Rezension

Felix Kubin

Chromdioxidgedächtnis


Highlights: Moderatioren II // Interview // Anrufbeantworter // Diktaphon
Genre: Hörspielaufnahmen // Soundkullissen // Klangdokumente
Sounds Like: "Misch-Matsch"

VÖ: 10.10.2014

Draußen: extremer Regen. Menschen, die sich unter Bäume stellen, in der Hoffnung, es hört gleich wieder auf. Wird es aber nicht. Menschen, die mit der Handtasche über dem Kopf schnell davon rennen. Schon besser gelöst. Drinnen: Felix Kubin, unwirkliche Sounds. Unwirkliche Stimmenaufzeichnungen. Insgesamt: skurril. Heimatfilm-Vertonung. Lauter Krach und Radau. Das Aufschließen von Türen. Ein Schnaufen. Virtuoses Klavierspiel.

"So, meine Damen und Herren, und jetzt kommt ein Misch-Matsch, da werden einfach irgendwelche Sprachen, Programme, alles durcheinander geworfen. Viel Spaß!", erklärt der junge Felix Kubin sich in "Radio Collage", einem – besser könnte man es kaum benennen – "Misch-Matsch" an Sounds. "Chromdioxidgedächtnis" ist insgesamt solch ein wirrer Mix. Es ist eine Hommage an die Kassette, die vor 40 Jahren das Licht der Welt erblickte und Sound-Tüftler wie Felix Kubin glücklich stimmte. Denn mit Hilfe der Kassette konnte Felix Kubin einen unendlichen Fundus an Tönen, Sounds, Songs, Radiofetzen, Alltagsgeräuschen und vieler weiterer Dinge aufzeichnen, und das über Jahrzehnte hinweg. So sind darauf Aufzeichnungen seiner Band "Die Egozentrischen 2" (Felix Kubin und Stefan Mohr) zu finden, die um 1980 entstanden sein müssen, oder auch Audio-Aufzeichnungen für die eigene Oma: "Liebe Omi, ich hab dir auf diese Kassette jetzt auf der Orgel einige Lieder aufgenommen und zwar Klassik und Unterhaltung". Was folgt, sind zerstückelte Lieder auf der Orgel, auf Synthesisern, auf allerhand außerirdisch klingenden Geräten, durch den digitalen und analogen Fleischwolf gedreht.

"Chromdioxidgedächtnis" kommt in einem aufwändigen Boxset, bestehend aus einem umfangreichen Booklet, einer CD und, wie könnte es anders sein, einer Kassette. Im Booklet sind Texte über die Geschichte der Kassette zu lesen, aus wissenschaftlicher, aber auch emotional rückblickender Sicht, aber in jedem Fall spannend und ausführlich. So erfährt man zum Beispiel, dass die ersten Walkmans mit einem Doppelstecker für zwei Kopfhörer ausgestattet waren, da Sony befürchtete, dass das Hören mit dem Walkman von der Gesellschaft als antisozial gesehen werden könnte. Außerdem gibt es einige schön skurrile Werbefotografien für Kassetten und auch Fotos aus Kubins privatem Archiv zu sehen. Die CD und die MC bieten dann die Vertonung der Kassetten-Historie. Zu hören gibt es zum Beispiel ein Interview mit Wim Langenhoff, der bei Philipps lange Jahre die Entwicklung der Audiokassette begleitet hat.

Kubin versucht, auf "Chromdioxidgedächtnis" einen Vergleich des menschlichen Gedächtnisses mit dem der Audiokassette zu schaffen. Beide Gedächtnisse scheinen eher eine Interpretation des Vorgefallenen als die Abbildung der Ereignisse selbst zu sein – so sinniert Kubin im Booklet. Das Schöne an den Aufzeichnungen auf den verschiedenen Medien von "Chromdioxidgedächtnis" ist, dass sie ein Mix aus Kubins Vergangenheit und der Geschichte der Kassette geworden sind. So sind zum Beispiel Anrufbeantworteraufzeichnungen mit unendlichem "Ich hasse dich!" und "Ich mache alle deine Kassetten kaputt, die du mir je geschenkt hast!" zu hören, während "When A Man Loves A Woman" im Hintergrund dudelt, aber auch Ansagen verschiedenster Radiomoderatoren, oder eben ausführliche Erklärungen über die unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten und Effekte, die die Audiokassette bietet.

Kubin spielt dabei eben mit diesen Effekten, spult, überspricht, verkettet die verschiedensten Töne miteinander, erschafft mit einem Tonträger selbst Töne. "Chromdioxidgedächtnis" ist eher eine von Felix Kubins skurrilen Hörspielproduktionen geworden als ein Musikalbum. Wer auf etwas irre Soundgeschichten steht, ist hier auf jeden Fall richtig und wird seinen Spaß haben.

Marlena Julia Dorniak

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Chromdioxidgedächtnis // NDR – Das neue Werk
Die Egozentrischen 2 – Der Materialist

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