Interview

Courtney Barnett


An einem der ersten unangenehmen, kalten Wintertage treffen wir Courtney Barnett, die großartige 26-jährige Slackerpop-Australierin, zum Interview im hippen Michelberger Hotel in Berlin. Die gemütliche Gesprächsatmosphäre macht das blöde Wetter schnell vergessen. Zurückhaltend, bedacht und knapp, aber stets mit einem charmanten Lächeln reagiert Courtney auf die Fragen.

Am Vorabend hat Courtney mit ihrer Band, den Courtney Barnetts, eine gefeierte Show im nahen Magnet Club gespielt. Das Venue war bis auf den letzten Winkel ausverkauft, und das obwohl Courtney erst eine Doppel-EP ("A Sea Of Split Peas") veröffentlicht hat. Lässig, sympathisch und mit viel offensichtlicher Freude an der Sache wurde diese live präsentiert.

Schön, dass du hier bist, und danke für das tolle Konzert gestern. Wie hat es dir gefallen?

Courtney: Oh, es war toll. Ich mochte es sehr. Ich war ziemlich nervös, denn ich war so aufgeregt, dass so viele Menschen da waren. Das ist schon eine weirde Geschichte, auf die andere Seite der Welt zu reisen, dort zu spielen, und die Show ist ausverkauft.

Das dachte ich mir auch. Und du hast gerade erst eine EP veröffentlicht. Ich habe mich dann unweigerlich gefragt: Was wird passieren, wenn du ein Album veröffentlichst? Wo wirst du dann wohl spielen?

Courtney: Keine Ahnung. Ich hoffe einfach, die Leute mögen es, und dann sehen wir, was passiert.

War das eigentlich dein erstes Konzert in Berlin? Ich hab nicht nachgeschaut.

Courtney: Ja, und ich bin auch das erste Mal hier überhaupt. Ich glaube, es gefällt mir hier, hoffentlich haben wir heute Abend noch etwas Zeit, den Off-Day zu nutzen. Bis jetzt war ich die meiste Zeit hier im Hotel und drüben im Magnet.

Das ist auch eure erste richtige eigene Europa-Tour, ohne Festivals, oder?

Courtney: Schon. Wir haben vorher auch zwischendurch ein paar kleine Shows gespielt, aber das hier ist jetzt unser erster eigener "Big Deal".

Schön. Mir ist gestern besonders aufgefallen, dass ihr auf der Bühne eine Menge Spaß hattet und sogar ganz schön viel lacht. Ist das etwas, was sehr wichtig für dich ist dabei, Musik zu machen? Dass der Spaß daran niemals zu kurz kommt?

Courtney: (überlegt) Auf jeden Fall. Ich habe immer mit Freunden zusammengespielt. Es ist mir sehr wichtig, all diese Momente zu teilen. Denn Musik ist Spaß, sie sollte zumindest Spaß sein. Sogar, wenn du düstere Texte singst, der Akt des Musikmachens ist immer noch so angenehm. Ich bin sehr eng befreundet mit meiner Band, also ist es großartig, all das mit ihnen zu teilen. Und dann ist es auch noch schön, diesen Spaß, den wir haben, mit einem ganzen Haufen Menschen, die wir nicht kennen, irgendwo auf der Welt zu teilen.

Also ist Spaß ein großer Antrieb zum Musik machen.

Courtney: Ja, schon. (überlegt) Weißt du, ich mag es zu schreiben, einfach nur um Ideen auszudrücken, um Dinge zu kommunizieren. Das ist definitiv ein Vergnügen, ich schreibe mir Gedanken aus dem Kopf heraus. Dann hört das jemand anders, der vielleicht dieselben Dinge im Kopf hat, das macht ihn glücklich und mich, wenn ich es singe. Musik machen ist für mich gleichwertig Spaß und meine Gedanken kommunizieren, Ideen teilen. Das geht Hand in Hand miteinander.

Und Musik ist so ein schöner Weg, zu kommunizieren. Mir ist aufgefallen, dass nach meinem Eindruck dein Verständnis von Spaß immer auch eine spur ironisch ist. Ironie auf eine gute Art und Weise, im Sinne, alltägliche Dinge nicht immer all zu ernst zu betrachten, sondern in allem immer etwas Schräges zu entdecken.

