Rezension

Zeal & Ardor

Stranger Fruit


Highlights: Don‘t You Dare // Row Row // Ship On Fire // We Can‘t Be Found
Genre: Gospel // Black Metal // Soul
Sounds Like: TV On The Radio // Algiers // Oathbreaker

VÖ: 08.06.2018

Ein Witz sollte es werden. Ein Internetforum spuckt (als der weirde Thinktank, der ein jedes solches Forum ist) die Idee aus, man solle einmal „Negermusik“ mit Black Metal kombinieren und Manuel Gagneux probiert, diesen Witz zu erzählen. Der „Witz“ wird zu „Devil Is Fine“, begeistert Kritiker ebenso wie Freunde postmoderner Musik, die endlich wieder einmal einen bislang nicht da gewesenen Stilmix bei seiner Geburt beobachten können, er zwingt Gagneux geradezu zur Zusammenstellung einer Liveband und vor allem ist er in keinster Weise witzig.

Was Gagneux' Projekt Zeal & Ardor außerdem von den meisten Witzen unterscheidet: Es funktioniert mehr als einmal. „Stranger Fruit“ ist nicht nur die Antwort auf das Problem, mit gerade einmal 25 Minuten „Devil Is Fine“ kaum genug Stoff für Liveshows zu haben, sondern übertrifft dessen Länge um beinahe das Doppelte. Weiterhin Teil des Gesamtkonzepts: kurze Synthesizer-Interludes (hier „The Hermit“ und „Solve“), diesmal jedoch unter keinem Leitmotiv zusammengefasst wie „Sacrilegium I-III“ des Debüts.

Auch sonst schafft es „Stranger Fruit“, die Grundideen von „Devil Is Fine“ konsequent weiterzudenken, ohne dabei still zu stehen. Manche Songs steuern beinahe komplett einen der beiden musikalischen Grundpole an („Waste“ unterscheidet nur wenig von straightem Black Metal à la Cradle Of Filth, „You Ain‘t Coming Back“ kommt als kraftvoller Post-Soul-Song komplett ohne Gekeife aus), andere fokussieren bestimmte Elemente: Der Sprechgesang in „Row Row“ hätte auch frühem Hip Hop entstammen können, an anderer Stelle werden simple Mantren tranceartig wiederholt, wieder andere Songs stellen Twang-Gitarren-Riffs in den Vordergrund. Wer wissen möchte, wie das „Mission Impossible“-Theme geklungen hätte, wäre der Komponist vom Luzifer besessen gewesen – „Don’t You Dare“.

Auch thematisch erschließt sich „Stranger Fruit“ neue Horizonte — was vor allem an einer gewissen Diffusität liegt. Referiert der Albumtitel noch klar auf eins der wichtigsten Lieder der afro-amerikanischen Kulturgeschichte, blieb bereits der Teaser-Trailer zur Platte nebulös und unklar. Neben konkreten Bezügen nennt Gagneux das Zauberbuch „Grimoire“ aus dem 17. Jahrhundert als Einfluss; vage bedrohliche Beschwörungschöre fordern mal auf Deutsch, mal auf Englisch Blut für undefinierte Gottheiten. Das ist mitreißend, beängstigend, erhebend und vor allem einer der besten und langlebigsten Witze der Internetgeschichte – und zwar einer, der immer noch kein bisschen witzig ist.

Jan Martens

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