Rezension

Kendrick Lamar

To Pimp A Butterfly


Highlights: King Kunta // i // Complexion // The Blacker Berry
Genre: Rap // Funk // Jazz
Sounds Like: Kanye West // Miles Davis // Parliament // 2Pac // Flying Lotus

VÖ: 16.03.2015

Spex, FAZ, Guardian, Mic.com, Forbes, The Verge. Die Liste der Medien, die über „To Pimp A Butterfly“ berichten, ist ebenso lang wie heterogen. Bis hierhin ist das noch nichts Besonderes. Dass aber gerade Medien wie Forbes und The Verge über Kendrick Lamars drittes Album berichten, ohne dass es dabei vorrangig um Verkaufsrekorde (Forbes) oder eine mit der Platte verbundene Radiohead-eske App ginge (The Verge), ist erstaunlich. Tatsächlich lobt der Forbes-Artikel die Narrationstiefe von Kendricks neuem Opus und The Verge setzt sich inhaltlich mit dem Album so weit auseinander, dass es Lamar kurzerhand zu „Black America’s poet laureate“ ernennt und über das Album nicht weniger zu urteilen weiß, als dass es perfekt sei.

Selbst wenn man möchte: „To Pimp A Butterfly“ zu ignorieren, ist dieser Tage unmöglich. Nach dem Erfolg des großen Major-Debüts „Good Kid, m.A.A.d City“ war das bisweilen zu erwarten. Dass die Auseinandersetzung aber in einem solchen Ausmaß stattfindet, geht über die Erwartungen hinaus. Seit Wochen setzt sich die Medienwelt, weit über die Grenzen der Musikberichterstattung, mit der Platte auseinander. Und dafür gibt es einen ganz einfachen Grund: Kendrick Lamar trifft den Nagel auf den Kopf, der sich unumwunden in das Nervenzentrum der gegenwärtigen Gesellschaft bohrt. Das tut weh, ist kaum auszuhalten, aber es hat auch einen erstaunlichen Nebeneffekt. Der Nagel sitzt so tief, dass eine Nichtauseinandersetzung gänzlich unmöglich scheint. Und so ist das narrativ exzellent umgesetzte „To Pimp A Butterfly“ eine Rap-Oper allererster Güte.

Über die Rapskills und das außergewöhnliche Talent Kendricks wurde bereits genug gesagt. Auch fast nebensächlich: Die Tatsache, dass er mal eben so einen musikhistorischen Meilenstein geschaffen hat, in dem er Versatzstücke von Funk bis Jazz so nonchalant kombiniert, dass man jetzt schon sicher sein kann: In den nächsten 20-30 Jahren wird der Name Kendrick Lamar als wichtigste (Sorry, Kanye) Inspiration künftiger Rap-Generationen herhalten.

Und dennoch ist „To Pimp A Butterfly“ so viel mehr. Eine Platte mit durch und durch schwarzen Wurzeln: Der Titel, der eine Referenz an den Roman „To Kill A Mockingbird“ darstellt, in dem ein schwarzer Farmarbeiter der Vergewaltigung beschuldigt wird. Die musikalischen und textlichen Einflüsse von Miles Davis und Parliament über Snoop Dogg, Michael Jackson, Kanye und natürlich 2Pac. Vor allem aber ist es eine Platte, die sich in all seiner literarischen und narrativen Finesse (eine Vielzahl auftauchender Charaktere und die Re-Instrumentalisierung des klassischen Ich-Erzählers) dem Thema Rassismus auf eine aufrichtige und ehrliche Weise nähert. Es geht um die „self-fulfilling prophecy“, die entsteht, wenn junge Afroamerikaner sich entsprechend dem rassistischen Image, das ihnen medial und gesellschaftlich auferlegt wird, verhalten und so keine Chance haben, der rassistischen Spirale zu entkommen. Es geht um die Ursprünge und die strukturellen Probleme des Rassismus in einer gegenwärtigen Gesellschaft, in der ein Konflikt zwischen der schwarzen und weißen Bevölkerung in einer Weise zu eskalieren droht, wie man es seit Martin Luther King nicht mehr für möglich gehalten hatte.

Und deswegen ist „To Pimp A Butterfly“ ein Meisterwerk. Schon jetzt. Es ist wahrscheinlich, dass wir noch Monate und Jahre über diese Platte diskutieren werden, weil noch lange nicht alles gesagt ist. Dass sie in den Kanon der Literaturkritik aufgenommen wird. Dass sie Wellen schlägt, an die wir jetzt nicht mal zu denken wagen. Kendrick ist so viel mehr als eine Speerspitze gegenwärtiger Rap-Kultur und so viel mehr, als es ein Kanye West gerne wäre. „To Pimp A Butterfly“ beweist, welche gesellschaftliche und politische Gewalt Musik haben kann und man kann nur hoffen, dass es einen wichtigen Beitrag zur Veränderung liefert: Ein externer Druck, an dem viele große Platten gescheitert sind. Diese hat das Potenzial, dem Druck standzuhalten.

Andreas Peters

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