Rezension

¡Forward, Russia!

Life Processes


Highlights: We Are Grey Matter // Spring Is A Condition // Fosbury In Discontent // Spanish Triangles
Genre: Post-Punk // New Wave // Post-Rock
Sounds Like: Pretty Girls Make Graves // Test Icicles // Les Savy Fav // Help! She Can´t Swim

VÖ: 11.04.2008

¡Forward, Russia! waren das hässliche Entlein der britischen New-New-Retro-Wave-Rock-Bewegung (ihr wisst schon, was ich meine…). Anders als beispielsweise Bloc Party oder die Editors lag es der Band eben nicht vornehmlich daran, Hit an Hit zu reihen, sondern einfach ohne Rücksicht auf Verluste nach vorne zu preschen und das eigene Ding durchzuziehen. Dann war da auch noch ein Typ am Mikrofon, der nicht wirklich singen kann und die Eigenart, die Tracklist des Albums einfach mal durchzunummerieren, stieß auch nicht überall auf Wertschätzung und Gegenliebe. Folglich wurden ¡Forward, Russia! schnell mit dem Eigenbrödler-Stempel (sprich: zu verrückt, um erfolgreich zu sein) versehen und das Rampenlicht richtete sich auf andere Bands.

Während uns seither zahlreiche Acts der damaligen Hypebewegung mit ihren uninspirierten Zweitwerken auf die Nerven gegangen sind, kommt nun die Rache der damals schändlich Verschmähten. ¡Forward, Russia! schießen uns mit „Life Processes“ einen Brocken vor den Latz, der trotz seiner schweren Verdaulichkeit in puncto Innovation neue Maßstäbe setzt. Zurecht darf die Band von sich behaupten, dass es Vergleichbares in dieser Form bisher nicht zu hören gab. Post-Punk, New Wave und Post-Rock werden hier auf eine ganz neue Art und Weise miteinander vermischt und wie oft passiert so eine beinahe Radneuerfindung heutzutage noch?

Maßgeblich verantwortlich für diese Weiterentwicklung dürfte der Umstand sein, dass mit Matt Bayles ein Produzent am Werke war, der bereits mit Bands wie Isis, The Blood Brothers oder The Fall Of Troy zur Genüge bewiesen hat, dass noch längst nicht alle Nischen der Musik ausgelotet worden sind. Aber auch das Bemühen der Band, sich selbst auf ein neues Level zu heben, ist jederzeit hörbar. Besonders Drummerin Katie Nicholls scheint jede Sekunde der vergangenen zwei Jahre im Proberaum verbracht zu haben und begeistert regelrecht mit ihrem abwechslungsreichen Spiel.

Zwar will „Welcome To The Moment“ uns zuerst noch einen Bären aufbinden und kommt in bester Debütalbummanier daher, doch bereits „We Are Grey Matter“ zeigt auf beeindruckende Art und Weise die neuen Seiten auf. Sämtliche gängigen Songstrukturen außer Acht lassend, windet und zuckt sich der Song an die Fünf-Minuten-Schallgrenze heran und beweist in einem kurzen Zwischenspiel erstmals die neuen postrockigen Einflüsse. Allgemein stampfen ¡Forward, Russia! einen Songmonolithen nach dem anderen aus den Boden und so sind Spielzeiten von 5-8 Minuten keine Seltenheit auf „Life Processes“. Gerade diese Songs stellen sogar die Highlights dar. „Spring Is A Condition“ hat einen unglaublichen Refrain, „Some Buildings“ huldigt Explosions In The Sky, „Gravity & Heat“ überrascht mit einem Zeitsprung von Ballade zu Riffrocker und „Spanish Triangels“ ist ein Kunstwerk für sich, für das man allein eine ganze Rezension füllen könnte.

Bei all der herrschenden Experimentierwut ist es die wunderschöne Pianoballade „Fosbury In Discontent“, die zeigt, dass ¡Forward, Russia! auch anders können, als immer nur das Gaspedal durchzudrücken. Nebenbei kann man hier auch einmal der weiterhin anstrengenden Stimme von Sänger Tom Woodhead ganz neue Seiten abgewinnen. Und wo wir schon bei abgewinnen sind... Wer dies nach diesem Album immer noch nicht tut, der wartet wahrscheinlich schon sehnsüchtig auf das nächste Hard-Fi-Album.

Benjamin Köhler

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