Rezension

Múm

Go Go Smear The Poison Ivy


Highlights: Moon Pulls // Marmalade Fires // Dancing Behind My Eyelids
Genre: -
Sounds Like: Broken Social Scene // Under Byen // Mice Parade

VÖ: 21.09.2007

Jetzt ist es also passiert. Nachdem bereits die Zweitstimme Gyða auf dem letzten Album „Summer Make Good“ nicht mehr zu hören war, hat nun auch deren Schwester und DIE Stimme Kristín Vlatýdóttir die Band verlassen. Mit so einem herben Verlust muss man erstmal klar kommen. Gemeinsam sind wir stark, denken sich da Múm und stocken ihre Besetzung kurzerhand auf ganze sieben Mann/Frau auf. Klar, dass sich da auch einiges geändert hat, was den Bandsound angeht.

Die Gemeinsamkeit mit Sigur Rós besteht eigentlich nur noch in der Tatsache, dass beide Bands aus Island kommen. Die Arrangements folgen auf „Go Go Smear The Poison Ivy“ einer viel komplexeren Richtung, als das auf den Vorgängern der Fall war. Die Bandbreite an Instrumenten und elektronischen Effekten kennt keine Grenzen mehr, ja, teilweise ist das schon zu viel des Guten. Es pluckert und wabert zu jeder Millisekunde und nicht selten wünscht man sich dann doch die umwerfenden Soundscapes alter Tage zurück, die nur noch spärlich zu finden sind.

Gleich beim Opener „Blessed Brambles“ wird man den Gedanken nicht los, dass Múm etwas zu sehr über den großen Teich nach Montréal geschielt haben. Dieser mehrstimmige Gesang und überfrachtete Sound… Woher kennen wir das noch mal? Richtig. Broken Social Scene. Nur eben eine Spur verzerrter und vor allen Dingen anstrengender. Das nachfolgende „A Little Bit, Sometimes“ macht es da auch nicht gerade einfacher, mit dem Album warm zu werden. Ein Song, der so tonnenschwer wirkt, wie die Gletscher vor Island selbst. Dann die Single, falls man sie denn als solche bezeichnen darf: „They Made Frogs Smoke ´Til They Exploded“. Lustiger Songtitel, aber auch keine leichte Kost. Es geht um Tierquälerei und allgemein scheinen Múm ein kleines Statement zum Thema Umweltschutz machen zu wollen, denn die gesamte Albumaufmachung enthält kein einziges Gramm Plastik.

Das ist schon mal löblich, wie auch der anschließende Qualitätsanstieg der Songs. „Moon Pulls“ ist eine wunderschöne Pianoballade, von denen man sich mehr gewünscht hätte und „Marmalade Fires“ schlägt mit allerhand Bläsern und Streichern in dieselbe Kerbe. Beim Effektefeuerwerk „Dancing Behind My Eyelids“ hätte auch Four Tet allerhand Spaß gehabt. Und dann kommen ganz am Ende doch noch mit „Winter (What We Never Were After All)“ die alten Múm zurück, wenn auch etwas im Mariachigewand verkleidet. Ein wahrlich zerissenes Album, bei dem der Eindruck entsteht, als ob die Band selber nicht genau weiß, wohin jetzt eigentlich. Ein oder zwei Schritte zurück wären meiner Meinung jetzt wieder angebracht. Aber mich fragt ja keiner.

Benjamin Köhler

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