Rezension

White Noise Sound

White Noise Sound


Highlights: Sunset // It Is There For You // There Is No Tomorrow // No Place To Hide
Genre: Shoegaze // Psychedelic // Noiserock
Sounds Like: The Jesus And Mary Chain // Spacemen 3 // My Bloody Valentine

VÖ: 01.10.2010

White Noise Sound lassen sich genau 10 Sekunden Zeit, bevor sie auf ihrem Debütalbum die Hosen runterlassen. Dann folgen Gitarrenschicht um Gitarrenschicht, eine turmhohe Synthesizer-Wand wird hochgefahren und eine verhallte Stimme versucht, sich durch das meterdicke Soundbrett zu bohren. Ehe man sich versieht, ist man mittendrin in diesem Shoegaze-Psychedelic-Traumalbum, das ein 25 Jahre altes Stück Musikgeschichte einer Frischzellenkur unterzieht und mal so eben ins Jahr 2010 transportiert. Wer braucht denn jetzt noch die Reunion von The Jesus And Mary Chain?

Wie die meisten großartigen Newcomer kommen White Noise Sound aus dem Nichts. Wer nach dem Namen googlet, wird sehr wenige Informationen zu dem Sextett aus Wales finden. Keine Blog-Hypes, keine zwanzig Vorab-EPs, selbst die Facebook-Seite muss man erst mal mit der Lupe suchen. Statt sich im Internet zu vermarkten, haben White Noise Sound die Zeit lieber in die Aufnahmen zu ihrem Debüt investiert und sich zusammen mit dem ehemaligen Kopf von Spacemen 3, Pete Kember, sowie Super-Furry-Animals-Genie Cian Ciaran ins Studio verzogen. Das hat sich ausgezahlt.

„White Noise Sound“ ist schlichtweg ein Monster von einem Album. Ein 53minütiger, fantastisch produzierter Trip. Und deswegen auch die inständige Bitte: wer diese Platte hört, soll das gefälligst laut tun. Irgendwo in dem Bereich zwischen klirrenden Gläsern und wütendem Klopfen aus dem Stockwerk darunter. Dann nämlich wird man erst so richtig weggeblasen von den Feedback-Gewittern, die Songs wie der Opener „Sunset“ oder das unglaubliche „No Place To Hide“ (was ein Song!) entfachen. Ekstase pur, die nicht nur die teilweise bis über acht Minuten langen Spielzeiten anhält, sondern sich durch das gesamte Album zieht.

Richtig super macht das Debüt aber erst die ungeheure Abwechslung, die den Songs innewohnt. Geschickt dreht man immer wieder mal die Lautstärkeregler zurück, um dem Hörer auch mal Zeit zum Durchatmen zu lassen. Dann übernehmen Shoegaze und Dream-Pop das Feld. Nicht minder einnehmend. Dazu bemühen sich die Waliser, musikalisch möglichst viel zu variieren und so kramen sie an den passenden Stellen schon mal Streicher, Bläser oder eine Querflöte aus. Nebenbei erstickt man so auch noch gleich etwaige Plagiatsvorwürfe im Kern und haut den TM-Stempel unter die ganze Sache. „White Noise Sound“ ist nicht weniger als das Debütalbum des Jahres und möglicherweise sogar mehr als das.

Benjamin Köhler

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