Rezension

Kanye West

The Life Of Pablo


Highlights: Famous // Freestyle 4 // Waves
Genre: Hip Hop // RnB // Pop
Sounds Like: Jay-Z // Drake // Kendrick Lamar

VÖ: 12.02.2016

„That's all it was Kanye, we still love Kanye / And I love you like Kanye loves Kanye.“ Wer sich jemals auch nur ansatzweise mit Kanye West auseinandergesetzt hat, runzelt bei solchen Texten verwirrt die Stirn. Kann ein Mensch, dessen Ego sprichwörtlich grenzenlos ist, andere nur ansatzweise so sehr wie sich selbst lieben? Ferner noch: Ist dieser Größenwahnsinnige überhaupt zu altruistischer Liebe fähig? Seine öffentlichen Auftritte belegen zumindest das Gegenteil. Egal, ob er auf den Video Music Awards 2009 Taylor Swift unterbricht oder Becks Grammy von 2015 in Frage stellt, dieser Mann hat zu allem eine radikale Ansicht (die vor allem darin besteht, dass er selbst der Größte ist) und scheut nicht davor zurück, diese in die Welt zu posaunen. Doch Dreistigkeit siegt bekanntlich. Mehr noch wegen seiner ständigen Medienpräsenz als wegen seiner Musik ist Kanye West zu einem der größten Popstars der Gegenwart geworden.

Kanye West ist ein einziges Paradoxon. Glaubte man anfänglich noch, „Yeezy“ sei eine unterhaltsame Kunstfigur, so ist diese Trennung von realer Person und öffentlichem Produkt mittlerweile unmöglich. West ist hochbegabt und noch höher verschuldet. Ein brillanter Producer und Perfektionist, der gleichzeitig textlich im Schlamm gräbt. Einer, der Gottesfurcht auf „Low Lights“ predigt und dann doch Größenwahn und Materialismus lebt. Verfechter von schwarzen Bürgerrechten und gleichzeitig in der funkelnden Plastikwelt des Kardashian-Clans beheimatet.

„The Life Of Pablo“ ist das siebte Album des wohl größten Mainstream-Rappers dieses Jahrzehnts und nach dem sperrigen, spannenden „Yeezus“ sehr poppig ausgefallen. Bereits der Titel wirft Fragen auf. Wer ist Pablo? Der Künstler Pablo Picasso? Der Kartellboss Pablo Escobar? Gar der Apostel Paulus? West legt sich nicht fest: Natürlich möchte er alle gleichzeitig sein. Musikalisch veranschaulicht „The Life Of Pablo“, was zeitgenössischen Mainstream-Hip-Hop auszeichnet. Auto-Tune auf „Waves“ und „Father Stretch My Hands Pt. 1“, harte elektronische Beats auf „Feedback“ oder moderner RnB auf „FML“: Handwerklich ist dieses Album perfekt. Auch die Gästeliste mit Kendrick Lamar, The Weeknd, Rihanna, Chance The Rapper und unzähligen weiteren liest sich wie ein „Who is Who“ der heutigen Rapszene. Textlich hingegen fällt das Album ab und verdeutlicht ein weiteres Mal den Widerspruch zwischen dem perfektionistischen Beatschrauber und dem prolligen Großmaul. Wenn Rihanna auf „Famous“ Nina Simone zitiert und Sister Nancys „Bam Bam“ das Lied gegen Ende in schwindelerregende Höhen katapultiert, prallt der musikalische Perfektionismus auf lyrische Wasserschläge gegen Taylor Swift. Gerade im Vergleich mit Kendrick Lamar, der mit seinem „To Kill a Butterfly“ letztes Jahr zeigte, dass klassisches Storytelling kein Relikt einer goldenen Ära des Hip Hop ist, werden die textlichen Schwächen von „The Life Of Pablo“ überdeutlich.

„The Life of Pablo“ ist die musikalische Konsensplatte in Sachen Mainstream-Hip-Hop und gleichzeitig eine unumgängliche Bestandsaufnahme urbaner Musik im Jahr 2016. Viele werden dieses Album blind hassen, da sie es nicht losgelöst von der Kunstfigur betrachten können. Das ist verständlich – und doch schade. „The Life Of Pablo“ ist ein sehr gutes Popalbum, bei dem es viel zu entdecken gibt. Abwechslungsreich, perfekt produziert und dann doch leider wegen einem unsäglichen Kanye West nie bedingungslos zu lieben.

Yves Weber

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