Rezension

Cigarettes After Sex

Cry


Highlights: Heavenly // Pure
Genre: Indie-Pop
Sounds Like: The XX // Beach House // Rhye

VÖ: 25.10.2019

Man muss kein Synästhesist sein, um zu wissen: Zu jeder Farbe gehört ein Gefühl. Liebe ist rot, Neid ist gelb, Hoffnung ist grün. Wenn also nun nicht nur die Albencover von Cigarettes After Sex durchweg in Schwarz-Weiß gehalten sind, sondern selbst die Videoleinwände auf Festivals die Band nur monochrom zeigen – sollte einem das nicht irgendwo zu denken geben?

Denn auch wenn "Cigarettes After Sex" ein handwerklich meisterhaftes Album war und Songs wie "Nothing's Gonna Hurt You Baby" komplett verdient die Kohle in die Hypezug-Kessel schaufelten: Mag das Album noch so sehr Herzstück einer jeden Entspannungsbad-Wohlfühl-Playlist gewesen sein, in seiner Essenz entpuppte es sich spätestens mit etwas Abstand als so kühl und steril wie die Apple-Geräte der Heavy-Rotation-Streamer und deckt bei "Cry" gleich dasselbe Manko auf.

Dabei ist es ja nicht so, als würde nicht in jedem Song von Greg Gonzalez' verträumt-eskapistischer Ambient-Pop-Band mindestens eine todromantische Zeile für die Wandtattoos schlummern. Gerade dadurch wirkt "Cry" aber noch mehr als das Debüt so, als wäre ein Algorithmus mit den schönsten Liebesliedern der Welt gefüttert worden, auf dass er neunmal den Titelsong für all die französischen Indiefilme ausspucken möge, für die Yann Tiersen sich zu schade ist.

Und ähnlich unsexy perfekt ist dann eben auch die Musik: Da ist keine Gitarrennote zuviel, kein Ausbruch in Gonzalez' Stimme, kein überraschender Drumfill, der einen beim dritten Albendurchgang bemerken lässt, dass man Spotify noch laufen hat und den Endlosshuffle ja mal ausstellen könnte. "Cry" ist wie eine Arktislandschaft – so wunderschön wie ausladend und vor allem ohne allzu viele distinktive Merkmale, die gesonderte Verweise auf einzelne Songs nötig machen würde. Und eben: im Endeffekt zu kalt und farblos.

Jan Martens

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