Rezension

Pissed Jeans

Why Love Now


Highlights: The Bar Is Low // Love Without Emotion // It's Your Knees
Genre: Noiserock // Punkrock // Hardcore
Sounds Like: The Jesus Lizard // Brainbombs // Fucked Up

VÖ: 24.02.2017

Glamourös sind sie immer noch nicht. Während andere einem Rock'n'Roll-Traum selbst in gehobenem Alter nachjagen, weiterhin ihre Rücken auf siffigen Fußböden krümmen und darauf hoffen, dass irgendwann der große Durchbruch doch noch anklopft, sind Pissed Jeans vor allem erwachsene Männer mitsamt Familien, bürgerlichen Berufen und ehrenamtlichen Verpflichtungen. Mit dieser Bodenständigkeit stehen sie natürlich in starkem Kontrast zum allgemeinen Image der harten, abgefuckten Noise-Rocker. Nur alle paar Jahre lösen sie sich von ihren Verpflichtungen, schaffen es in ein Studio oder verirren sich auf eine Tour, um dann später wieder schnell in den geregelten Alltag einzukehren. Gerade durch dieses untypische Spannungsverhältnis bleiben Pissed Jeans eine der spannenderen zeitgenössischen Noiserock-Bands.

Auch auf ihrer mittlerweile fünften Veröffentlichung „Why Love Now“ bleibt sich die Band aus Pennsylvania, die natürlich aus einer unbedeutenden Provinzstadt (Allentown) stammt, treu und verfolgt weiter ihre fiese, bedrohlich hinkende und absolut unerotische Version des Punkrock. Dabei bleiben Bands aus den Achtzigern des legendären „Touch and Go“-Labels die großen Vorbilder. Und obwohl man von einer Band, die sich ganz bratzig Pissed Jeans nennt, eigentlich eher plumpen Schock statt Humor erwarten sollte, ist „Why Love Now“ auf eine sehr verquere Art und Weise doch morbide lustig und dadurch auch wieder eigenständig. Das beginnt mit dem schleppenden Opener „Waiting On My Horrible Warning“, der ein dunkles Zukunftsbild auf dem Abstellgleis des Altersheims zitiert, Schimpfwörter auspiepst und durch sein übertriebenes Altherrengezeter doch wieder verdammt unterhaltsam ist, und zieht sich über das feministische Spoken-Word-Manifest „I'm A Man“ hin. Ein typischer Song ist diese vierminütige akustische Qual eines Openers selbst für eine Band, die gerne ihre Zuhörer martert, dann doch nicht. Erst mit dem zweiten Song „The Bar Is Low“ wird das Gekeife durch dicke Rock'n'Roll-Riffs untermalt und würde selbst auf einem Danzig-Konzert eine zünftige Schlägerei anzetteln. „Love Without Emotion“ traut sich trotz monotonstem Geröhre einen Refrain zu und wird dadurch zur Hymne. Zumindest dann, wenn man auf hässliche, laute Musik steht.

Es ist natürlich dem engen musikalischen Korsett geschuldet, dass „Why Love Now“ nicht unbedingt das abwechslungsreichste Album des jungen Jahres ist. Nichtsdestotrotz schafft auch diese Veröffentlichung es wieder, dem unumgänglichen Altern eine radikale Abreibung zu verpassen und sei damit jedem, der sich auch regelmäßig auf der Tanzpiste wundert, warum alle andern so fit, unverbraucht und glückselig wirken, ans verbitterte Herz gelegt.

Yves Weber

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