Interview

Beirut


Paul Collins hat Mastermind und Band-Leader Zach Condon schon vor dessen erstem Album (Gulag Orkestar) kennengelernt und gehört somit zu den Gründungsmitgliedern der Band. Ich traf ihn in der Lobby des Atlanta Hotels in Rees, mit Blick auf den Rhein, wo die Band für das gesamte Haldern-Festival-Wochenende einquartiert war. Während des Interviews spazieren die anderen Band-Mitglieder nach draußen, um beim schönen Wetter Rees und den Rhein zu erkunden, und Paul folgt ihnen gleich nach dem Interview. Was die Psychoanalyse über den Kontrabassisten Paul verrät und ob die Band Beirut schon mal die Stadt Beirut besucht hat, erfahrt ihr hier im Interview.

Erst einmal Dankeschön, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast. Es war ja recht schwierig einen Termin zu finden. Hast du noch viele Interviews vor dir?

Paul: Ich weiß es noch nicht, ich bekomme gesagt, wo ich hin soll und was zu tun ist, und ich mache das dann.

Also bekommst du eine Art Stundenplan vorgelegt, den du dann abarbeitest?

Paul: Im Grunde genommen schon, ja.

Hast du dann überhaupt noch Zeit, dir etwas auf dem Festival anzuschauen?

Paul: Oh, ich weiß nicht einmal, welche Bands hier spielen.

Ich hab den Plan nicht dabei, aber heute Abend spielen zum Beispiel Beach House.

Paul: Oh! Beach House sind großartig! Ich mag sie sehr gerne!

Es wäre toll, wenn du sie anschauen könntest! Wie kamst du dazu, bei Beirut mitzumachen?

Paul: Ich habe in Santa Fe, New Mexico, gelebt. Eines Abends habe ich Zach auf der Bühne gesehen. Er war ganz alleine, mit seiner Trompete und seinem Computer, und ich dachte mir: Das ist großartig! Also half ich ihm, einige Auftritte zu organisieren, da ich gute Connections hatte. Schließlich brauchte er eine Band, und ich half ihm geeignete Musiker zu finden. Er fragte auch mich, da sozusagen noch ein Platz frei war, und diesen füllte ich aus.

Welcher „Platz“ war das?

Paul: Nun, zu dieser Zeit war es die Ukulele, die ich spielte, und auch Tamburin habe ich oft gespielt. Damit bin ich im Grunde genommen nur über die Bühne gesprungen. Aber nun spiele ich hauptsächlich Kontrabass.

Ihr spielt solch eine Vielzahl an Instrumenten. Wie sieht das aus, spielt jeder Mal jedes Instrument?

Paul: Auf den ersten Touren war das so. Aber nun haben wir hart gearbeitet, um davon los zu kommen und den Fokus auf ein Instrument zu legen. Das ist nun interessanter für uns.

Also werdet ihr nun zu „professionellen“ Musikern?

Paul: Ja, das werden wir, denke ich! (lacht)

Welche Instrumente hast du während deiner Zeit in der Band ausprobiert?

Paul: Jesus, ehm… Ukulele, Piano, Kontrabass, eigentlich habe ich elektrische Bass-Gitarre gespielt, aber Zach mag keine Gitarren, er mag keine elektrischen Instrumente, also ließ er mich nie damit spielen. Ich habe eine Ewigkeit gebraucht, um das in der Band einzuführen. Nun spielen wir elektrische Instrumente, aber ich spiele nun meistens Kontrabass, ich lerne immer noch es zu spielen. Es ist ziemlich schwierig.

Warst du nicht neugierig darauf, alle Instrumente einmal auszuprobieren?

Paul: Ja, es macht Spaß alles einmal auszuprobieren… aber jeder findet nach einer Zeit „sein“ Instrument, das am besten zu ihm passt. Wenn du erstmal die Kontrolle über dieses Instrument hast, willst du nicht mehr so viel ausprobieren.

