Interview

Kraftklub


Da wächst was. Ziemlich schnell sogar. Denn Kraftklub, deren Erstwerk noch nicht mal in der Welt ist, spielen bereits eine Headliner-Tour. Recht so, waren die Fünf aus Chemnitz durch Shows im Vorprogramm von Fettes Brot, Beatsteaks und Casper so viel unterwegs, dass die Wohnungen daheim schon schimmeln. Vor dem Auftritt im Hannoveraner Musikzentrum sprachen wir mit Felix Brummer, Rapper und Sänger der Band. Eine Unterhaltung über ihr kommendes Debüt "Mit K", Lokalpatriotismus und Oasis-Dokus.

Hallo Felix. Wie ist deine Sicht: Ist Rap in Deutschland zu prollig oder Indie-Rock zu pseudo-intellektuell?

Felix: Hm, schwierig. Also so wie ich das sehe, gab es lange nichts Neues mehr. Vor etwa zehn Jahren gab's "Sektenmuzik" und die Aggro-Geschichte, die spannend war und über die ich überhaupt erst zu Rap gekommen bin. Beides ist jetzt aber durch. Massiv ist jetzt mit seinem Album auf Platz 60 der Charts gelandet, Sido und Bushido – zusammen, wohlgemerkt – auf drei. Und ich glaub, das Thema ist erledigt. Die Szene hat jetzt lange händerringend gesucht nach neuen, untypischen Sachen. Dann kam K.I.Z. und inzwischen sind wir bei Casper angelangt.

Und was ist mit euch?

Felix: Wir sehen uns gar nicht als Teil des Hip Hop. Anscheinend gibt's in der Szene auch Leute, die uns gut und lustig finden. In Rap-Foren fragt sich aber jeder Zweite, was unsere Musik mit Rap zu tun hat. Ich finde das immer ganz lustig, wie die Leute ihre Rap-Welt gegen "Eindringlinge" verteidigen. Aber genau da kommt dann eben Monotonie raus. Das neue Album von Kool Savas wird bestimmt großartig – aber es bleibt nun mal ein Savas-Album. Er ist der einzige, der überhaupt über Rap rappen "darf". Von niemand anderem, von Samy Deluxe oder so, will ich wissen, dass er der beste Rapper ist. Er ist es auch nicht.

Provoziert der Tunnelblick der Szene Innovationen?

Felix: Klar, weil's irgendwann Leute gibt, die das Gemenge langweilig finden. Dass Gangster-Rap jetzt nicht auf ewig funktioniert, ist klar. Es kann nicht immer noch 'nen härteren Typen geben. Irgendwann kamen dann die "authentischen" Gangster-Rapper, die dann mehr Gangster waren und gar nicht rappen konnten. Das ist so absurd geworden. Es geht nur noch darum, ob irgendwer jetzt wirklich jemanden abgestochen hat. Da hör ich mir lieber die alten Sachen von Kollegah an oder sowas. Von mir aus muss der ja nicht in Wirklichkeit Koks verkaufen – aber er kann halt rappen.

Mal zu anderen Komponenten eures Sounds. In deinen Texten gibt's eine gewisse Kritik am Pseudo-Intellektuellen im Indie und Rock. Was nervt dich daran?

Felix: Naja, manchmal ärgere ich mich darüber, aber eigentlich ist es auch Quatsch. Wir sind froh mit unserer Rolle, die wir uns da selber ausgedacht haben. Leute, die sich unsere Songs anhören, wissen, dass es keine Atzen-Baller-Musik ist, sondern dass mehr dahinter steckt. Doch ich finde gerade, dass dieser deutsche Indie auf eine ganz bestimmte Kredibilität fixiert war. Mit der hat er dann die Erlaubnis, als "real" zu gelten, was die "Intro" dann abfeiern kann. Beispiel Tocotronic. Die haben's erfunden und sind die Tollsten – alles was nicht wie Tocotronic klingt, ist dann halt dumm. Oder zu platt, nicht genug um die Ecke gedacht. Wir klingen nicht wie Tocotronic. Deswegen ist es automatisch "dumm". Ich seh' das aber anders. Bands wie Fotos oder Virginia Jetzt!, die allesamt in eine ähnliche lyrische Kerbe gehauen haben, gab's genug, es war jetzt auch hier mal Zeit für nen Ausbruch. Den verkörpern wir.

Euer Debütalbum "Mit K" ist dabei noch gar nicht erschienen und ihr tourt trotzdem schon fleißig – das läuft ja in der Regel andersherum. Hast du Angst, dass Leuten, die euch jetzt live sehen, die Aufnahmen zu zahm sein könnten?

