Rezension

Elbow

Leaders Of The Free World


Highlights: Station Approach // Forget Myself // Great Expectations
Genre: Britpop
Sounds Like: Doves // Kashmir // Coldplay

VÖ: 12.09.2005

Bei der Veröffentlichung des aktuellen Albums wurden Coldplay in den Medien zur „größten Band unserer Tage“ hochgepriesen. An der musikalischen Qualität kann das nicht liegen, denn dann hätten ganz sicher Elbow diesen Titel verdient. Es muss wohl einfach an der Tatsache liegen, dass Sänger Guy Garvey weder eine Oscarpreisträgerin zur Frau hat, noch besonders gut aussehend ist. Im Grunde verkörpert er eher die Antithese eines Medienlieblings und stellt vielmehr das Klischéebild eines bierbäuchigen Engländers dar, der sich Abend für Abend in versifften Pubs zuschüttet. Wenn da nur nicht diese Ausnahmestimme wäre!

Und diese geht diesmal gerade deshalb mehr denn je unter die Haut, weil Elbow mit „Leaders Of The Free World“ ihr bislang zugänglichstes Werk abliefern. Hier werden Pophymnen mit einer solch spielerischen Leichtigkeit aneinandergereiht, wie es nur Bands ohne turmhohen Druck seitens der Öffentlichkeit bewerkstelligen können. Bei so viel Selbstvertrauen darf man auch ruhig einmal politisch werden, wie im Titel- und Herzstück des Albums. Alle peinlichen Politpunkbands bitte herhören! So schreibt man einen ernstzunehmenden Song über den Missbrauch politischer Machverhältnisse!

Ja, Elbow wissen durchaus auch, wie man mit Worten umgeht und dabei dem Hörer buchstäblich aus der Seele spricht. Allein schon „Station Approach“! Eine Homage an den volltrunkenen, nächtlichen Nachhauseweg von der Kneipe. Vielleicht nur ein Männerphänomen, aber es könnte kaum mehr Wahrheit in den Textzeilen stecken. Auch musikalisch gerät das dritte Elbow Album sehr eingängig und hat eine ganze Ladung radiokompatibler Hits dabei. An erster Stelle wäre da die erste Single „Forget Myself“ zu nennen. Eine beschwingte Popnummer mit Killerrefrain. Geradlinig und trotzdem nicht glattgebügelt. Oder auch „Mexican Standoff“, welches den Titel nicht zu unrecht trägt und mit Handclaps und sägender Gitarre glänzt.

Nach wie vor sind Elbow aber besonders in einer Disziplin der Klassenprimus und das ist das Balladenschreiben. Songs für Lovers („The Everthere“) und für Left Alones („The Stops“) gleichermaßen. Missverstandene fühlen sich verstanden und glücklich Verliebte bestätigt. Es gibt nicht viele Bands, die beide Seiten auf einem Album zufrieden stellen können. Die Reihe der Übersongs wird nach „Red“ („Asleep In he Back“) und „Switching Off“ („A Cast Of Thousands“) diesmal mit „Great Expectations“ fortgesetzt. Um dieses Stück entsprechend zu würdigen, fehlen schlicht die Worte. Wer es hört, wird verstehen und die ein oder andere Träne verdrücken. Man kann verdammt noch mal froh sein, dass Guy Garvey nicht wie ein Model aussieht!

Benjamin Köhler

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