Es ist interessant, dass du sagst, du hast zu deinem perfekten Instrument gefunden. Im Studium habe ich einiges über Musiktherapie gelernt. In psychoanalytischer Sichtweise suchen sich Menschen ihre Instrumente nach ihren Bedürfnissen aus.

Paul: Oh, das ist interessant! Erzähl mir, wofür der Kontrabass-Spieler steht?

Genau das wollte ich eigentlich dich fragen. Es wird gesagt, dass ein Mensch sich dieses Instrument aussucht, weil es groß ist, und man sich gut dahinter verstecken kann.

Paul: (Sprachlos, dann lachend:) Oh, ja… wow, das ist es! Ja, absolut. In dieser Band war ich immer sehr eingeschüchtert von Zachs kreativen Fähigkeiten, und denen seiner Eltern. Jeder in dieser Familie ist so kreativ! Und ich denke… für mich… also, es ist sehr gut mit ihnen zu spielen, denn es hilft auch mir, ein besserer Musiker zu werden. Aber gleichzeitig… ja, ehm… vor allem am Anfang war ich sehr beängstigt darüber, was um mich herum geschieht. Also habe ich mich hinter dem großen Kontrabass versteckt, du hast Recht!

Aber gleichzeitig bist du ja auch sehr mächtig, da du solch ein großes und lautes Instrument spielst.

Paul: (Erleichtert) Genau! Und es bewegt die Menschen! Ich habe mich immer für Tanz-Musik interessiert. Als ich zuvor das Tamburin gespielt habe, bin ich herum gesprungen und mein Job war es, die Menschen zum Tanzen zu animieren.

Also wird das Konzert eine große Tanz-Veranstaltung?

Paul: Es kommt auf die Leute an! Und auf die Songs. Wir haben vor einigen Tagen in Portugal gespielt, und JEDER hat getanzt! Aber dann haben wir in Belgien gespielt, und keiner im Publikum hat sich bewegt. Sie haben alle zugehört. Du hättest eine fallende Stecknadel hören können.

Ich glaube, die Leute auf diesem Festival werden tanzen! Ihr werdet auf der Hauptbühne spielen, obwohl eure Musik fantastisch ins Spiegelzelt passen würde. Aber dort würden die ganzen Menschen nicht rein passen. Ich habe in einem Interview mit dir gelesen, dass du Konzerte in kleinen Bars bevorzugst. Welches war dein bisheriges Lieblingskonzert?

Paul: Jesus… Oh, es gab eine Menge erinnerungswürdiger Shows, die wir gespielt haben… (Überlegt) Oh! Ich würde sagen: Mexico City! Wir sind dort zu einer Zeit runter gefahren, als wir gerade einige Band-Mitglieder verloren haben. Die Band hatte sich neu zusammengestellt. Wir waren nur noch zu fünft und waren sehr nervös, da unser Klang nun nicht mehr so groß sein würde. Aber dann hat das Publikum uns herzlich empfangen: Sie waren verrückt nach uns, haben gerufen, haben viele Songs mitsingen können! Weißt du, wir verkaufen dort unten nicht so viele Platten, es gehen vor allem Raubkopien um, also kann man nur schwer einschätzen, ob sie deine Lieder gehört haben. Und dann singen sie deine Lieder mit: Das war sehr faszinierend! Ich mag es, wenn die Leute die Songs mitsingen.

Es gibt auch einige Songs mit französischen Lyrics. Ich habe gelesen, dass es schwierig für euch ist, die Songtitel zu merken, und ihr euch „Code-Namen“ überlegt, damit ihr wisst welcher Song gemeint ist. Wie kommt es zu diesen Code-Namen?

Paul: (Lacht) Ja, es ist schwierig, sich die Titel zu merken. Wir werfen immer wieder Scherz-Namen für die Songs ein. Zum Beispiel für den Song „Mount Wroclai“. Wir nennen ihn „Zebra Safari“. Die Fake-Namen entstehen durch schlechte Witze, mit Alkohol, … du weißt schon (lacht). Aber wir spielen nicht mehr viele dieser französischen Songs.

Wenn ihr diese alten Songs nicht mehr spielt, spielt ihr dann die neuen elektronischen Songs von der EP?

