Interview

British Sea Power


Eigentlich wollten British Sea Power ihr Album "Valhalla Dancehall" bereits im Frühjahr in Deutschland präsentieren. Doch die Konzerte wurden auf den Herbst, ans Ende der Tour, verschoben. Wir sprachen mit den beiden Bandmitgliedern Martin Noble und Phil Sumner vor dem Auftritt im Berliner Lido über die abgelaufene Tour, Pläne für zahlreiche neue EPs – und über Paul Gascoigne.

Was mich als erstes interessieren würde: Momentan wird in der Welt eine Menge bewertet. Die Medien sprechen über Rating-Agenturen, man kann Musik und Filme raten. Wenn ihr ein Rating der Band für das laufende Jahr aufstellen müsstest, wie würde das ausfallen?

Martin: 10 von 10.

Und verglichen mit anderen Jahren?

Martin: Auch 10 von 10.

Phil (lacht): Ja, wobei das aktuelle Jahr schon besser läuft als das davor. Wir touren viel, zuvor haben wir nur Festivals gespielt – hier und da mal ein bisschen was. Es ist aufregend, mit einer neuen Platte unterwegs zu sein, und wir kommen ans Ende dieses Prozesses.

Sehnt ihr euch bereits nach Ferien oder würdet ihr das Touren gerne noch ein bisschen fortsetzen?

Martin: Ich glaube, eine weitere Woche wäre schön. Wirklich, wir gehen jetzt noch mal für eine Woche der Tour zurück nach UK – und das ist dann das Ende der Valhalla-Dancehall-Tour.

Und habt ihr schon Pläne für die Zeit danach?

Martin: Ja, wir werden...

Phil: ...mindestens sechs Monate lang neues Material aufnehmen. Ungefähr jeden Monat eine EP.

Also geht's zurück ins Studio...

Phil: Na ja, wir machen viel Home Recording.

Zum Beispiel auf der Isle of Skye, wo ihr eure Basis habt.

Phil: Ja, Yan und Neil leben dort. Wir beide wohnen in Brighton. Die EP-Idee über die kommenden sechs Monate zu verfolgen, ist echt aufregend. Es wird neuer Kram sein – Perspektiven für die nächste Platte. Wir werden durchhalten und schauen, was übrig bleibt.

Martin: Wir hoffen, dass jede EP ihren eigenen Style haben wird. Dann haben wir am Ende des Ganzen hoffentlich einen klaren Überblick darüber, was wir als Album machen wollen. Dieser Prozess mit all den EPs ist echt interessant.

Das macht dann also ungefähr 20 Tracks.

Phil: Mindestens 5 Tracks pro EP.

Martin: Also insgesamt 30, vielleicht 40 Tracks.

Und die wollt ihr alle veröffentlichen?

Martin: Ja.

Phil: Ja, definitiv. Wir releasen die über unser eigenes Label, nicht über Rough Trade.

Martin: Dann gehen wir am Ende ins Studio, um das beste davon als Album einzuspielen.

Phil: Rough Trade ist damit einverstanden. Wir wollen ein wirklich gutes Album machen, und das scheint ein guter Weg zu sein.

Martin: Es könnte auch sein, dass wir am Ende zusätzlich ein weiteres Soundtrack-Album in Händen halten. Man kann auf diese Weise so viel ausprobieren, ohne dabei in irgendeiner Weise unter Druck zu stehen.

Ihr habt vier Alben, mehrere EPs und einen Soundtrack veröffentlicht. Mein Eindruck ist, dass der Sound von British Sea Power auf allen Alben ziemlich ähnlich ist. Es gibt Unterschiede im Detail, aber fast jeder Track hätte auch auf einem anderen Album stehen können. "Georgie Ray" hätte zum Beispiel auch auf "Open Season" gepasst. Das ist so interessant an British Sea Power.

(Phil lacht laut.)

Martin: Ich hoffe, wir werden irgendwann... (bricht ab) Hmm, es wird immer zu einem bestimmten Teil British Sea Power sein. Yans Stimme und ein paar andere Sachen – die wird der Sound immer haben. Ich hoffe, wir schaffen es, einen guten Schritt in eine neue Richtung zu setzen. Bereits mit diesem Album dachten wir, wir hätten diesen Schritt gemacht. Aber so richtig hat das nicht funktioniert.

(Beide lachen.)

Ja. Ich hab mich gefragt, ob ihr nie überlegt habt, "progressiver" oder "elektronischer" zu werden.