Courtney: Total. Ich glaube, das ist etwas, das ich unbewusst beständig suche. Das ist jetzt simpel gesagt, aber es gibt eine Menge Beschissenheit in der Welt, aber auch viele tolle Dinge. Tolle Dinge im Kleinen, witzige Details, die man finden muss. Und vielleicht ist Ironie ein Weg, die Welt ein wenig schiefer zu betrachten und manchmal ein bisschen einfacher zu machen.

Du ziehst deine textliche Inspiration viel aus dem alltäglichen Leben.

Courtney: Ja – einfach viele kleine Dinge, die andere Menschen vielleicht nicht bemerken, über die man nicht typischerweise einen Song schreiben würde. Es ist einfach schön, kleine Details festzunageln, die viele Menschen vielleicht bemerken, aber nicht festhalten können. Darüber einen Song schreiben, oder ein Buch schreiben. Es ist schön, diese kleinen Dinge zu "highlighten".

Auf jeden Fall. Wie schreibst du denn dann deine Texte? Praktisch konstant und immer, um diese kleinen Dinge direkt festzuhalten?

Courtney: Meistens schon, ich versuche es, denn sonst vergesse ich viel. Ich hab ein kleines Notizbuch, in das ich eine Menge einfach reinkritzel. Sätze, Wörter, Zeichnungen. Es dauert eine ganze Weile, das zu Songtexten zu machen, manchmal dauert es ein Jahr. Oft ist es nur ein Satz, der umherfliegt, manchmal sogar nur ein Gedanke, den ich noch gar nicht zu einem Satz formen kann, eine vage Idee. Naja – irgendwas steht immer in meinem Buch, und ich schaue dann, was damit passiert.

Wann hast du damit angefangen, dein Buch zu führen?

Courtney: Puh, so ziemlich früh, als ich noch ein Kind war.

Und wann und warum hast du damit angefangen, dein Notizbuch zu Musik zu machen?

Courtney: Ich habe eine Menge Gedichte in der Schule geschrieben, habe angefangen, Gitarre zu spielen, als ich zehn oder so war. Irgendwann habe ich angefangen, beides zusammenzubringen, und als ich 18 war, habe ich richtige Songs geschrieben. Die habe ich dann auf ersten kleinen Shows gespielt. Es ist ein langer, fortwährender Prozess.

Warum hast du denn speziell mit Musik angefangen? Du hättest ja auch Gedichte schreiben können, oder zeichnen.

Courtney: Ich glaube, das war ein bisschen aufregender: Instrumente, Zuschauer, Bands. Ich wollte immer in einer Band spielen.

Vielleicht ist das auch einfach ein direkterer Weg, zu kommunizieren? Wenn du zeichnest, wird deine Zeichnung in einem Buch veröffentlicht, aber du siehst die Menschen, die es lesen, nicht dabei. Aber wenn du ein Konzert spielst, hast du Interaktion mit deinem Publikum.

Courtney: Stimmt – da habe ich noch nie so genau drüber nachgedacht. (überlegt) Ich bin ehrlich gesagt ein sehr schüchterner Mensch. Als ich angefangen habe, Konzerte zu spielen, war ich jedes Mal so unglaublich nervös, ich habe gezittert, fast losgeheult. Bei den ersten Konzerten hatte ich gar keine Genugtuung – alles was ich hatte, war Nervenflattern. Aber ganz offensichtlich steckt da etwas drin, das mich dazu gebracht hat, weiterzumachen. Das ist echt interessant – irgendwie ein schräges Konzept.

Wie schön also, dass du weitergemacht hast und jetzt hier bist. Die nächste Frage ist ziemlich classic, aber deshalb nicht minder interessant: Was sind deine größten musikalischen Inspirationen, warum hast du irgendwann die Gitarre in die Hand genommen?

Courtney: (lacht) Ich habe ziemlich viel Nirvana gehört und Jimi Hendrix. Und dann einen Haufen weiteres Neunziger-Zeugs, und meine Eltern haben viel Jazz gehört. Als ich aufgewachsen bin, habe ich natürlich auch Beatles gehört, Velvet Underground, habe Zeugs entdeckt, das Leute mir gezeigt haben.

Gibt es irgendeine spezielle Platte, die dich inspiriert hat? Die du die ganze Zeit gehört hast?