Paul: Ich denke, im Moment spielen wir einen guten Mix aus allen Alben. Aber der elektronische Kram wird von uns nicht angefasst. Wir haben es versucht, aber wir haben es aufgegeben. Wir haben „My Night With The Prostitute From Marseille“ gespielt, was einer der eher elektronischen Songs ist, aber auf dieser Tour werden wir nichts davon spielen. Aber (lacht) ich werde nicht zu viele Infos über die Playlist raus geben. Sei gespannt!

Das bin ich! Wenn die Band spielt, sieht Zach für mich aus wie ein Dirigent eines Orchesters, der die Musiker leitet. Habt ihr dennoch eure Freiheit im Spiel?

Paul: Nun, es ist immer eine Art Geben und Nehmen. Aber meistens arrangiert er alles. Aber von Zeit zu Zeit… denn Zach hört ja nicht alles (lacht), kannst du deine eigenen Spielweisen einstreuen.

Spürt ihr in der Band sehr, dass Zach der Frontmann und Chef ist?

Paul: Ja, auf jeden Fall.

Aber ihr habt doch bestimmt auch einen großen Einfluss auf die Musik, oder?

Paul: Ja, ja. Für das neue Album, an dem wir gerade arbeiten, bringt jeder einen großen Beitrag. Wir kennen uns alle mittlerweile so gut. Ein Teil der neuen Art, wie Zach arbeitet, beinhaltet, uns alle ein wenig mehr mitwirken zu lassen.

Aber du hast sicherlich auch das Bedürfnis deine ganz eigene Musik zu machen. Darum wollte ich dich zu deinem Solo-Projekt, Soft Landing, befragen.

Paul: Im Grunde genommen machen wir alle in der Band zusätzlich unser eigenes Ding. Aber nach einem Trip nach Brasilien hatte ich aus irgendeinem Grund das Gefühl, etwas Eigenes tun zu MÜSSEN. Mir selbst zu Liebe. Und das war wirklich gut. Unser Album kommt im Oktober raus und es wird cool werden.

Ich habe mir nur eure zwei Songs auf der Myspace-Seite angehört und ich mochte sie gerne. Es unterscheidet sich ziemlich von den Beirut-Sachen.

Paul: Ja, es ist ganz anders. Obwohl der Akkordeon-Spieler von Beirut nun am Schlagzeug dabei ist. (lacht) Wir haben versucht, alles etwas umzudrehen.

Auf eurer Myspace-Seite habe ich außerdem gelesen, dass euer großer Einfluss für die Gründung der Band Table…

Paul: … ja! Table Samba Partys in Rio. Nun, in Brasilien, in Rio gibt es spezielle Partys in einigen Outdoor-Bars. Dabei sitzen einige Musiker mit ihren Instrumenten um einen Tisch, auf dem sie ihr Bier stehen haben. Und dann stehen einfach alle Menschen um diesen Tisch herum. Die Musiker können sich beim Spielen anschauen, und die Menschenmenge um sie herum singt all die Songs mit! Es sind diese richtig alten Samba-Songs, die seit… hundert Jahren gespielt werden. Es war… das Schönste was ich je gesehen habe… Ich habe es so geliebt, dort zu sein. Es hatte einen großen Effekt auf mich, es war einer der großartigsten Momente in meinem Leben.

Das kann ich mir vorstellen.

Paul: Mein liebster Samba-Musiker ist Cartola. Es ist portugiesisch für den Hut. Er hat sein erstes Album aufgenommen, als er 60 Jahre alt war.

60? Großartig!

Paul: Ja, er war dabei sein Auto zu waschen, als man ihn entdeckte, da er seine Samba-Songs sang. Darum mag ich den Samba so gerne, weil die Altersspanne so groß ist.

Jetzt zu etwas anderem: Warst du, oder war die Band tatsächlich mal in der Stadt Beirut?

Paul: Nein, noch nie! Ich denke, jeder von uns würde gerne hin, aber es ist schwierig dort hin zu kommen. Es hat noch nicht so recht funktioniert. Aber ich bin mir sicher, eines Tages wird es funktionieren. Und es wird großartig sein.

