Rezension

Amanda Palmer

I Can Spin A Rainbow


Highlights: The Shock Of Kontakt // The Clock At The Back Of The Cage // Prithee: Liquidation Day
Genre: Kammer-Pop
Sounds Like: The Dresden Dolls // The Legendary Pink Dots

VÖ: 05.05.2017

You go, girl! Wenn eine Künstlerin ihren Traum lebt, dann wahrscheinlich Amanda Palmer. Nein, nicht weil sie mit Neil Gaiman einen der größten Fantasy-Autoren unserer Zeit geheiratet hat. Okay, deswegen auch. Vielmehr allerdings, weil Palmer dank dem Vertrauen einer treuen und spendablen Fangemeinde (Labels braucht sie bei ihrer spendablen Patreon-Gemeinde nicht mehr) mittlerweile all die Projekte in Angriff nehmen kann, von denen sie schon immer geträumt hat – nach einem mit ihrem Vater zusammen aufgenommenen Album nun eines gemeinsam mit Edward Ka-Spel.

Edward Ka-Spel, das ist der Frontmann der anglo-niederländischen Experimental-Rockband The Legendary Pink Dots, deren Relevanz für Amanda Palmer bereits in ihrer (übrigens äußerst lesenswerten) Autobiographie „The Art Of Asking“ aufgegriffen wurde. Deren Musik ist so schön, wie sie düster und unheimlich ist – und weist damit den perfekten gemeinsamen Nenner mit einer Seite von Amanda Palmer auf, die man so deutlich seit den Dresden Dolls nicht mehr erleben durfte.

So verbreitet die Kollaboration der beiden durchgehend ein unheilschwangeres Gefühl, dessen filmisches Pendant ein kleines Mädchen im weißen Kleid ist, das an der falschen Stelle durch einen Horrorfilm spaziert. "I Can Spin A Rainbow" ist Kopfkino – ausgelöst lediglich durch kurze, simple Klavier- beziehungsweise Synthesizermelodien, hin und wieder ergänzt durch eine Geige oder sparsam eingestreute elektronische Spielereien, über die Palmer und Ka-Spel abwechselnd Geschichten von vergifteten Beeren und dunklen Kellern erzählen. Und kaum glaubt man, sich an diese samte ausgepolsterte Geisterbahn gewöhnt zu haben, hebt "Prithee: Liquidation Day" das Grusel-Ambiente mit einer komplett unpassenden Zirkusorgel auf eine ganz neue Ebene.

Morbide Schönheit im Wechselgesang der Geschlechter – das klingt nicht umsonst wie eine postmoderne Verarbeitung der Zusammenarbeit von Nick Cave und Kylie Minogue. Zwar verlieren auch die bedrückendsten Klangkulissen nach fast einer Stunde ihre Intensität, aber das ist schon okay: Für Amanda Palmer ist "I Can Spin A Rainbow" ein wahr gewordener Traum – für alle anderen ist es ein weiteres schillerndes Mosaiksteinchen im Gesamtwerk einer faszinierenden Künstlerin.

Jan Martens

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Video zu "Beyond The Beach"
Video zu "The Clock At The Back Of The Cage"

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