Rezension

Pet Shop Boys

Yes


Highlights: Love Etc. // Legacy // Building A Wall // All Over The World
Genre: Synth-Pop
Sounds Like: Girls Aloud // Depeche Mode // New Order // Chumbawamba

VÖ: 20.03.2009

Kommerz und Theorie seien die zwei Pole des Pop und in der Mitte befinde sich „das universale Versprechen der Popmusik“, für das zum Beispiel das Werk der Pet Shop Boys stehe. So lässt sich die Titelthese der 319. Ausgabe der Spex zusammenfassen.

Wenn also die Pet Shop Boys das universale Versprechen des Pop einlösen, kann ihr neues Album „Yes“ nichts anderes sein als ein absolutes Meisterwerk. Die Single „Love Etc.“ scheint diese Einschätzung in all ihrer hüpfenden Eingängigkeit vollkommen zu bestätigen. Der Rest des Albums widerspricht jedoch im ersten Moment und beschreibt sich selbst einfach als ein weiteres Pet-Shop-Boys-Album mit Synthesizer-Pop, den üblichen von Tennant und Lowe bekannten Beats und Melodien sowie dem typischen Tennant’schen Gesang. Ebenso prototypisch für den Pop-Entwurf der beiden Briten stehen Gesang und musikalische Ummalung in einem „Shout and Response“-Verhältnis, das so den Hörer ebenfalls direkt einbindet, als er sich immer auch in einer der beiden Rollen wiederfinden kann. Die Instrumentierung erscheint zudem wie ein einziges synthetisches Klangplasma, aus dem nur gelegentlich klar betonte Streicher und der prominenter platzierte Beat erkennbar herausragen.

Nach dem offenkundigen Hit des Albums „Love Etc.“ wirken die verbleibenden zehn Songs wie eine Best-Of-Sammlung, ohne es zu sein. Blaupausen des Synth-Pops Pet-Shop-Boys’scher Prägung mit verschiedenen Verwendungszwecken reihen sich aneinander. „Yes“ zeigt sich als eine Song-Sammlung, die für verschiedene Anlässe das richtige Werkzeug zur Hand geben möchte. „Legacy“ – inklusive Owen Palletts Orchesterarrangements – beschließt das Album und eignet sich ebenso als melancholisch augenzwinkernder finaler Song eines Films, eines Sportspektakels wie eines Lebens. Für das Suhlen in der eigenen Einsamkeit und die blaue Stunde im Radio eignen sich besonders „Vulnerable“ und „The Way It Used To Be“, wogegen „Pandemonium“, der eigentlich für Kylie Minogue geschriebene Song, eher als Einlaufhymne eines Boxers taugt oder in kommenden Jahren Fußballstadien beschallen dürfte. Selbst Stücke, deren Wirkung über einen Pop-Zucker-Schock kaum hinausgeht, besitzen kleine kostbare Momente. So überrascht beim sentimentalen „King Of Rome“ zwischenzeitlich der Beat immer wieder positiv, bevor am Ende das episch Sakrale ganz auf die Tränendrüsen drückt. Verzauberung und Überzuckerung wechseln in „Beautiful People“ gar von Takt zu Takt. Das Stück versucht sich als tarantinoeske Soundtracklandschaft aus 1960er-Jahre-Pop. In „More Than A Dream“ und „Building A Wall“ mag der Beat nicht dominieren, doch betont er die Wirkung des jeweiligen Songs. So wird aus „More Than A Dream“ eine ruhige Club-Nummer für die ausklingenden Balearen-Momente der Electroclash-Party, während „Building A Wall“ als vorsichtig radikaler Kommentar auf die Welt gehört werden kann.

Das Meisterwerk, die Rettung, die Neuerfindung, die schon in „Yes“ hineingeschrieben wurde, stellt das Album sicherlich nicht dar. Auch nach wiederholtem Hören reiht es sich zu willig ein in die Reihe des Synth-Pop wie des bisherigen Werks der Pet Shop Boys. Doch in der Wiederholung erschließt sich mit dem Vogelzwitschern in „Building A Wall“ und vielen weiteren kleinteiligen Erfahrungen dennoch eine die zunächst angenommene Durchschnittlichkeit überschreitende Qualität. Allein der Größenwahn, Elemente aus Tschaikowskys „Nussknacker“ unter den marschierenden Beat in „All Over The World“ zu legen, verdient Bewunderung; zumindest wenn dieses Unterfangen so faszinierend unauffällig gelingt, wenn es seine Wirkung so im unbewussten kollektiven Kulturgedächtnis entfaltet wie hier.

Oliver Bothe

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