Interview

Grizzly Bear


Darauf haben wir uns schon Wochen vorher gefreut. Ein Interview mit Grizzly Bear, die dieses Jahr mit "Veckatimest" ein unglaubliches Album hingelegt haben. Daniel Rossen, Sänger und Gitarrist der Band, sieht das weit weniger euphorisch als wir und unsere Kritikerkollegen und erklärt zudem unter anderem, wie die Band mit dem riesigen Hype um Grizzly Bear umgegangen ist und warum das Internet das wichtigste Medium für Musiker geworden ist.

Letztes Jahr um diese Zeit interviewte ich die Fleet Foxes, wahrscheinlich DIE Band 2008. Wenige Wochen später sagte Robin Pecknold (Anm. d. Redaktion: Sänger der Fleet Foxes), dass euer kommendes Album das Beste der 00er Jahre sei. Da Grizzly Bear wohl DIE Band 2009 wird, muss ich natürlich dieses mal die Gelegenheit ergreifen und nun von dir erfahren, auf welche Band man in 2010 achten sollte.

Daniel Rossen: (lacht) Ohje, ich weiß nicht... Ich bin da nicht so drin, was neue Musik angeht. Robin ist wirklich ein toller Freund und das war wirklich nett, was er gesagt hat, aber ich tue mich da viel schwerer, irgendwelche Vorhersagen zu treffen. Für 2010 kann ich dir da gerade niemanden nennen, aber die beste Platte dieses Jahr haben auf jeden Fall die Dirty Projectors rausgebracht. Die ist noch einmal eine Million mal besser als unser neues Album.

Das denkst du wirklich?

Daniel: Auf jeden Fall. Dave (Longstreth - Mastermind der Dirty Projectors) macht auf "Bitte Orca" unglaubliche Sachen. Ich meine, ich mag meine Band wirklich, aber ich denke nicht, dass wir jetzt so einzigartig sind wie die Dirty Projectors. Das neue Album ist so unglaublich komplex und dennoch sehr eingängig, das habe ich in dieser Perfektion bisher noch nie gehört. Ich denke, man wird Dave nicht zuletzt aufgrund dieser Arbeit auch in vielen Jahren noch im Gedächtnis behalten.

Ok. Kommen wir jetzt aber zu eurem neuen Album, das ist schließlich auch nicht von schlechten Eltern. Ich habe nicht eine einzige schlechte Review über "Veckatimest" gelesen. Ganz im Gegenteil. Die Presse hat sogar eine Art Euphorie um das Album entfacht. Habt ihr diesen ganzen unglaublichen Hype überhaupt richtig wahrgenommen?

Daniel: Es war auf jeden Fall ein richtiger Hype, da gebe ich dir Recht. Wir haben jetzt nicht jede freie Minute das Internet nach Artikeln über das Album abgegrast. So viel Aufmerksamkeit wollten wir dem ganzen Trubel dann auch nicht schenken. Dennoch hat uns dieser Hype schon ziemlich geholfen in der Hinsicht, dass von Anfang an sehr viele Leute an "Veckatimest" interessiert waren. Aus künstlerischer Sicht ist das natürlich unglaublich toll, denn je mehr Menschen sich für deine Arbeit interessieren, desto größer ist die Bestätigung für deine Mühen. Daher muss ich unter dem Strich ganz klar sagen: Vielen Dank, liebe Presse, für die tolle Unterstützung, auch wenn sie nicht selten total überzogen war (lacht).

"Veckatimest" ist sehr viel eingängiger als eure früheren Alben, ohne dabei aber den typischen Grizzly-Bear-Sound aufzugeben. War das eure konkrete Absicht bevor ihr an die Aufnahmen für das Album herangegangen seid?

Daniel: Nein, das würde ich so nicht sagen. Wir wollten zwar die Songs allgemein etwas klarer und einfacher gestalten, aber letztendlich ist in jedem einzelnen Song jede Idee verarbeitet, die wir dazu hatten. Der Unterschied zu den früheren Alben ist, dass wir einfach weniger Elemente in den einzelnen Songs zugelassen haben und ich denke, das ist auch der Grund, warum "Veckatimest" allgemein eingängiger klingt.
Was wir hingegen von Anfang an beabsichtigt haben, war, die Songs so zu gestalten, dass sie vor allen Dingen auch live gut funktionieren und man sie als von einer ganzen Band gespielt wahrnimmt. Das machte das Album dann in meinen Ohren auch wesentlich lauter und dynamischer als unsere früheren Aufnahmen.