Courtney: (überlegt lange) Ich weiß nicht. Ich habe sehr viel Television gehört – "Marquee Moon". Das ist eine großartige Platte. Aber die habe ich auch eigentlich erst in den letzten zwei Jahren gehört (lacht).

Hast du sie dieses Jahr beim Primavera Sound Festival gesehen?

Courtney: Oh ja! Ich bin gleich nach unserem Konzert rübergerannt und hab sie mir angeschaut.

Stimmt, das war nach eurem Konzert! Dann sind wir vielleicht nebeneinander hergelaufen! (Gelächter)

Courtney: Also ich hab noch ein paar Songs erwischt, du ja dann auch.

Du sagtest ja, du schreibst schon lange Gedanken auf. Zeichnest du auch schon so lange?

Courtney: Ja. Mein Vater hat sehr viel gezeichnet, ich mochte Kunst sehr in der Schule und habe das auch immer gemacht. Ich wollte früher immer Cartoonistin werden, früher in der Schule. Später bin ich dann zur Kunsthochschule gegangen, weil ich an dem Gedanken festhielt. Die hab ich dann aber nicht fertig gemacht, denn dann hab ich angefangen, Konzerte zu spielen, mich mehr auf Musik zu konzentrieren, und dann kam eins zum andern.

Und jetzt begleiten die Zeichnungen die Musik (Anm. der Redaktion: Courtney zeichnet ihr Artwork komplett selbst.).

Courtney: Ja – ich denke, die beiden verstehen sich sehr gut.

Jetzt bist du im Prinzip auch eine Cartoonistin, du machst Cartoons für deine Musik.

Courtney: Auf jeden Fall. Es hilft dabei, Ideen zu illustrieren. Man hat dann ein Bild zu einem Bündel Wörter.

Total. Wie kam es eigentlich dazu, dass du dein eigenes Label – Milk Records – gegründet hast?

Courtney: Einfach aus der Notwendigkeit. Ich wusste nicht, wie ich meine Musik sonst hätte veröffentlichen sollen. Dann habe ich Shows gespielt, die sich per Mundpropaganda verbreiteten, Menschen kauften die Alben. Es fühlte sich ganz natürlich an. Irgendwann lief es dann gut genug, dass wir die Platten von Freunden veröffentlichen konnten.

Das ist so cool und witzig, dass du das einfach gemacht hast, obwohl du – wie du selber sagst – so schüchtern bist. Du hast immerhin dein eigenes Label gegründet, und das Musikmachen so richtig selbst in die Hand genommen, trotz deiner Scheuklappen. Ich mag diese Mentalität, Musik einfach zu veröffentlichen und zu schauen, was damit passiert. Nicht erst ein Label finden, Promotion, all dieses Business-Zeugs.

Courtney: Total. Du brauchst nicht einen Typen, der einem Typen erzählt, dass es da diese Leute gibt, bei diesem Label von dem Typen... und so weiter. Mach einfach Musik und schau, was passiert.

Und so kam deine Doppel-EP ("A Sea Of Split Peas") einfach zustande? Sie war nie als Album, oder Doppel-EP, wie auch immer, geplant?

Courtney: Ja, ich hab die beiden einzelnen EPs für die internationale Veröffentlichung zusammengefügt, weil das einfacher war. Eine CD kann man einfacher verschicken als zwei (lacht). Aufgenommen wurden die beiden EPs zeitlich anderthalb Jahre auseinander, also sind sie nicht wie bei einem Album in sich geschlossen. Ich habe jetzt ein Album über ein Jahr lang geschrieben und wir haben es dann in acht Tagen aufgenommen – da ist das natürlich anders. Viele Menschen hören die Doppel-EP und sagen, dass sie für sie auch wie ein Album klingt, das ist interessant. Jeder kann es für sich auf eigene Art und Weise interpretieren, das mag ich.

Also kommt die Platte bald raus?

Courtney: Ja, ich muss nur noch ein paar finale Entscheidungen treffen.

...zum Beispiel noch das Cover zeichnen?

Courtney: Zum Beispiel!

Mal sehen, was dann passiert, wo du dann so Konzerte spielst.

Courtney: Auf jeden Fall wird es Spaß machen!

Daniel Waldhuber

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