Rezension

Phosphorescent

Here's To Taking It Easy


Highlights: The Mermaid Parade // Tell Me Baby (Have You Had Enough) // Los Angeles
Genre: Singer-Songwriter // Folk // Alt-Country
Sounds Like: Bonnie 'Prince' Billy // Neil Young // Bill Callahan // Damien Jurado // Deer Tick // Herman Dune

VÖ: 14.05.2010

Matthew Houck ist immer für eine Überraschung gut. War „Pride“, seine letzte Phosphorescent-Platte, noch ein schweres, jedoch karg gehaltenes Werk voller abgründiger Songs, legte er letztes Jahr mit „To Willie“ ein Tribute-Album für den großen Countrymusiker Willie Nelson vor. Statt trockener Gitarrenakkorde hatte Houck nun auf einmal eine üppige Band zur Seite und die Neuinterpretationen der knackigen Songs Nelsons waren nun wirklich nicht das, was man von Phosphorescent sonst zu hören gewohnt war.

Sein neues Album „Here’s To Taking It Easy“ scheint diesen Kurs beizubehalten. Gleich zu Beginn zeigt sich Houck mit seiner Band so ausgelassen wie nie zuvor. „It's Hard To Be Humble (When You're From Alabama)“ groovt lässig und wird von einem Bläsersatz angetrieben, der es wirklich in sich hat. Dazu kommt einer der harmlosesten Texte, die Houck bisher geschrieben hat. Ein Blick auf das Albumcover mit Palmen und goldener Schrift legt den Schluss nahe: Phosphorescent befinden sich nun eindeutig auf der Sonnenseite des Lebens. Doch wer Matthew Houck kennt, weiß, dass bei ihm auf den zweiten Blick alles etwas anders aussieht. Und wenn man sich das Albumcover genauer ansieht, stellt man fest, dass einen da ein Wolf mit großen Augen anstarrt.

Textlich zeigt sich Houck keineswegs so oberflächlich, wie es der Opener anzunehmen nahelegt. In „We’ll Be Here Soon“ stellt sich Matthew Houck noch tapfer den Widrigkeiten des Lebens: „The road is long and the road does wind / I'm bound to leave some parts behind / But don't you pay that any mind / Cause you know I'll be here soon” singt er mit wackeliger Stimme. Doch nicht alles ist so einfach, wie es zunächst aussehen mag. In „The Mermaid Parade“, einem Song, in dem er sich direkt an seine Ex-Gattin wendet, bricht es plötzlich aus ihm hervor: „But god damn it Amanda / Ah god damn it all“. Da ist sie auf einmal wieder, diese schonungslose Aufrichtigkeit, die Phosphorescent auszeichnet. Wenn Houck im nachfolgenden Song „I Don’t Care If There’s Cursing“ vorgibt, wie egal ihm doch alles ist, nimmt man ihm das nicht wirklich ab. Zu verzweifelt klingt seine nicht enden wollende Aufzählung an Dingen, die ihn angeblich kalt lassen.

Erfreulicherweise funktionieren diese intimen Songs mit vollem Bandsound erstaunlich gut. Meist verhalten sich E-Gitarre, Pedal-Steel und Klavier angenehm unaufdringlich, bieten aber gerade, wenn sich die Songs dem Ende zuneigen und in ausgiebige Jam-Sessions münden, reichlich interessante Melodien und Verzierungen, denen man gerne folgt. Nachdem Phosphorescent „Here’s To Taking It Easy“ in Alabama haben beginnen lassen, endet nun alles nach den zahlreichen Aufs und Abs im episch angelegten Song „Los Angeles“: Man kann die Palmen und den langsam aufziehenden goldenen Dunst vor dem geistigen Auge sehen. Doch dann sind da auch diese finsteren Wolfsaugen, und es fährt einem ein angenehmer Schauer über den Rücken.

Kilian Braungart

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