Rezension

Sleaford Mods

Key Markets


Highlights: Bronx In A Six // Cunt Make It Up // Tarantula Deadly Cargo // The Blob
Genre: Hip-Hop // Punk
Sounds Like: The Fall // The Streets

VÖ: 24.07.2015

„Sleaford Mods, Sleaford Mods, Sleaford, Sleaford, Sleaford Mods“ johlt die Menge zu Beginn. Besser hätte der Einstieg nicht sein können. Zumindest im Sinne einer kurzen Retrospektive auf die vergangenen zwei Jahre. Jubel. Viel Jubel. Das ist wohl die Quintessenz der Reaktion auf den Cocktail von pluckernden Beats und angepissten Lyrics, den die Mods erhalten haben. Die zwei etwas abgehalfterten, über 40 Jahre alten Grantler aus Nottingham wurden in dieser Zeit nämlich auf einmal hip. Und das ganz ohne perfektes Styling, Markenklamotten oder ein Marketingkonzept.

Die Mods guckten böse, rasierten sich mitunter schlecht und tranken auf den Shows Bier – vor allem Andrew –, viel Bier. Letzterer machte nichts Anderes, als die Playtaste auf dem Laptop für einen weiteren Beat-Loop loszulassen, zu dem dann Jason eine Salve Wörter ins Mikro ratterte, bei denen es von beleidigenden und obszönen Vokabeln nur so wimmelte. Das gefiel nicht nur den Punk- und Do-It-Yourself-Fanzines, auch der Feuilleton stieg mit ein und entdeckte das kauzige Duo aus Nottingham für sich. Vom Geheimtipp gerieten die Auftritte des Duos schließlich zu einem Muss. Steter Begleiter der Aufmerksamkeits-Lawine, die 2013 mit dem Album „Austerity Dogs“ ihren Anfang nahm, eine aberwitzige Anzahl an limitierten Vinyl-Singles mit teils aberwitzigen Preisen. Dazwischen thronte das exquisite „Divide And Exit“ mit dem Überhit „Tied Up in Nottz“. Keine Rast, keine Ruhe. Die wutgeschwängerte Sozialkritik brauchte ein Ventil. Unermüdlich arbeiteten Jason Williamson und Andrew Fearn vor sich hin. Jason durfte dann auch noch bei The Prodigy und Leftfield mitraunzen. Geht überhaupt noch mehr?

Mit „Key Markets“ scheinen die Mods nun die Handbremse gezogen zu haben. Nach dem dritten Album in zwei Jahren wäre es durchaus nachvollziehbar, wenn die Mods durchatmen müssten, um ihre Batterien aufzuladen. Die letzte Single (eine Split mit The Pop Group) datiert von Juni. Seitdem ist nicht mehr viel passiert. Mal abgesehen von einigen Shows. Auch in den Medien traten sie etwas kürzer. Die Ruhe ist nun ungewohnt. Eine Art Zäsur. Schon seit einiger Zeit muss man sich fragen, wo Jason Williamson seine Inspiration für die wütenden Texte hernehmen soll. Den regulären Job konnte er hinschmeißen. Sich vom Hamsterrrad verabschieden, um nur noch Geld mit Musik zu machen. Von den vielen Klopfern müssen die Schultern der beiden schon wund sein. Wenn im Alltag so viel richtig läuft, wie kann man dann noch wütend sein? Verliert man dadurch nicht die Basis zum normalen Leben? Regt man sich tatsächlich dann noch auf?

„Key Markets“ gibt darauf noch keine Antworten. Man merkt, dass die Songs getragen sind von dem Geist, der auch schon „Divide And Exit“ ausgemacht hat. Geflucht wird noch immer, gefühlt vielleicht ein bisschen weniger. Uptempo-Smasher wie „No Ones Bothered“ oder „Face To Faces“ wechseln sich ab mit pumpenden Kopfnickern wie “Bronx In A Six” oder „Cunt Make It Up“. Wenig Neues an der Mods-Front. Jason singt zunehmend ein wenig mehr, ein wenig runder wirken die Tracks. Wer die beiden Vorgängeralben mochte, kommt auch hier nicht dran vorbei. Lobenswert: Die Texte sind abgedruckt. Bei manchen Wörtern hilft das zwar immer noch nichts, aber gut. Dass es um Gesellschaftskritik in allen Facetten geht, ist klar. Viel entscheidender bei den Sleaford Mods ist sowieso die Haltung. Sie funktionieren als Gegenpol zu einer sich zersetzenden Gesellschaft, der sie den Spiegel vorhalten. Das nächste Album wird das darüber Entscheidende sein, ob die Mods an ihrem Weg festhalten können oder dann doch in die Oberflächlichkeit abdriften. Für den Moment reicht „Key Markets“, um ihren Status und ihre Relevanz zu erhalten. Die Zukunft wird spannend.

Joachim Frommherz

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"No One's Bothered" im Stream
"Face To Faces" im Stream

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