Rezension

Fettes Brot

Strom Und Drang


Highlights: Hörst du mich? // Das traurigste Mädchen der ganzen Stadt // Bettina, zieh dir bitte etwas an
Genre: HipHop
Sounds Like: Die Fantastischen Vier // Fünf Sterne Deluxe

VÖ: 14.03.2008

Die schwulen Mädchen sind zurück. Nach einer zuletzt eher ernsten Platte besinnen sich Fettes Brot wieder auf elektronische Beats, Breaks und ironische Texte. Auf gehts zum Tanzflur!

"Bettina, pack deine Brüste ein! Bettina, zieh dir bitte etwas an!" Die erste Single spaltet. Nicht nur zahlreiche Vertreterinnen des B-Namens waren angesäuert, auch andere Hörer waren enttäuscht. Warum eigentlich? Der Song ist ein verfluchter Ohrwurm und nimmt sich einem Thema an, das ja in der Rap-Szene Gang und Gebe ist. Wer erinnert sich nicht an die Musikclips, in denen leicht und leichter bekleidete Frauen der Fleischeslust pickliger MTV-Zuschauer Erfüllung bringen. Morgens das Seite-1-Girl, mittags Musik-TV, abends 9Live. Der Hormonhaushalt kommt nicht zur Ruhe. Erster Erfolg? Bettie Ballhaus, offiziell nicht angesprochenes Ausziehmädchen im Deutschen Strip-Fernsehen, hängte ihr Bikinioberteil an den Nagel. Hatte natürlich nichts mit dem Song zu tun, niemals.

Auch die werten Rapkollegen bekommen ihr Fett weg. Nicht mit brutalen Dissattacken, sondern freundlich beschwingt, mit mehr als einem Augenzwinkern heißt es: "Der beste Rapper Deutschlands ist offensichtlich Ich". Stümperhafte Reime, graue Haare für Germanisten - so dröhnt die Musik aus Berlin, und Hamburg reagiert amüsiert, sicher auch mit dem Hintergedanken, dass Sido, Bushido und wer noch alles in das Schema fällt, nicht weiter den Ruf des deutschen HipHops in den Schmutz ziehen.

Dass es mit Berlin aber auch gut klappt, zeigen gleich zwei Duette mit Berliner Sängerinnen. Im Song "Das allerste Mal" wird Dr. Renz von (der aus Hamburg stämmigen) Bernadette LaHengst unterstützt, Deutschlands nächstes Superpaar? Mias Mieze gibt dazu "Das traurigste Mädchen der ganzen Stadt" und erinnert hier mächtig an Kate Nash. "Ich wusste nicht, dass jemand mitzählt, wie oft ich lach / Wusste nicht, dass jeder kommentiert was ich so mach / Ich mein, ich finds ja toll, wenn andere Leute einen interessieren und jeder sich ausprobiert im Reininterpretieren, doch macht mich das zum traurigsten Mädchen der ganzen Stadt, oder was?"

Der einfühlsamste, traurigste Song auf "Strom und Drang" ist "Hörst du mich?". Ein wehmütiger Nachruf auf verstorbene Menschen, die die Welt vieler oder einzelner veränderten, die jedoch niemals vergessen werden dürfen. Egal ob Marvin Gaye, Sophie Scholl oder der Mann von der Straßenecke. "Wir langweilen uns fürchterlich ohne dich!"

Fettes Brot beweisen mal wieder, dass sie zu den besten Bands in Deutschland gehören und wie wunderbar deutscher HipHop sein kann. Sie sprechen Themen an, ohne albern zu wirken, kritisieren die Gesellschaft, aber nicht entmutigt und beleidigend, sondern hoffnungsvoll und sympathisch. Musikalisch geht das Konzept meistens auf, textlich sowieso. Und das Beste: Die Platte ist für Fans der ersten Stunde sicher genauso geeignet, wie als Adoleszenzalbum für Neuntklässler. Das ist beachtlich, denn nicht selbstverständlich. Tief im Herzen sind wir eben alle nordisch by nature.

Martin Korbach

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