First Aid Kit
The Lion's Roar
Highlights: The Lion's Roar // To A Poet // King Of The World
Genre: Singer-/ Songwriter // Country // Folk
Sounds Like: Anna Ternheim // Bright Eyes
VÖ: 20.01.2012
Man kann sagen, was man will, nicht nur in der Modewelt der letzten Sommer, auch im Musikkosmos der letzten Tage ist der Hippie-Look gefragt wie nie. Ob die Evening Hymns, die Fleet Foxes oder Alexander Ebert: langhaarig und/oder (halb)nackt durch den Wald zu horsten, gehört einfach zur Akustikgitarre und dem Singing und Songwriting. Johanna und Klara Söderberg ist das offensichtlich nicht völlig fremd, betrachtet man Cover oder Video zur ersten Auskopplung ihrer neuen Platte „The Lion's Roar“. Aber auch das Albumganze erscheint gitarrig, verträumt und countryesk, immer mit Gegenwartsbezug, aber eben auch dem spürbaren Hang zum Staub der 68er.
Gleich der Opener, Namensvetter des Albums selbst, „The Lion's Roar“, legt Zeugnis für etwas ab, was wir schon seit dem Debüt von First Aid Kit wissen: Die Stärken der beiden Schwedinnen sind ihre unterschiedlichen Stimmen und die hübschen Texturen durch die Melange aus beidem. Wo Johanna der Introspektive ihrer Texte durch flehend-weinerliche Höhen Eindringlichkeit verleiht, erhalten die Songs durch Klaras Hintergrundgesinge wieder etwas mehr Honig.
Allerdings ist hier nicht nur entscheidend, wie entzückend First Aid Kit mit ihrem Gesang die einfachen Melodien in den Background schieben können, auch was sie singen, hat Substanz. So möchte man durchaus die eine oder andere Zeile in seinem Tagebuch verewigen. Nichts weiter als die Welt und ihre Vorgänge an sich werden ein bisschen in Frage gestellt, mit Zeilen wie we know what we're doing we're doing it right they've written books on the subject but then you may still feel surprised by your tone over the phone, oder aber es geht um die Verschlossenheit des Gegenüber, der man sprachlos begegnen muss: well I guess sometimes I wish you were a little more predictable / that I could read you just like a book. for now I can only guess what's coming next by examining your timid smile.
Hin und wieder vergreifen sich First Aid Kit dann leider am Schmalztopf und könnten, etwa mit „Blue“ sehr gut den Soundtrack irgendeiner Szene voller Mitgefühl und Nächstenliebe aus „Seven Heaven“ liefern, und auch „Emmylou“ würde eine Zuckerdiät nicht schaden. Ganz am Ende aber, mit „King Of The World“, machen First Aid Kit einiges wieder gut! Zwar erinnert der Refrain entfernt an die proletig-betrunkenen Songs eines Frank Turner, aber der flotte Rhythmus und die Zeilen well I'm nobody's baby / I'm everybody's girl / I'm the queen of nothing / I'm the king of the world laden so wundervoll unaufgeregt zum Mitsingen ein, dass man beinahe aufpassen muss, nicht laut mitzuträllern. Scheinbar hat sich dies auch kein Geringerer als Mastermind Conor Oberst gedacht, der in bekannt und beliebt gebrochener Art auf diesem Track zu hören ist. Die Mädels von First Aid Kit scheinen sich in der Saddle-Creek-Familie ohnehin nicht ganz unwohl zu fühlen, denn auch Mike Mogis gibt sich die Ehre als Produzent von „The Lion's Roar“.
Auch wenn es nur ein Eindruck ist, der dies suggeriert, aber durch diese wenigen Stücke mitunter naiver Musik scheint die Welt ein bisschen einfacher und besser zu werden. Es kann also nichts falsch daran sein, sich von ihren Klängen mal eben schnell mitnehmen zu lassen und den Aufforderungen der beiden doch noch sehr jungen Schwestern nachzugehen: Just sing little darling sing with me.
Silvia Silko