Felix: Ja, aber das ist ja immer so. Es ist gefährlich, das Album komplett zu spielen. Tour und Bühne sind nie das Gleiche, das geht schließlich gar nicht. Ob man Musik jetzt verschwitzt und mitschreiend hört oder im Auto – das sind zwei Welten. Naja, aber wir wollten's trotzdem aufnehmen (lacht). Damit, dass wir vor dem Album touren, wollen wir auch nochmal eine Sache unterstreichen: Wir sind eben nicht durch den Bundesvision Song Contest von Raab bekannt geworden. Und auch nicht durch Radio-Air-Time. Sondern dadurch, dass wir drei komplette Touren gespielt haben, auf der uns kein Schwein kannte. Nach diesen 30 Minuten langen Auftritten fanden uns viele cool, andere meinten, wir sind scheiße. Aber offenbar waren genug dabei, die uns gut fanden, so dass wir heute Abend ein ausverkauftes Musikzentrum haben.

Ein Weg, den Graben zwischen Studio und Konzert zu überbrücken, ist die Live-Aufnahme. Stand die Überlegung für "Mit K" im Raum?

Felix: Nee, wir haben ganz regulär im Studio aufgenommen. Wir waren den ganzen Sommer unterwegs an Wochenenden auf Festivals und sind in der Woche nach Berlin gefahren, um die Platte aufzunehmen. Das war echt ganz schön anstrengend. Aufgenommen hat uns Phillip Hotten, der die Ärzte abmischt, in dem Transporter-Raum, in dem auch schon Dendemann und Beatsteaks aufgenommen haben. Auch Tocotronic, übrigens (lacht).

Euer Label ist jetzt der Major Universal. Wo wart ihr vorher?

Felix: Nirgendwo! Wir haben mit unserem Geld aufgenommen, Home-Recording, sozusagen. Dann haben wir uns sogar noch Geld geliehen, um alles mastern zu lassen. Danach haben wir's ins Netz gestellt. Bald kam ein Management, dann eine Booking-Agentur und schließlich hatten wir Glück mit Radio Fritz, die "Zu Jung" rauf und runter gespielt haben. Das brachte uns die Aufmerksamkeit der Labels. Wir hatten dabei jetzt nicht die Diskusssion, ob wir "Independent" bleiben wollen. Uns war von vornherein klar: Wir wollen Pop-Musik machen. Das Ziel war da erstmal, ein Album rauszubringen, ohne uns dafür verschulden zu müssen. Diese Zeit, in der wir ständig in der Kreide standen, war echt hart.

Mit Casper wart ihr schon auf Tour. Wäre es für euch denkbar, mal was zusammen aufzunehmen?

Felix: Also ich hab für ihn schon bei 'nem Remix des Songs "Auf Und Davon" mitgesungen. Aber ansonsten sind wir beide nicht so die Feature-Freunde. Wir ziehen gern mal zusammen los, aber diesen Zwang, sich featuren zu müssen, finde ich unnötig.

Weil's wieder so ein szenetypisches Muss ist?

Felix: Ja, genau. Ich mein, die Leute, die ich cool finde und gern höre, die finde ich auch so gut – ohne andere Musiker.

In eurem Song "Fotos Von Mir" drescht ihr auf die Presse ein. Gibt's inzwischen schon Fragen, die euch nerven, weil sie ständig kommen?

Felix: Am meisten nerven Fragen nach unserem Namen. Warum heißen wir Kraftklub? Tja, warum heißen Oasis Oasis? Klingt halt cool, fertig. Auch oft gestellt ist die Frage, warum unser Name mit "K" geschrieben wird. Alle schreiben das ständig falsch – das steht selbst auf Flyern zur Tour mit "C". Deswegen heißt jetzt auch das Album "Mit K".

Das kommt jetzt am 20. Januar. Mit ein bisschen Abstand zu den Aufnahmen: Wie fühlt sich die Platte für euch an? Gibt's sowas wie einen roten Faden?

Felix: Den Faden haben wir irgendwie von vornherein abgeschnitten. Der Grund für das Album ist, dass wir irgendwann in den letzten Jahren auf einmal eine Stunde spielen mussten, das aber noch nicht konnten (lacht). Da mussten neue Songs her. Wir finden das Album echt gut, wir hören es im Auto und feiern dazu ganz gut ab.

Vorhin hast du den Bundesvision Song Contest angesprochen, wo ihr nur in Unterhosen und mit Body-Painting aufgetreten seid. Werdet ihr da nochmal mitmachen?