Phil: Ich glaube, wir haben versucht, genau das mit Valhalla Dancehall anzustreben. Vielleicht kommt es am Ende etwas zu beständig daher, nicht besonders experimentell.

Martin: "Living Is So Easy" haben wir zum Beispiel komplett ohne Gitarren eingespielt, aber es klingt nicht sonderlich ausgefallen.

Phil: Aber jetzt haben wir die Chance, das sechs weitere Monate auszuprobieren.

Wenn man zurückdenkt, wo ihr angefangen habt, "The Decline Of British Sea Power" – vor allem in den ersten Tracks gab es mehr Riffs, es war "ausgefallener", wie du gesagt hast. Besonders "Lately", einer meiner Lieblingstracks, der ist ziemlich lang. Könntet ihr euch vorstellen, längere Songs zu produzieren?

Martin: Wir haben "Once More Now" auf dem neuen Album.

Ja, aber der hat keine Riffs, ein ziemlich ruhiger Song.

Martin: Stimmt. Nun, das ist eine dieser Sachen. Man will nicht die Vergangenheit verdoppeln und einfach einen zweiten Song wie "Lately" machen. Wir müssen uns etwas mehr Freiheit gönnen. Es gibt so viele Wege, Songs zu schreiben.

Phil: Ich denke, das stimmt. Ich bin sicher, wenn du einen Song wie "Lately" hörst, stellst du fest, dass es der Abdruck eines anderen Songs ist. Styles, Sounds, überlappende Klänge. Verstehst du, was ich meine? Ich glaub, wir werden zurückkehren, und das mehr machen. Wahrscheinlich ist das auch schon gemacht worden, aber wir werden's noch mal probieren. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch ein paar klassische Riffs geben wird (guckt Martin an – beide beginnen zu lachen).

Martin: Das ist dann wohl das, was du an dem Song magst.

Anderes Thema. Heute spielt ihr in Berlin, da sind weitere große Städte in eurem Tourplan. Auf der anderen Seite verbringt ihr viel Zeit auf dem Land. Na gut, Brighton ist zwar nicht Provinz, aber es ist auch nicht so belebt wie Berlin oder London. Wäre es eine Option für euch, eine Tour ausschließlich in kleinen Dörfern zu spielen?

Phil: So in der Art haben wir das schon gemacht.

Aber nicht im Ausland, oder? Hier spielt ihr in altbekannten Locations wie heute im Lido in Berlin.

Phil: Nee, stimmt, hast recht. Das ist eine großartige Idee. Wir haben das in Großbritannien auch gemacht. Das Problem: Es kostet Geld, rüberzukommen, und das beschränkt dich in deiner Auswahl für Locations.

Martin: In UK sind wir eben eine wesentlich größere Band.

Gefällt euch das? Dass ihr nach Berlin kommt und euch zwar ein paar Leute lieben und vorbeischauen, aber dass es heute vielleicht 500 oder 1000 Leute werden, keine Ahnung. In Großbritannien dagegen könntet ihr in kleinen Orten auftreten und sicher sein, dass die Leute kommen. Wenn ihr hier auf dem Land spielen würdet, käme wohl niemand.

Martin: 5 Leute... (lacht).

Phil: So nett das auch wäre, man kann keine 500 Leute zwingen... (schmunzelt).

Gibt euch das ein anderes Gefühl des Tourens? Könntet ihr die Unterschiede zwischen einer UK-Tour und einer Tour im Ausland beschreiben?

Martin: Es ist immer noch ein tolles Gefühl, in den großen Metropolen wie Manchester, Glasgow, Leeds, London zu spielen. Aber von Zeit zu Zeit gehen wir raus und spielen an den Wochenenden Konzerte in kleineren Locations.

Ja, ihr habt in ziemlich ungewöhnlichen Locations gespielt: Im Museum oder in der Tschechischen Botschaft.

Martin: Normalerweise sind das einmalige Sachen.

Phil: Aber die lockern das ganze Programm ein bisschen auf. Ansonsten würde man jedes Mal in den gleichen Pubs, in denselben Venues auftreten.

Habt ihr einen Ort auf der Welt im Hinterkopf, an dem ihr gerne spielen würdet? Einen seltsamen oder verlassenen Platz vielleicht? Muse z.B. haben ja mal angekündigt, dass sie gerne im Weltall spielen würden.

Phil (trocken): Ich bin nicht überrascht, dass sie das gesagt haben.

Martin (lacht): Wer würde das nicht wollen?

Phil: Sie könnten es sich inzwischen wahrscheinlich leisten.

Habt ihr also einen Ort?

