Rezension

Marissa Nadler

Strangers


Highlights: Katie I Know // Skyscraper
Genre: Folk // Singer/Songwriter // Chamber-Pop
Sounds Like: Tori Amos // Isobel Campbell // Emiliana Torrini

VÖ: 20.05.2016

Marissa Nadler musikalisch zu fassen, ist alles andere als einfach. Sehr einfach konnte man es sich eine Zeit lang machen, sie als eine von sehr vielen Folkdamen ansehen, die mitsamt akustischer Gitarre und sonstigem, nicht weiter komplexen Beiwerk in der Welt herumträllert. So weit, so speziell für eine Zielgruppe. Jedoch zeigt sie sich bisweilen wie verwandelt. Unterstützt mit ihrem hellen Sopran finsterste Metalprojekte wie Xasthur oder Wrekmeister Harmonies. Dazu klang die Albenankündigung zu „Strangers“ interessant und produziert von Randall Dunn (Black Mountain, Earth, Sunn O))), Wolves In The Throne Room). Die wunderschöne Schwarz-Weiß-Ästhetik des Covers versprach eventuell einen Ausflug in Gefilde des Gothic der 1980er Jahre. Ganz eventuell sogar in Richtung Dead Can Dance, zumal sie durchaus die Chance hat, Lisa Gerrard stimmlich nahe zu kommen.

Erwartet man also ein düster angehauchtes Album, merkt man schnell: Angehaucht ja, der Rest fehlt jedoch. „Strangers“ ist 45 Minuten gefälliger Folkpop, der in seinen besten Momenten („Katie I Know“, „Skyscraper“) ganz angenehm zu hören ist, über weite Strecken aber einfach nur nervt. Im immer gleichen Tempo schleppt sich Nadler mit ihrem Singsang durch die Songs und zieht jeden Ton wie einen alten Kaugummi unter den Tasten ihres Klaviers hervor. Eigentlich könnte sie alles das, was ein solches Album spannend machen würde. Selbst ohne obige Erwartungshaltung, die ja schon sehr selbst herbeigewünscht ist hat „Strangers“ wenig, wofür es sich lohnt, genauer hinzuhören. Selbst die vielen Folkdamen samt akustischer Gitarre oder Harfe sind auf einmal eine spannendere Alternative als das, was hier breitgetreten beziehungsweise -gesungen wird.

Unterschiedliche Laut-Leise-Schemata, stimmliche Variationen, Ausbrüche, Tempowechsel. Nichts davon geschieht. Nadler schwebt lediglich in abseitigen Sphären über einer musikalischen Intonierung, mit der Musiker wie Sivert Höyem, Nick Cave oder eben genannte Lisa Gerrard wenigstens noch einen guten Rotweinabend machen würden. "Strangers“ jedoch bleibt fremd. Jedes wahllose Hineinskippen in die Stücke des Albums endet an der gleichen Stelle. Was einige Minuten lang ganz nett zum Einlullen geeignet ist, sorgt bereits nach dem dritten Song für Dauerschläfrigkeit. Generell mag das musikalische Feld, in dem sie sich bewegt, spannend erscheinen. „Strangers“ jedoch ist es bei weitem nicht.

Klaus Porst

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"Katie I Know"

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