Rezension

Ed Sheeran

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Highlights: Castle On The Hill // Supermarket Flowers // Bibia Be Ye Ye
Genre: Pop
Sounds Like: Passenger // Jason Mraz // Olly Murs

VÖ: 03.03.2017

Gäbe es so etwas wie einen Understatement-Wettbewerb und wollte man diesen gewinnen, könnte man ein Statement einreichen wie: „Ed Sheeran ist momentan recht erfolgreich.“ Will heißen: Ed Sheeran füllt das Wembley-Stadion an drei Abenden in Folge, ist aktuell nicht mit zwei, nicht mit drei, sondern mit... sechzehn Songs in den britischen Singlecharts vertreten und vielleicht könnte man sich diese Rezension sogar sparen, weil sich rein statistisch wahrscheinlich jeder Bürger der westlichen Welt „Divide“ bereits 2,2mal heruntergeladen hat.

Wenn man nun als Autor anfängt und davon erzählt, Sheeran einst vor einer Handvoll Leute in einem kleinen Kabuff am Weißenhäuser Strand gesehen zu haben, wo er es nur mit Gitarre und Loopgerät schaffte, ein komplettes kollektives Klappehalten im Publikum zu erreichen, soll damit aber nicht die Trueness des Autors hervorgehoben, sondern nur Folgendes verdeutlicht werden: Eigentlich hat sich Ed Sheeran seitdem kaum verändert. Niemand kann – Justin-Bieber-Feature hin oder her – behaupten, dass er sich verkauft, also seine Musik dem Geschmack der Massen angepasst hätte, weil sie schon immer dafür prädestiniert war, den Massen zu gefallen. Das klingt nun zunächst nicht gerade nach einem Kompliment, allerdings kann man niemandem vorwerfen, die glattesten Popsongs zu schreiben, wenn sie so ehrlich gemeint sind, wie sie es beim Briten zweifelsohne sind – was „Divide“ wieder einmal zeigt.

Denn ein Loblied in Wiener-Walzer-Form wie „Perfect“ mag vielen schon etwas zu schmalzig sein, dass es von Herzen kommt, kann allerdings wohl keiner wirklich bestreiten. Auch der Gegensatz eines solchen Songs zu einer Dicke-Hose-Nummer wie „Shape Of You“, die schon fast in die Disco gehört, oder Rap-Einlagen kann kaum als kalkuliert abgehakt werden – den gab es bei den ersten EPs Sheerans auch schon, und zu einem Milchbubi/Schwiegersohn wie Sheeran haben sie auch damals auf ganz sympathische Art und Weise eigentlich nicht gepasst. Und wenn ein Song wie „Nancy Mulligan“ (einer der vier Songs der Deluxe-Ausgabe, den man aber aufgrund seiner Position in den Singlecharts wohl kaum wie eine unbekannte Rarität behandeln muss) mit traditionell irischen Klängen kokettiert, dann ist das als Ode an Sheerans verstorbene Großmutter auch völlig ok.

Nun wird auch „Divide“ dadurch polarisieren, dass es eigentlich gar nicht polarisiert und viele werden es dafür hassen, dass man es fast gar nicht hassen kann, wenn man gut gemachte Popsongs mag. Klar, dafür heißt es ja auch „Divide“. Dennoch ist es ein guter Gedanke, dass 240.000 Menschen in ein Stadion strömen, um den vielleicht authentischsten Musiker zu sehen, der heutzutage eine Viertelmillion ziehen könnte. Es ist ihm zu gönnen, solange die Massen ihm noch gewogen sind – wer weiß, was passiert, wenn Album #4 (nach Addition, Multiplikation und Division) dann eigentlich „-“ heißen muss.

Jan Martens

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Video zu "Castle On The Hill"
Video zu "Shape Of You"

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