Martin: Keinen speziellen Ort, es gibt so viele tolle Plätze, oder? Wie zum Beispiel diese Eishotels.

Phil: Eishotels? Mmh, ich hab grad drüber nachgedacht, dass ich gern skifahren würde (lacht).

Martin: Oder Barcelona. Es wäre verdammt cool, in einem von Gaudis Häusern zu spielen.

Um noch mal auf Muse zurückzukommen. Die haben ein bisschen eher begonnen als ihr, und sie sind ziemlich erfolgreich geworden. So erfolgreich, dass sie sogar im Weltall spielen könnten. Seid ihr in irgendeiner Weise traurig, dass ihr nicht so erfolgreich seid wie einige der großen Bands?

Phil: Ja, ich denke, es wäre eine Lüge zu behaupten, dass wir nicht größer sein wollten, als wir es sind.

Martin: In deiner Weltsicht sollten die Leute mögen, was du tust (lacht).

Phil: Ich glaube, es läuft heutzutage so, dass da eine Menge gute, neue Bands am Start sind. Manche von ihnen bekommen die Chance, manchen wird die Chance wieder genommen, obwohl sie sich Mühe geben. Wir geben uns Mühe, und wir sind immer noch oben. Es ist immer noch aufregend.

Martin: Muse können auf einer Toilette spielen und man braucht es nur aufzunehmen. Nee, Matthew Bellamy ist ein wahnsinniger Entertainer, ein Virtuose an Gitarre und Klavier, und er kann singen und springt dazu herum. Er hat Talent und verkörpert den Spirit von Freddy Mercury.

Na ja, auf der anderen Seite kann Erfolg ja auch ein Fluch sein. Für ihn ist es wahrscheinlich schwierig, sein Privatleben aus der Öffentlichkeit zu halten.

Phil: Ein guter Punkt. Man wird nie erkannt (kurze Pause). Zumindest selten. Es ist eine gute Sache, seine Privatsphäre zu behalten, wobei jeder wohl zu einem bestimmten Grad den Ruhm sucht.

Martin: Die schlimmste Sache ist so ein Idiot, den viele Menschen erkennen, der aber in Wirklichkeit ziemlich arm ist. Wie diese erloschenen Reality-TV-Sänger: Jeder kennt sie, aber sie haben nichts.

Phil: So wie Paul Gascoigne.

Martin (lacht): Na ja, der hatte zumindest ein Talent. Besser gesagt zwei.

Was war sein zweites Talent?

Martin: Trinken.

Phil: Das Ganze ist beschämend. In der Position will man nicht sein: Etwas zu haben und dann nichts mehr. Was wir hier machen, ist nicht nett.

Ihr seid auf jeden Fall in einer Position, in der ihr eure Ideen verwirklichen könnt. Ihr könnt keine teure Tour organisieren und keine aufwändige DVD produzieren, aber ihr habt viel Freiheit, oder?

Martin: Wir wollen uns auf diese Freiheit einlassen, gerade im Zuge der EPs, die nun kommen. Die Soundtracks geben uns zudem die Möglichkeit, in andere Bereiche als nur die Musik hineinzuschauen.

Ich glaube, ich habe noch zwei kurze, letzte Fragen. Erstmal: Ihr trinkt ja ganz gerne Bier... (schallendes Gelächter). Habt ihr eine Lieblingsmarke in Deutschland?

Martin: Deutsches Bier... Zähl mal ein paar Marken auf.

Am bekanntesten dürfte im Ausland wohl Beck's sein.

Phil: Löwenbräu ist auch deutsch.

Martin: Ich mag Kölsch. Das kriegt man auch nirgendwo sonst.

Letzte Frage: Es wird ja geraed Herbst. Wenn ihr British Sea Power oder den Sound von British Sea Power mit einer Jahreszeit vergleichen müsstet – welche wäre das?

Martin: Um ehrlich zu sein: Es sind alle vier Jahreszeiten.

Phil: Definitiv nicht Frühling oder Sommer (lautes Gelächter). Ich wollte nicht den Winter nehmen, der ist zu deprimierend. Also passt wohl der Herbst.

Das ist so interessant an eurem Sound. Manchmal ist er melancholisch, aber er ist immer auch lebendig.

Martin: Lebendig ist wohl am ehesten die Zeit, in der es vom Winter in den Frühling übergeht. Oder wir sind ein bisschen wie der Indian Summer.

Mischa Karth

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Rezension zu "Machineries Of Joy" (2013)
Rezension zu "Valhalla Dancehall" (2011)
Rezension zu "Do You Like Rock Music?" (2008)
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