Interview

Gisbert zu Knyphausen


Vielleicht nicht das beste Timing: Wahlhamburger Gisbert zu Knyphausen spielt an eben dem Tag in Bremen, an dem sich der HSV und Werder Bremen dort eines ihrer zwei jährlichen Bundesligaduelle liefern. Über das runde Leder reden wir mit Gisbert dennoch natürlich nicht – bietet sich sein tolles zweites Album "Hurra! Hurra! So nicht." doch viel mehr als Gesprächsthema an.

Hey Gisbert! Freust du dich, dass deine Tour wieder los geht? Heute ist ja der erste Tag.

Gisbert zu Knyphausen: Allgemein schon, ja, auch wenn ich noch nicht ganz wieder im Tourmodus drin bin. Es hat auch gut getan, vorher einfach mal eine Woche gar nichts zu tun – das hätte ruhig noch etwas länger dauern können.

Deine Texte lassen ja schon immer vermuten, dass du ein ziemlicher Fernwehmensch bist.

Gisbert: Ja, auf jeden Fall. Ich fahr auch gern einfach im Auto durch die Gegend. Auch im Urlaub – Auto, Zelt oder, wenn's sein muss, mal ein Hotelzimmer. Schon mit Ziel, auch wenn das ziellose Fahren an sich auch schon schön ist.

Ich hätte jetzt auch vermutet, dass du gerne Schiffe magst... Die sind ja auch ein ziemliches Sehnsuchtssymbol, wie zum Beispiel in deinem Lied „Kräne“.

Gisbert: Ja, aber wann macht man denn schon mal 'nen Schiffsurlaub? Ich hab nun ja auch die letzten dreieinhalb Jahre in Hamburg gewohnt, da lag es nahe, über den ganzen Hafen und die Kräne zu schreiben, weil ich auch einfach gerne am Elbufer gelegen und mir das ganze Spektakel angeschaut hab. Deswegen: Joa. Zuerst waren die Beschreibungen von den Kränen da, die „riesigen Tiere mit den metallenen Krallen“...

Das Thema „Melancholie“ ist auch noch ziemlich prominent. Bist du ein Melancholiker oder ist es nur einfach schwieriger, fröhliche Lieder zu schreiben?

Gisbert: Beides. Ich bin schon ein melancholischer Mensch, aber das ist höchstens die Hälfte oder so. In mir steckt auch viel Fröhlichkeit, aber darüber Songs zu schreiben, hab ich bisher noch nicht so hingekriegt. Über traurigere Themen oder in einer tiefsinnigeren Stimmung zu schreiben, fällt mir lustigerweise leichter. Wenn ich melancholisch bin, greif ich viel eher zur Gitarre, weil ich dann das Gefühl hab, dass irgendwas raus will. Deswegen spiegeln meine Platten bisher auch mehr die „dunkle Seite“ von mir wieder (lacht). 

Depressionen sind ja auch oft ein besonderer Antrieb, künstlerisch tätig zu sein. Aber die Frage „Was hast du der Menschheit jemals Gutes gebracht, außer Musik und Kunst und billigen Gedichten“, die du in „Melancholie“ stellst, ist schon ziemlich frech, oder? Das ist ja schon eine ganze Menge.

Gisbert: Ja, das ist auch etwas albern und nicht SO ernst gemeint. Das war in dem Moment aber die richtige Frage, weil mir das schon etwas auf den Sack gegangen ist und ich mich eben gefragt habe, woher der Antrieb überhaupt kommt, Lieder zu schreiben. Das ist ja schon eine große Egosache. Was fügt man dem Leben dann eigentlich hinzu? Klar, Musik schon eine ganze Menge, ich hör auch selber sauviel Musik – aber manchmal fragt man sich dann als Musikmachender, warum man eigentlich Lieder schreibt. Im Prinzip hat man immer das Gefühl, dass alle Lieder schon geschrieben wurden, und sich dann darüber hinweg zu setzen und eigene Musik zu schreiben, ist seltsam. Daher kommt auch diese Frage.

Findest du denn auch Antworten auf solche Fragen oder machst du einfach trotzdem weiter?

Gisbert: Ich glaube, die Antwort ist: Weil es einfach Spaß macht (lacht) und man irgendwoher den Antrieb hat, irgendsowas zu kreieren. Das haben ja bestimmt viele Menschen: Das Bedürfnis, irgendwas zu erschaffen. 

Für sich selber oder für andere?

Gisbert: Ja, beides. Ich behaupte mal, dass die meiste Kunst in erster Linie für den Künstler selber gedacht war und dann erst für die Rezeption durch andere da ist. In erster Linie hat man ja Bock, ein Lied zu schreiben und erfreut sich dann selbst daran. Was die Leute aus den Liedern machen, ist ja denen überlassen, also schon eher eine egoistische Sache (lacht).

Das ändert sich aber ja spätestens, wenn man beispielsweise einen Vertrag über eine bestimmte Anzahl an Alben unterschreibt oder Fans herumpöbeln, dass nichts Neues kommt.

