Rezension

Swans

The Glowing Man


Highlights: The Glowing Man // Cloud Of Unknowing // The World Looks Red/The World Looks Black
Genre: Avantgarde // Progressive Rock // Noise // Ambient
Sounds Like: Crippled Black Phoenix // Einstürzende Neubauten // Neurosis // Jarboe

VÖ: 17.06.2016

Bereits von 1982 bis 1997 waren Swans rund um Mastermind Michael Gira aktiv und setzten in vielerlei Hinsicht Maßstäbe. Lautstärke, Intensität, Liveauftritte – in Kreisen experimenteller Musik waren sie berühmt-berüchtigt. Es war ausdrückliches Anliegen der Musiker, ihrem Publikum nicht nur akustisch weh zu tun, sondern es auch körperlich zu fordern. Seit 2010 knüpfen sie an diese Zeiten an, wenngleich sich der Sound und das Auftreten immer wieder gewandelt hat. In zweijährigen Abständen veröffentlichte man epische Alben, die immer um die zwei Stunden dauerten. „The Glowing Man“, welches nun erscheint, ist da keine Ausnahme und soll zudem das vorerst letzte dieser Reihe sein. Gira verkündete bereits vorab das Ende dieser Reinkarnation von Swans. Es muss nicht unbedingt das Ende bedeuten, ebenfalls ist ein Neuanfang zu denken. Gira ist übrigens 62. Ein Alter, das mittlerweile viele Musiker und Fans im Bereich progressiver Musik erreicht haben. Selten haben sich Bands, die ihre Wurzeln Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre haben, nochmal groß verändert, nachdem sie ihren Stil gefunden haben. Swans bilden hierbei allerdings eine Ausnahme. Zwar reiht sich „The Glowing Man“ nahtlos an „The Seer“ und „To Be Kind” an, altbacken oder gar langweilig ist es jedoch mitnichten.

Die acht Stücke, auf die sich die ebenfalls wieder zwei Stunden Spielzeit verteilen, nehmen den Hörer mit auf eine lange, intensive Reise. „Cloud Of Forgetting“ eröffnet zunächst mit einem ruhigen, psychedelischen Gitarrenspiel und dem erhoben sakralen Sprechgesang Giras. Gen Ende türmt sich eine erste, kleinere Lärmwand auf, die schon einmal einen Vorgeschmack auf kommendes liefert. Das erste Lärmmassiv ist „Cloud Of Unknowing“. Mit schwer vorwärts schleppenden Schritten bahnt es sich seinen Weg, die Lyrics dazu zeigen Gira in der Verkünderpose: „Ah I… Ah I am… Ah I am, I am NOT, I am NOT… Ave! Ave! Ave! Ave! I am calling, calling, I am calling, calling. Monster eater, Jesus feeler, Zombie sucker, Zombie healer. Monster eater. Monster eater: I am washing, I am washing your skin, your skin. I am calling your son, I am washing, I am watching, I am watching your skin. I am washing your son, I am watching your skin, I am watching your son, your son, your son, your son, your son …” Das Stück an sich scheint eine Art Reinwaschungsideal, jedenfalls entspricht das konfuse Durcheinander einem Prozess der Tabula Rasa. Unsortiert, ungenau und übereinander stürzend brechen hier die Noiseelemente aus, ehe Glockengeläut dieses Chaos in geordnete Bahnen bringt. Die folgenden Choräle in „The World Looks Red/The World Looks Black“ haben etwas Beschwörendes an sich, ehe „People Like Us“ komplett Tempo und Lautstärke reduziert.

Nur kurz jedoch, bis „Frankie M“ mit seinen zwanzig Minuten einen neuen zentralen Punkt im Album aufbaut. Danach könnte es eigentlich vorbei sein, jedoch reizen Swans noch einmal alles aus. Wenn schon ein Abschied ansteht, soll dieser wenigstens mit lauten Fanfaren eingeläutet werden. Das halbstündige Titelstück ist dementsprechend ein Parforceritt erster Güte, mit zwischenzeitlichen Pausen zwar, dennoch im Großen und Ganzen schwerste Kost, die an der Grenze des Hörbaren kratzt. Die Grenze, über die Swans früher im Galopp hinwegmarschiert sind, wird nun noch einmal für Minuten definiert. Wie oft kann man eine Noiseabfolge wiederholen? Minutenlang. Als Belohnung schwenkt das Stück in einen treibenden schnellen Rocksong um. Danach gibt es kein zurück mehr. Nur noch „Finally Peace“. Hippiesk besingen Swans ihr Ende, an dem scheinbar nochmal alles gut gegangen ist. Andererseits kann man eine Karriere auch kaum besser beenden, als mit solch einem Monolithen.

Klaus Porst

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Ausschnitt aus "The Glowing Man"

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