Rezension

Amanda Palmer

Who Killed Amanda Palmer


Highlights: Runs In The Family // Blake Says // Leeds United // Oasis
Genre: Cabaret-Singer-Songwriter
Sounds Like: The Dresden Dolls // Marlene Dietrich // Regina Spektor

VÖ: 26.09.2008

Ein Musikerduo, bestehend aus singender Klavierspielerin und furiosem Schlagzeugspieler, stößt zumindest temporär den Schlagzeugspieler ab. Übrig bleibt eine Klavierspielerin, die eigentlich nur ein paar Songs aufnehmen wollte, die zwar seit langem im Live-Repertoire der Dresden Dolls (falls jemand bis hierher noch nicht verstanden hatte, von welchem Musikerduo hier die Rede ist) waren, aber für eine Verewigung auf Platte dann doch zu untypisch balladesk waren. Doch bereits die Kernaussage aus "Ampersand", einem dieser Songs - I'm not gonna live my life on one side of an ampersand deutet an, dass "Who Killed Amanda Palmer" im Endeffekt doch viel mehr geworden ist als ein Dresden-Dolls-Album ohne Brian Viglione.

Nämlich nicht zuletzt dank eines ähnlich begnadeten Klavierspielers wie Signiora Palmer selbst: Ben Folds himself. Dieser war schon immer großer Fan des Bostoner Duos - zu Recht, mag man sagen - und warf bei der Produktion von Amandas Soloalbum dann gleich alles in die Waagschale, was sich in einer jahrelangen Karriere als Halbgott der Musik so an Expertenwissen angesammelt hat. So mag es durchaus Folds' Verdienst sein, dass die Streicherbegleitung in "Astronaut" so verdammt intensiv geworden ist oder dass "Oasis" mit seinen Handclaps, "Oo-oo-oohs" und "Aaaaaahs" wahrscheinlich der eingängigste Song aller Zeiten geworden ist - oder zumindest der eingängigste Song aller Zeiten, der von Vergewaltigung, Abtreibung, Rufmord und einem Blur-Konzert erzählt. Doch natürlich war es nur die Aufgabe Folds', die von Amanda vorgelegten Song-Rohdiamanten zurecht zu schleifen - Diamanten waren sie schon vorher.

Denn Produktionsfinessen hin, Ben Folds her: Wie Amanda Palmer mit der schlichten Kombination aus 88 Klaviertasten und einer unglaublich ausdrucksstarken Stimme zwölf Songs auf ihr Solo-Debüt packt, die zwar von Popsong (bereits erwähntem "Oasis") über opulent mit Bigband ausgestattete Überhymne ("Leeds United") zu rührenden Balladen ("Ampersand", "The Point Of It All") zwischen den Genres herumhüpfen wie tollwütige Kaninchen, aber trotzdem allesamt zwischen "gut" und "sehr gut" pendeln, ließ sich im Angesicht überzeugender Dresden-Dolls-Platten zwar vermuten, bleibt aber dennoch beeindruckend. Ebenso das nicht kleine Kunststück, mit "The Strength Of Music" ein Lied zu schreiben, das gerade einmal aus zwei Noten beziehungsweise einem Akkord besteht und trotzdem relativ elaboriert klingt, oder für das Musical-Cover "What's The Use Of Wond'rin?" mit St. Vincent eine beinahe perfekte Duett-Partnerin gefunden zu haben.

Das größte Kunststück jedoch, für das Amanda Palmer gelobt werden muss, ist das, ein Solo-Debüt-Album zu schreiben, das zwar deutlich an die Dresden Dolls erinnert, sie jedoch aufgrund kleinerer und größerer Unterschiede in Produktion und Songwriting davon emanzipiert und den Grundstein für eine eigene Karriere legen könnte und sollte. Insofern ist nur der Titel des Debüts Quatsch. "Who Killed Amanda Palmer"? Bullshit. Amanda Palmer was just born.

Jan Martens

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