Rezension

Grim104

Das Grauen, Das Grauen


Highlights: Das Grauen // Hölle // Abel ’19 // Unter der Stadt
Genre: Deutschrap // Spoken Word
Sounds Like: Zugezogen Maskulin // Testo // Audio88

VÖ: 31.10.2019

Nach der direkten Freude, dass Grim104, die eine Hälfte des Rap-Duos Zugezogen Maskulin, sechs Jahre nach seiner Solo-EP neue Musik veröffentlichen wird, machte sich erst einmal ein bisschen Ernüchterung breit. So war der Vorab-Track „Graf Grim“ bei all der Sprachgewandtheit, für die man Grim104 kennt, und der gewohnt starken Beats von Silkersoft doch etwas inhaltsleer und man fragte sich, ob die gesamte angekündigte EP allein auf der amüsanten Spielerei von „Graf Grim“ aufbauen würde.

Doch schon der Opener „Das Grauen“ schafft es, inhaltlich die Brücke zur Debüt-EP zu schlagen, alte Fäden prägender Jugenderfahrungen aufzugreifen und dem Grauen, das auch das jetzige Leben von Grim104 prägt, einen Namen zu geben. Statt dem unheimlichem Landleben ist es, wie auch auf den Alben von Zugezogen Maskulin thematisiert, das Leben in Berlin, das einen auf ganz andere Weise mit genauso widerwärtigen zwischenmenschlichen Abgründen konfrontiert. Sei es die immer abstrusere Formen annehmende Gentrifizierungsdynamik, die in „Hölle“ auf ganz eigene Weise mit präzisen Bildern zum Teil selbstironisch auf den Punkt gebracht wird oder der metaphorische Track „Geist“, der beschreibt, wie sich zunehmend das Menschliche des Menschen in der modernen Leistungsgesellschaft aufzulösen scheint. „Ratten“ erinnert mit Oldschool-Beats an die alten Zeiten von Grim104, während „Abel ’19“ mit schonungsloser Präzision eine eskalierende Szene irgendwo in der nächtlichen Großstadt beschreibt und sich so weit von gewöhnlichem Deutschrap entfernt, dass man sich selbst fragt, wo man diese neue EP von Grim104 musikalisch einordnen soll – und genau das macht sie so gut.

Man wird wieder einmal gezwungen, die lyrische und dichte Sprache von Grim104 zu entschlüsseln und genau hinzuhören, um nach und nach zu fassen zu kriegen, welche Horrorszenarien hier zum Ausdruck gebracht werden. Im Kontext der EP fügt sich dann selbst „Graf Grim“ erstaunlich gut ein, denn was hat man denn auch für eine Wahl, als sich vom widerwärtigen Großstadtmoloch abzuwenden.

Kilian Braungart

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