedenfalls an Werke von Dali und Francis Bacon, einem irischen Maler. Das war auch unser Ziel. Das Cover ist nur ein Ausschnitt des Bildes, du solltest das Bild mal im Original sehen. Es ist so unglaublich riesig. Und so hektisch, überall passiert etwas. Das wollten wir. Es sollte bizarr und schräg sein, aber nicht zu ernst. Man sollte noch ein bisschen was zu entdecken haben, wenn man die Musik hört.

Tony: Es ging uns um Dynamik, wie auch in unserer Musik. Nicht zu lang bei einer Sache bleiben, sondern schnell weiter zur nächsten, das ist es.

Letzte Frage: Instrumental-Bands übertreiben es gern mal etwas, wenn es um Lautstärke geht. So haben Mogwai mal erzählt, dass Leute schondie Gigs verlassen haben, weil die Lautstärke einfach zu heftig war. Das ist bei der gerade erwähnten Dynamik in eurer Musik doch auch möglich,oder?

Tony: Uns selbst ist das noch nicht passiert, nein. Es gibt viele Bands, die es gern mal richtig laut haben und dan auch die Lautstärkevorgaben der Clubs ignorieren. Also, ich will dich nicht anschwindeln: Natürlich sind wir laut. Aber so sehr, dass Leute weggelaufen sind, haben wir es noch nicht übertrieben. Die hohe Lautstärke hängt ja auch damit zusammen, dass man die Musik fühlen muss und das geht einfach besser, wenn dein Körper von ihr vibriert.

Rory: Wobei es schon Leute gab, die uns mal auf die Lautstärke angesprochen haben. Gegangen sind sie aber nicht. Gutes Zeichen, würde ich sagen (grinst).

Dann hoffen wir später auf Gnade. Vielen Dank für das Interview.

Gordon Barnard

Lesen


Rezension zu "Heirs" (2015)
Rezension zu "All Hail Bright Futures" (2013)
Rezension zu "Gangs" (2011)
Rezension zu "And So I Watch You From Afar" (2009)

Finden


Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.