Rezension

Nathaniel Rateliff

In Memory Of Loss


Highlights: Early Spring Till // Longing And Losing // Shroud // You Should've Seen The Other Guy // Happy Just To Be
Genre: Singer-Songwriter // Folk
Sounds Like: Bon Iver // DeYarmond Edison // Damien Jurado // Smog // Langhorne Slim // Unbunny // Breathe Owl Breathe

VÖ: 28.01.2011

An sich hat man es als Singer-Songwriter wirklich leicht. Man braucht nur eine gute Stimme und etwas zu erzählen. Alles weitere sind dann Dinge, die sich nur schwerlich an etwas festmachen lassen, entweder es kommt beim Hörer etwas an, oder eben nicht. Nathaniel Rateliffs Debütalbum „In Memory Of Loss“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie einfach es im Grunde ist, ein tolles Album zu machen – und das ganz ohne musiktheoretische Kenntnisse, sondern allein mit Talent und Leidenschaft. Nicht einmal einen Schulabschluss hat der aus einem kleinen Dorf in Missouri stammende Musiker, der nach dem Tod seines Vaters mit 13 Jahren die Schule abbrach und zu arbeiten begann, sich mit verschiedenen Jobs über Wasser hielt und schließlich viele Jahre als Trucker auf amerikanischen Highways unterwegs war.

Es ist ein unglaubliches musikalisches Gespür, das ihn mit „In Memory Of Loss“ ein Debütalbum abliefern lässt, auf dem man sich vor guten Songs kaum retten kann. Dank seiner langjährigen musikalischen Erfahrung und Tätigkeit in verschiedenen Bands verhaspelt er sich nicht in seinen Ideen, sondern weiß, dass ein guter Song und auch ein gutes Album immer die richtige Balance besitzen muss und dass emotionale Ausbrüche ihre volle Wirkung nur aus ihrem Zusammenhang heraus bekommen. Somit entscheidet sich Nathaniel Rateliff dafür, sein Album mit „Once In A Great While“, einem seiner beschaulicheren Songs, zu eröffnen, auf dem er mit sich selbst im Duett singt und sich von Akustikgitarre und sanften Klavierakkorden begleiten lässt. Schon das nachfolgende „Early Spring Till“ wirkt da wie ein gewaltiger Paukenschlag, der den Hörer spätestens mit seinem grandiosen Refrain völlig übermannt.

Nathaniel Rateliffs Gesang mag etwas gewöhnungsbedürftig sein und nicht unbedingt klassischen Vorstellungen einer „schönen“ Stimme entsprechen, doch nur mit dieser Stimme kann das Album funktionieren, weil sie genau das vermittelt, was Rateliff zu sagen hat. „Shroud“ ist einer dieser Songs, in dem jedes Wort, das er singt, so viel impliziert, dass man selbst aus der Distanz des Hörers, der nur erahnen kann, worum sich der Song dreht und was er für Rateliff bedeutet, mitgerissen wird und einfach nur sprachlos ist, wenn die letzten Töne ausklingen. Die Momente, die man nicht erklären kann, sondern einfach selbst erfahren muss, sind es, die „In Memory Of Loss“ zu einem solch starken Album machen. Das in sich ruhende „You Should Have Seen The Other Guy“ mit Rateliffs leichtem Spiel auf der Mundharmonika kommt einem nach diesem aufwühlendem Song gerade recht. „Boil And Fight“ stellt mit seiner Xylophonbegleitung einen gelungenen Ausgleich zu „Whimper And Wail“ mit seinem dichten Bandsound dar und „When You’re Here“ legt nach dem rockigen „Lamb On A Stone“ den Fokus wieder ganz auf den Gesang. Als Nathaniel Rateliff dann schließlich mit dem hymnischen, von Streichern unterlegten „Happy Just To Be“ ganz ohne sich in Rührseligkeiten zu verwickeln den perfekten Abschluss für sein Album findet, weiß man, dass hier einfach alles zusammenpasst. Nathaniel Rateliff mag ein ganz gewöhnlicher Typ sein, mit diesem Album ist ihm jedoch etwas Außergewöhnliches gelungen.

Kilian Braungart

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