Rezension
Kashmir
No Balance Palace
Highlights: Kalifornia // Ophelia // No Balance Palace
Genre: Alternative
Sounds Like: dEUS // Radiohead // Interpol // Joyce Hotel
VÖ: 07.10.2005
Als im Jahre 2003 scheinbar aus dem Nichts das fantastische "Zitilites" das Licht der Welt erblickte, bestand die Band Kashmir bereits seit über 10 Jahren. Gefunden haben sich die vier Dänen auf einem College für Musik und Kunst. Nicht nur mit einer, wie die meisten denken, sondern mit beiden Arten der Kultur befassen sie sich heute. Natürlich liegen Kunst und Musik nah beieinander, aber dass eine Band neben ihrer Musik auch eine Kunstausstellung beim Touren in die Städte bringt, ist wahrlich etwas besonderes. Das Cover-Artwork ist jedoch unpassenderweise nicht von ihnen. Das Werk "Abstract Cabinet" stammt aus dem Jahre 1927 und ist im Hannoverer Sprengel Museum zu bestaunen. So, jetzt aber genug Kunst.
Die Musik spielt bei Kashmir nämlich trotz großem Kunstinteresses die größere Rolle. Was schon im Eröffnungstück "Kalifornia", das höchstwahrscheinlich bereits tausende "O.C. California"-Fans größtenteils beunabsichtigt auf ihrem Computer haben, erkennbar wird, ist, dass mit ihrem fünften Longplayer die rockigeren Gitarren der Frühwerke zurückgekehrt sind. Dichter und dichter mit jeder Sekunde. Für "The Cynic" haben sie sich dann niemanden geringeren als Altmeister David Bowie in ihr New Yorker Studio geholt, der schon länger mit dem selben Produzenten arbeitet. Doch leider zerstört der Song mit seinem "Mitgröll-Refrain" die von Kashmir altbekannte Melancholie. Diese kehrt zum Glück schnell durch das wunderschöne "Ophelia" zurück - Interpol lässt grüßen. So richtig poppig kommt es auf der CD nur einmal: "The Curse Of Being A Girl", passend die erste Single. Nervt aber nicht, mach Spaß! Richtig dEUS-a-like dann im nächsten Song. Hier verbinden sie so ziemlich alles, was dEUS' jüngst erschienenden "Pocket Revolution" so ausmacht. Einfach groß.
Spätestens beim neunten Lied "Snowman" scheint es gar keinen Experimentalitätshalt mehr zu geben. Der genannte Song folgt zwar eigentlich keinem klaren Schema, doch dank der wundervollen Gesangslinien bleibt er trotzdem schnell im Kopf hängen. Das anschließende "Black Building" sollte erst ein einziges Instrumental-Geklimmper werden, doch da die Dänen auch neben Herrn Bowie viele Prominente Hörer haben, ließ sich mit Lou Reed ein mehr als nur würdiger Leser für das von Frontmann Kasper Eistrup geschriebende Gedicht finden, das sie ihn dann kurzerhand über den Song vorlesen ließen. Plötzlich: Ein Donnerschlag! Und nun alle aufgepasst: Trommelwirbel, ein Krautrockbeat, "Radiohead-There-There-Gitarren", wieder ein Schlag, Tempowechsel, ein Mörderriff, Mörder-Fill-Ins, die Ruhe nach dem Sturm und ein letztes mal holt der Sänger tief Luft: "You Are My Song, So Empathetic And So Strong, You've Waited Forever, And Through You Did Quiver, You Came Along". Schlichtweg noch größer.
Kurz, Kashmir haben ihrem Sound eine leichte Prise der bedeutesten Independent-Bands der Neuzeit hinzugegeben. Dass das nicht schaden kann, müsste klar sein. An den Vorgänger kommt es dennoch wie erwartet war nicht heran. Etwas derart intensives zu toppen, ist aber auch unmöglich. So ist "No Balance Palace" die einzig richtige Konsequenz. Und ich sag's euch schonmal: Aus Dänemark wird man noch einiges hören. Im wahrsten Sinne des Wortes.
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