Rezension

Perfume Genius

No Shape


Highlights: Slip Away // Go Ahead // Die 4 You
Genre: Art-Pop // Singer/Songwriter // R&B
Sounds Like: Xiu Xiu // Patrick Wolf // Antony & The Johnsons // Rufus Wainwright

VÖ: 05.05.2017

Kaum ein Songwriter hat auf seinen Alben so brutal ehrlich sein innerstes Seelenleben nach außen gekehrt wie Mike Hadreas alias Perfume Genius: Drogensucht, sexueller Missbrauch, Homophobie, Morbus-Crohn-Erkrankung... Es waren schwierige, sehr schmerzvolle Themen, mit denen sich Hadreas auseinandergesetzt hat. Die Musik war nach eigener Aussage der einzige Ausweg über diese grauenvollen Erfahrungen hinweg zu bekommen beziehungsweise diese zu verarbeiten. Mit „No Shape“ wagt Perfume Genius nun einen ersten Blick auf das Hier und Jetzt.

Auch wenn die Gegenwart (zum Glück) nicht die Schrecken der Vergangenheit parat hat, so trägt der mittlerweile 35-jährige natürlich trotzdem Alltagsproblemchen mit sich herum, wie jeder andere Mensch auch. Und das ist das Stichwort: Mike Hadreas scheint angekommen zu sein. Sicherlich nicht in der Mitte, aber irgendwo in der Gesellschaft. An einem Ort, an dem er sich jetzt wohlfühlt. Dass er sich nun mit Glaubensfragen, dem Wegstecken von Rückschlägen und der Frage, wie Sex auch noch in einer langen Beziehung aufregend sein kann, herumschlägt, kommt uns allen angenehm bekannt vor.

Musikalisch birgt „No Shape“ unglaublich viele Überraschungen und bietet klanglich die logische Weiterentwicklung bei Perfume Genius. Wenn im Opener „Otherside“ nach anfänglich zartem Piano-Geklimper plötzlich eine turmhohe Synth-Wand auffährt, dann ist das ein erster Anhaltspunkt, was einen im weiteren Verlauf so erwartet. Bereits das nachfolgende „Slip Away“ folgt einem ähnlichen Muster: Der Hit der Platte kommt mit einem bunten Füllhorn an futuristischen Sounds daher und hat auch noch einen catchy Refrain am Start. Auch der mit opulenten Streichern ausgestattete Bombast-Pop in „Just Like Love“ oder das mit seinem Elektro-Geplucker fast schon an Thom Yorke erinnernde „Go Ahead“ sparen nicht mit experimentellen Elementen.

Glücklicherweise überspannt Hadreas den Bogen aber auch nicht und gewährt durch reduzierte Songs immer mal wieder Luft zum Durchatmen. Besonders tun sich hier die wunderschöne R&B-Ballade „Die 4 You“ (Sade lässt grüßen) und das entwaffnende „Every Night“ hervor. Es ist schon fantastisch, wie viele Songwriting-Facetten Perfume Genius auf „No Shape“ präsentiert und das macht das Album auch zu seinem bisher besten Werk. Das passende Schlusszitat liefert Hadreas in dem seinem Partner gewidmeten Abschluss-Track („Alan“) gleich selbst: „I'm here, how weird!“.

Benjamin Köhler

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