Felix: Nee, sicher nicht. Ich finde es albern, da mehrmals anzutreten, das bringt nichts. Uns hat es genau das gebracht, was es sollte: Der Auftritt war markant, man erinnert sich dran. Die After-Show-Party war auch super.

Sind die Macher an euch herangetreten oder wie lief das?

Felix: Ja, wir wollten auch erst nicht, weil wir die Sendung nicht wirklich mochten. Aber dann dachten wir: "Wenn wir da was Witziges machen, wäre das schon möglich." Deswegen sind wir dann auch mit "Ich Will Nicht Nach Berlin" aufgetreten, so konnten wir noch ein Bundesland dissen (lacht). Nicht falsch verstehen: Die Veranstaltung an sich finde ich...sagen wir mal "lobenswert". Da sind ja neben Tim Bendzko und Frida Gold auch Künstler, für die man sich nicht schämen muss, wie Jupiter Jones oder Thees Uhlmann. Mit denen trinken wir gern auch mal ein Bier, die sind voll in Ordnung.

Anderswo hab ich von einer Geschichte gelesen, ihr hättet euch in einem Fitnessstudio kennengelernt. Das ist 'ne Ente, oder?

Felix: (lachend) Es kursieren mehrere Geschichten darüber, wie wir uns kennengelernt haben. Ich mag die Geschichte, dass ich mit Till – der mein Bruder ist – 'ne Doku über Oasis gesehen habe und wir es einfach total super fanden, als Brüder ne Band zu gründen.

Wie kommt's zu solchen Geschichten?

Felix: Weil die echten immer langweilig sind.

Ihr kommt aus Chemnitz und wie schon in "Ich Will Nicht Nach Berlin" wird ja eine gewisse Abneigung gegen den Lebensstil dort deutlich. Wo verläuft für dich der Graben zwischen Provinzlern und Städtern?

Felix: Wenn du in der Provinz aufwächst, hast du ein anderes Selbstverständnis von Lokalpatriotismus. Das liegt daran, dass du dich immer für die hässliche Kackstadt verteidigen musst, aus der du kommst. Irgendwann wird daraus ein alberner Stolz. Besonders krass ist das wohl, wenn man wie wir Ostler ist. Es scheint so, als müsse man sich immer dagegen wehren, der Loser zu sein. Da fängt man eben an, das umzudrehen und die Fahne hochzuhalten.

Kommt ihr alle aus Chemnitz?

Felix: Wir kommen alle von dort, wohnen da und bleiben da auch. Teilweise haben wir zusammen Abi gemacht, andere haben ihre Ausbildung abgebrochen – das Übliche. Karl und ich wohnen zusammen in einer WG – in der es leider immer schimmelt, weil wir so oft weg sind.

Könnt ihr euch mit der Band langsam über Wasser halten?

Felix: Ja, schon. Zumindest ist es so, dass wir keine Zeit für andere Jobs haben. Wir sind jetzt alle nicht reich, aber es klappt so, dass man ohne Unterstützung vom Staat über die Runden kommt. Wir können die Miete bezahlen.

Im Video zu "Zu Jung" spielen ein paar ältere Herren mit. Sind das Verwandte von euch?

Felix: Ja, unsere Großeltern und ihre Freunde. Der Dreh war einfach nur witzig. Am Anfang haben sie sich noch ein bisschen geziert, irgendwann sind sie richtig ausgerastet.

In dem Song geht's um unsere Generation, die mit unseren Vätern nicht mehr mithalten kann. Gehen wir zu wenig auf die Straße? Sind wir dabei, einzupennen?

Felix: Interessant ist da ja gerade diese "Occupy"-Bewegung. Das find' ich schön. Aber in dem Song geht's per se nicht ums Demonstrieren gegen Etwas. Meine Eltern sind in der DDR groß geworden – in einer klassischen Diktatur. Auch wenn man weiß, dass es besser ist, nicht in einer Dikatur aufzuwachsen, gibt's natürlich immer diese spannenden Geschichten von früher. Da war ein Gemeinsamkeitsgefühl, das zustande kam, weil man gemeinsam gegen eine Sache war – den Staat. Manchmal erwische ich mich dabei, dass ich mich nach sowas sehne. Dass man gemeinsam gegen etwas sein kann. Das gibt's heutzutage nicht mehr so richtig. "Occupy" wäre schon etwas für mich, wenn ich jetzt nicht ständig auf Tour wäre. Ohnehin nervt mich das Thema Geld. Alles, was damit zu tun hat. Natürlich auch die ungerechte Verteilung davon.

Das ist ein Wort. Vielen Dank für das Interview.

Gordon Barnard

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