Eure Songs sind ja nichtsdestotrotz vielschichtiger und komplexer als die meisten klassischen Pop- oder Rocksongs. Wie kann man sich denn das Schreiben dieser Songs vorstellen? Ich habe beim Hören immer den Eindruck, es muss wie das Zusammensetzen eines Puzzles sein.

Daniel: Bei uns ist wirklich jeder daran interessiert, einen Song zu arrangieren, nur halt jeder auf seine ganz eigene Art und Weise. Wir reden da eigentlich gar nie viel darüber. Ich für meinen Teil arbeite gerne an Harmonien allgemein und an den Arrangements der Vocal Harmonies. Chris Bear (Bass) und Chris Taylor (Drums) werkeln an der Rhythmik und der Abstimmung mit den Texten rum und Ed (Droste - Vocals, Gitarre) hat dieses unglaubliche Gespür für die Melodien. Es macht zwar jeder im Prinzip sein Ding, aber dennoch würde ich das nicht als ein Puzzle bezeichnen, das dann zusammengesetzt werden muss. Wir machen einfach und irgendwann haben wir dann das Gefühl, dass der Song fertig ist.

Wann wisst ihr denn, dass ein Song fertig ist?

Daniel: Wissen tun wir das nie wirklich. Irgendwann zieht halt einfach mal einer den Stecker raus (lacht). Das ist es aber auch gerade, was ich an dieser Band so liebe. Es gibt keine festen Regeln, die einem vorschreiben, wann zum Beispiel ein Song zuende ist und wann nicht, oder welchen musikalischen Stil wir jetzt einschlagen und welchen nicht. Jeder Song hat quasi ein offenes Ende und es gibt keine musikalischen Grenzen, so dass wir mehr oder weniger alles ausprobieren können. Das nächste Album könnte zum Beispiel schon wieder komplett anders klingen. Ich hab keine Ahnung. Es könnte einen völlig anderen Musikstil einschlagen. Und ich liebe diese Möglichkeit, zumindest alles mal ausprobieren zu können.

Ihr habt mit eurem neuen Album ja auch einigen kommerziellen Erfolg verbucht. So wart ihr zum Beispiel auf Platz 8 der Billboard Charts. Glaubst du, dieser Erfolg könnte eure Arbeit in gewisser Weise beeinflussen?

Daniel: Es war schon ziemlich schockierend, unser Album so weit oben in den Charts zu sehen. Damit hat nun wirklich niemand gerechnet. Das ist natürlich ein riesiger Erfolg für uns, man muss aber auch ganz klar sagen, dass wir mit der selben Zahl an Verkäufen vor ein paar Jahren im Leben nicht so weit oben gestanden wären. Das ist auch der Grund, warum uns das jetzt auch nicht so in die Köpfe gefahren ist. Wir sehen das schon sehr realistisch. Wir sind glücklich darüber, aber es wird keinerlei Einfluss darauf haben, was wir tun. (lacht) Das hoffe ich zumindest.

Fühlt ihr nicht dadurch ein wenig mehr Druck im Hinblick auf das nächste Album?

Daniel: Nein. Druck war eher im Vorfeld auf "Veckatimest" zu spüren. Wir haben viel getourt und schon früh Songs aus dem Album live performt. Die Folge davon war, dass es schon sehr früh recht hohe Erwartungen an das Album gab. Wir wussten auch selbst nicht so recht, wohin die Reise jetzt gehen sollte und was jetzt passieren müsste. Das alles führte schon zu einem wirklich spürbaren Druck. Aber letztendlich haben wir ja alles super hingekriegt. Ich weiß zwar nicht, wie hoch die Erwartungen an das nächste Album sein werden, aber das ist mir auch egal. Hauptsache, wir bleiben wir und der Rest ist absolut unwichtig.

Als ich zum ersten Mal euer Video zu "Two Weeks" gesehen habe, fand ich es extrem gruselig. Es war so bizarr und surreal. Beim zweiten mal Sehen fand ich es hingegen auf eine gewisse Art und Weise lustig. Wie kamt ihr denn zu der Idee zu diesem Video?

Daniel: Patrick Daughters, der Regisseur, hatte die Idee zu dem Video. Wir hatten damit eigentlich wenig zu tun und schon gar nichts zu sagen. Ich finde es aber auch super. Da sind so viele abgefahrene Gesichtsmimiken drin, dass ich mich immer noch jedes mal bepissen könnte, wenn ich das Video sehe. Vielleicht ist es ein wenig langweilig, weil nicht so unglaublich viel passiert, aber dafür ziehen wir die wohl dämlichsten Fressen der Musikvideogeschichte (lacht).