Glaubst du, dass die Menschen in Beirut sich eure Musik anhören?

Paul: Ich hoffe es! (lacht)

Magst du es im Allgemeinen zu reisen, auch wenn du nicht auf Tour bist?

Paul: Ja, ich mag es. Zuletzt war ich mit meiner Freundin unterwegs. Wir sind von Amsterdam nach Brügge in Belgien gereist. Es war toll! Einer meiner besten Trips. Brügge ist wunderschön. Und Amsterdam… ist natürlich Amsterdam (lacht)! Du gerätst dort in allerhand Schwierigkeiten. Aber eigentlich liebe ich es überall hin zu reisen. Ich möchte gerne nach Brasilien zurück, ich mag es eigentlich überall. Ich bin ein Fan der Welt!

Und wo bist du zu Hause?

Paul: Ich lebe in Brooklyn, aber ursprünglich komme ich aus Oregon, aus einer Kleinstadt namens Pendleton. Es ist eine richtige Cowboy-Stadt. Wir sind bekannt für Rodeo (lacht). Ich habe es auch versucht, als ich klein war. Sie haben mich zuerst einmal auf ein Schaf gesetzt, damit ich es lerne, aber es funktionierte bei mir nicht. (lacht) Man nennt es „Mutton Bustin´“ (Anm. d. Red.: Man kann sich Videos davon auf Youtube anschauen).

Paul: Kennst du den deutschen Karneval? Ich musste gerade daran denken. Er ist nicht mit dem in Brasilien zu verwechseln, eher wie Halloween. Das beliebteste Kostüm für kleine Jungs ist das Cowboy-Kostüm. Alle laufen mit Cowboy-Hüten und Pistolen herum.

Paul: (lacht laut) Das ist cool!

Hast du auch eine komplette Cowboy-Montur?

Paul: Ja, das komplette Programm! Wranglers habe ich immer getragen, einen Cowboy-Hut, Stiefel, wir nennen sie „Shit Kickers“. All das hatte ich.

Also bist du tief im Herzen ein richtiger Cowboy?

Paul: Ja, absolut! Im Herz bin ich ein echter Cowboy!

Welche anderen Einflüsse haben dich geprägt? Welche Musik hörst du dir gerne an?

Paul: Oh, sehr unterschiedliche Musik. Dance-Music, afrikanische Gitarren-Musik, auch Hip-Hop, Free-Jazz, ich liebe Krautrock, wie Can und Faust, ich könnte den ganzen Tag über Krautrock sprechen.

Hast du überhaupt Zeit dir Musik anzuhören, während du so viel eigene Musik spielen musst?

Paul: Ja, das ist es was ich vor allem tue und immer getan habe. Ich höre immer viel Musik. Das ist ein Teil meiner Rolle in der Band: Neue Musik für uns zu finden, die wir uns anhören (lacht).

Ihr hört euch also alle zusammen Musik an. Wie viele Leute seid ihr aktuell in der Band?

Paul: Ja, auf jeden Fall. Ehm… die Band alleine sind (zählt leise für sich auf und an den Fingern ab) Zach, Perri, Nick, ich, Kelly, Brad, … wir sind im Moment sieben Leute in der Band. Dann kommen noch die Busfahrer und Sound-Leute dazu… in der ganzen Gruppe sind wir im Moment etwa 15 Leute. Wir fahren alle zusammen in einem großen Bus. Es kann manchmal hart sein, wenn etwas nicht so gut funktioniert, oder du deine Leute zu Hause vermisst und so, aber dann spielt man eine gute Show und es fühlt sich richtig an.

Schön. Ich möchte deine Zeit nicht länger beanspruchen. Ich danke dir sehr für das Interview.

Paul: (lacht) Ja, ich danke dir sehr für das Interview.

Ich wünsche dir noch viel Spaß auf dem Festival!

Paul: Danke, dir auch, vielleicht sieht man sich!

Marlena Julia Dorniak

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