Gisbert: Ja, dann fängt man an, drüber nachzudenken, dass man ja schon lange nichts mehr geschrieben hat – aber aus solchen Gründen eine Platte zu machen, wär schon ziemlich doof. Die Erwartungshaltung von den Leuten, die meine Lieder kannten, hab ich aber diesmal schon immer bemerkt. Es ist schon ein Unterschied, ob man nicht weiß, ob jemals jemand anderes deine Lieder hören wird oder ob man weiß: „OK, ein paar tausend Leute haben deine letzte Platte gekauft und wahrscheinlich noch mehr gehört, und die neuen Songs werden bestimmt genauso viele Leute hören.“ Der Gedanke ist komisch, den muss man gleich wieder los lassen, damit man nicht darüber nachdenkt, was die Leute eigentlich erwarten. Es will sowieso jeder etwas anderes, da kann man gar nicht alle befriedigen. Wie oft mir Leute schon gesagt haben „Deine Solosachen find ich aber viel geiler“, und dann wieder andere: „Mit Band bist du aber viel geiler!“ Mit sowas habe ich mich auch eine Weile selbst blockiert, aber dann konnte ich das zum Glück vergessen und die Lieder fertig schreiben.

Diesmal war die Band aber auch mehr daran beteiligt, wie die Lieder klingen, oder?

Gisbert: Ja, alleine schon, weil wir jetzt seit vor der ersten Platte in dieser Besetzung zusammen spielen, da konnte ich schon immer neue Ideen herantragen, die noch komplett unfertig waren und die wir dann gemeinsam fertiggestellt haben, oder wir haben ein schon fertiges Lied neu arrangiert. Ich kann mir sowieso nicht richtig gut ausdenken, was die anderen machen sollen, deswegen jammen wir einfach so lange herum, bis ich's gut finde (lacht). Da bin ich schon der Diktator. Find's aber schon geil, dass es eine feste Band geworden ist, weil ich schon immer lieber in Bands gespielt habe – ist es jetzt ja auch noch, aber halt unter meinem Namen und mit mir auf der Platte (lacht).

Merkt man denn bei einzelnen Bandmitgliedern, dass sie immer eine bestimmte Art von Ideen oder Einflüssen einbringen wollen?

Gisbert: Das ist bei uns recht unterschiedlich. Am deutlichsten ist es, glaub ich, bei unserem Bassisten Frenzy, der spielt ungern einfach so einzelne Achtel, so einen Punkbass. Dann will er immer ganz viele Melodien einbringen. Das prägt auch die Arrangements – bild ich mir ein.

Ich würde kurz über's Artwork der Platte mit dir reden: War es Absicht, dass es düster geworden ist wie der Rest der Platte oder fandest du einfach die Ästhetik toll?

Gisbert: Das ging Hand in Hand. Wir hatten da schon angefangen, aufzunehmen – wir haben schon im Januar 2009 erste Sessions gehabt und dann jetzt im Winter so richtig – und das hat sich, glaub ich, gegenseitig beeinflusst. Ich hab auch gemerkt, dass die Lieder melancholischer geworden sind und hatte immer im Hinterkopf, dass der Hintergrund schwarz sein musste, nur mit Schattierungen drauf. Was genau, das wusste ich nicht. Da kam dann Tina, die das Artwork macht, mit dem Einfall an, dass sie uns gerne fotographieren und die Fotos dann abzeichnen würde. Das hat sie ganz aufwändig gemacht, mit so einem elektronischen Pad. Dazu hatte ich dann noch die Idee einer nächtlichen Stadtkulisse. Hamburg natürlich.

Jetzt hast du gerade selber gemeint, dass das Album melancholischer geworden sei. Hast du eine Ahnung, wie das gekommen ist?

Gisbert: Ööööh...Nö. Ich hab immer Phasen, aber ich hab auch Spaß am Düsteren. Es gibt jedoch keine konkreten Gründe, abgesehen von dem einen Lied, in dem ich über einen Todesfall singe („Seltsames Licht“, Anm. des Autors), aber nicht nur deswegen.

Zu den Gründen für die Ernsthaftigkeit gehört aber nicht, dass du letztes Jahr 30 geworden bist, oder?

Gisbert: Kann sein (lacht). Ich bilde mir eigentlich ein, darüber nicht nachzudenken. Im Nachhinein hab ich aber schon darüber nachgedacht.

Wirklich? Ich dachte immer, das wär hauptsächlich so ein kulturelles Ding, das einem oktruyiert wird.

Gisbert: Ja, genau. Im Jahr, in dem ich 30 wurde, hab ich das gar nicht so empfunden, und auch nicht an meinem Geburtstag selbst. Erst im Winter, aber da war ich sowieso scheiße drauf, da hab ich dann auch darüber nachgedacht, wie es mal weitergehen soll und wie kauzig ich noch werden kann (lacht).

Kauzig?

Gisbert: Ja, ich glaube, man wird mit dem Alter immer verschrobener. Die kleinen Macken, die man sowieso immer hat, die wird man dann nicht mehr los.

Zu guter Letzt: Das Weingut deines Vaters hat ja schon zum Debütalbum einen Wein verkauft, damals einen Riesling, und diesmal einen Spätburgunder.

Gisbert: Ja, der hat auch zur Platte gepasst – die Flasche ist so schön dunkel, und dann das Artwork... Da hab ich meinem Papa unseren ganzen Rotweinbestand abgequatscht, an sich haben wir zu 90% Weißwein.

Okay, meine Frage ist aber: Wenn du ein Wein wärst, Gisbert, was für ein Wein wärst du dann?

Gisbert: Eigentlich schon eher ein Weißwein.

Und wieso?

Gisbert: Kann man besser wegsaufen.

Photo: Pressefreigabe

Jan Martens

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