Wird es noch ein weiteres Video geben?

Daniel: Ja, es wird noch eines zu "While You Wait For The Others" geben. Das ist übrigens unter der Regie von Sean Pecknold, Robins Bruder, entstanden. Wir werden darin nicht viel zu sehen sein. Er hat viel mit Stop-Timing und Animationen gearbeitet. Vielleicht machen wir sogar noch ein Video, das haben wir noch nicht so ganz entschieden.

Denkst du, es macht überhaupt noch Sinn, Videos zu drehen, wo doch MTV und Konsorten so gut wie keine Musikvideos mehr senden?

Daniel: Ich denke, wir machen Videos in erster Linie auch gar nicht mehr für MTV und VH1, sondern hauptsächlich nur noch für das Internet. Mit Videos kann man auch keine Alben mehr verkaufen. Es hat jetzt eigentlich nur noch die Funktion eines Promotools, welches von den Labels zusammen mit den Singles digital an die Presse weitergegeben wird. Musikvideos haben total an Bedeutung verloren. Wenn sie gut gemacht sind, schaue ich sie mir gerne an, aber so unglaublich wichtig, wie sie vielleicht mal vor zehn Jahren waren, sind sie überhaupt nicht mehr. Naja, wir machen sie halt, weil das Label es so will und eigentlich macht es ja auch Spaß, Videos zu drehen.

Ich habe den Eindruck, dass ihr ziemlich auf das ganze Web-2.0-Ding abfahrt. Ihr twittert ja alle regelmäßig, seid bei Myspace fleißig dabei und auch sonst schreibt ihr viel auf eurer Website. Als Dank wurde der Leak von "Veckatimest" schon Monate vor Release ins Netz gestellt. Seht ihr das Internet als etwas an, von dem man zwar profitieren kann, dem man aber auch gewisse Zugeständnisse machen muss?

Daniel: Das ist ziemlich genau das Verständnis, welches man im Umgang mit dem Internet mitbringen muss, ganz genau. Auf der einen Seite hätte ohne das Internet keine Sau außerhalb der Staaten irgendwas von unserer Musik mitbekommen. Dank des Internets können wir überhaupt erst hier oder in Japan touren. Auf der anderen Seite verkaufen wir natürlich aufgrund des Internets sehr viel weniger Alben. Das ist zwar scheiße, aber meiner Meinung nach muss man das heutzutage als Musiker einfach akzeptieren und das Beste daraus machen. Ich meine, wiegen wir doch beides mal gegeneinander auf. Ein Liveerlebnis wird dir kein Leak der Welt auf gleiche Weise bieten können. Daher überwiegen eindeutig die größeren Möglichkeiten des Tourens, die uns durch das Internet geboten werden, die Einschränkungen beim Plattenverkauf.

Hast du schon von gimmesound.com gehört? Das ist eine neue Internetplattform, wo Bands und Künstler ihre Musik hochladen und die User die Alben und Songs dann kostenlos runterladen können. Die Bands werden dann aus den Werbeeinnahmen prozentual anhand der Downloadzahl bezahlt. Könnte das ein Zukunftsmodell für den Musikvertrieb sein?

Daniel: Davon habe ich noch nie gehört, aber das scheint mir eine ganz interessante Idee zu sein. Viel wird man da aber mit Sicherheit nicht verdienen, doch ich frage mich sowieso, wie man so bescheuert sein kann, zu glauben, als Musiker seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können (lacht).

Fehler bei der Berufswahl, was?

Daniel: Nein, nein. Ich bin schon ganz froh mit dem, was ich mache, und die Einnahmen während des Tourens reichen aus, damit ich nicht vollkommen am Hungertuch nagen muss.

Bevor ich dich in den Feierabend entlasse, noch die abschließende Frage nach dem nächsten Album. Habt ihr schon ein paar Ideen gesammelt?

Daniel: Ja, ein paar Ideen haben sich da tatsächlich schon angesammelt. Aber noch nichts so Konkretes, dass ich dir jetzt sagen könnte, in welche Richtung das Ganze gehen wird. Ich bin allerdings jetzt schon ganz aufgeregt und freue mich auf die nächsten Aufnahmesessions.

Wir mit Sicherheit auch.

Benjamin Köhler

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