Rezension

Thursday

Common Existence


Highlights: Resuscitation Of A Dead Man // Friends In The Armed Forces // Circuits Of Fever
Genre: Post-Hardcore
Sounds Like: Thrice // A Static Lullaby // Circa Survive // Poison The Well

VÖ: 13.02.2009

Geht's um die Einteilung der Menschheit in Sorten, haben wir es meist mit zwei von ihnen zu tun: Rudeltiere und Einzelgänger, Gläubige und Heiden, Impulsive und Kontrollfreaks. Beliebt auch: Menschen, die unter Druck am effektivsten sind und diejenigen, die in der Hektik den Aktenvernichter mit dem Kopierer verwechseln. Als Musiker sollte man zu ersterer Gruppe gehören.

Allein dadurch, dass die ausgebrannten Thursday nach dem durchwachsenen „War All The Time“ schon und gar ans Aufhören dachten, um dann mit „A City By The Light Divided“ ein kreatives Ausrufezeichen zu setzen , hat sich die Band hierfür als Paradebeispiel empfohlen. Sich selbst der größte Kritiker, war man mit massig Atmosphäre fast im Post-Rock angelangt. Nach der epischen Split-LP mit Envy hatten sie schon einen Fuß in das Land von Explosions In The Sky und Konsorten gesetzt.

Umso erstaunlicher, dass sie diesen Schritt jetzt ungeschehen machen. Thursday scheinen bewusst über ihre Grenzen hinaus gegangen zu sein, um außerhalb des Gewohnten ihr Innerstes zu erforschen. Älter wurden sie dabei, fanden aber auch die juvenile Wut aus alten Tagen wieder. Der Freiflug ist vorbei, sie landen wieder im Nest. Und so donnern auf „Common Existence“ schon die ersten drei Songs wuchtig um die Wette, die Band richtet den Fokus wieder nach außen. Geoff Rickley klingt dabei, als würde er in Flammen stehen. „Can you feel our pulse? It's been stopped for so long. Let's restart it!“. Ja,Thursday sind wieder aufgeladen, der Defibrillator noch nicht mal ausgestöpselt.

Wo es doch dem Facettenreichtum schadet, wenn sie manches Mal zu sehr aufs Gas treten, sorgen gerade die Tracks auf „Common Existence“ für Hellhörigkeit, die sich dieser Konvention entziehen. Besonders „Friends In The Armed Forces“, eine scharfe Kritik am gleichgültigen Umgang des US-Militärs mit seinen Soldaten, entwickelt mit moderaterem Tempo gar den meisten Druck auf Thursdays fünftem Longplayer. Textlich schafft es Rickley wie schon immer, kritische Themen in ausdrucksstarke Bilder zu meißeln. Wie im zerrissenen „Time's Arrow“: Die Zeit läuft rückwärts, die Gelegenheit ist da, reinen Tisch zu machen. Nur die Realität steht im Weg. Siehe dazu auch das sich gänzlich zurückhaltende „Love Has Led Us Astray“. Das winkelig arrangierte „Circuits of Fever“ schreitet durch zwielichtige Korridore, nur um letztlich das Tor zum gleißenden Tageslicht einzutreten. Und die euphorischste Melodie freizulegen, die diese Band jemals geschrieben hat.

Derartiges bleibt Ausnahme, „Common Existence“ besinnt sich über weite Strecken auf die alten Tage der Band, die wiederum erneut auf ihre Nemesis trifft: „Full Collapse“. Diesen Maßstab erreichen sie nicht, dennoch ist die Brust breiter geworden. Gestärkt durch die Erkenntnis, im ständigen geistigen Krieg mit dem Alltagsleben nicht allein zu stehen, denn jeder ist im Kämpfen. Unser gemeinsames Dasein, die Antwort auf „War All The Time“. Den Fuß mussten sie dafür leider aus neuem Gebiet zurückziehen. Dafür stehen sie fest auf beiden Beinen. Viele wird das freuen, innovativer waren Thursday aber auf dem Vorgänger. Ein Auge lacht, das andere weint. Wirklich spannend wird’s erst bei ihrer nächsten Identitätskrise.

Gordon Barnard

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