Rezension

Gisbert zu Knyphausen

Hurra! Hurra! So nicht.


Highlights: Seltsames Licht // Kräne // Morsches Holz // Melancholie
Genre: Singer-Songwriter
Sounds Like: Sven Regner // Kettcar // Clickclickdecker

VÖ: 23.04.2010

Unter Ministern, Diplomaten und Weinbauern ist er der Songschreiber der Familie zu Knyphausen. Da darf man schon von Stolz sprechen, als Gisbert sich eben keinen Künstlernamen zulegte. Das Resultat war vielerorts Irritation – „Zu Knyphausen? Ist der Typ jetzt Chorleiter oder Jazz-Pianist?“ Drum ging sein Debüt der Musikpresse fast ausnahmslos durch die Lappen. Dass Feuilletons ihn nun doch hochleben lassen und Konzerte grundsätzlich ausverkauft sind, zeigt: Gisbert 1, Musikjournalismus 0.

Eigenlob stinkt ja, aber Helga fand den Wiesbadener damals schon dufte. Und um es gleich mal vorweg zu nehmen: Der Nachfolger seines 2008er Debüts kann jedes im Vorfeld gegebene Versprechen einlösen. Jedes. Denn er wahrt das Unverwechselbare des Debüts. Gisberts gelassene Stimme, die er gern und oft einfach nur sprechen lässt. Und die Texte zwischen Selbstkritik und Hoffnungsschimmer, stets auf der Schnittfläche von offenherzig konkret und allgemeingültig. Da wiegt der Kloß im Hals einen Zentner, wenn Gisbert in „Seltsames Licht“ einen geliebten Menschen endgültig ins Nachleben entlässt. Oder wenn er der Muse jedes Künstlers, der Traurigkeit selbst, in „Melancholie“ mal ordentlich den Marsch bläst.

Anderswo geht’s hingegen auf Kurs Richung Neuland. Das düstere Cover ist kein Zufall. Häufig ist der Kopf gesenkt, die Atmosphäre dicht. Dabei ist trotz einsam vom Chef vorgetragener Songs wie „Melancholie“ oder „Es ist still auf dem Rastplatz Krachgarten“ das Bandgefühl dieses Mal spürbarer – der Opener „Hey“ stürzt sich gar ganz unerwartet in einen lärmigen Saitenstrudel. Oder wie die Steel-Paddle in „Morsches Holz“ wieder dieses Bild vom streunenden Cowboy herauf beschwört, während Gisbert sich in Rage textet und seinen Hirninhalt sinnbildlich in schwarze Löcher plumpsen lässt. Dann natürlich: „Nichts Als Gespenster“, welches das Album im Blues beschließt und schon das Flair eines Nick Cave atmet. Diese Band hat nicht tatenlos herumgesessen.

Zu feiern ist es da, dass ein so außergewöhnlicher wie unerkennbarer Liedermacher inzwischen schon auf ZEIT-Online seine Ständchen zum Besten gibt. Mundpropaganda, der Dank geht auch an dich. Sowas wie vor zwei Jahren wird nie wieder vorkommen. Wo bleiben eigentlich die Entschuldigungen?

Gordon Barnard

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