Rezension

Chastity Belt

I Used To Spend So Much Time Alone


Highlights: Different Now // Caught In A Lie // Used To Spend // 5am
Genre: Post-Punk
Sounds Like: Real Estate // Pixies // Elliott Smith // Ultimate Painting

VÖ: 02.06.2017

Für Menschen, die Texte über Bands, die ihnen eher unbekannt sind, nur anlesen: Das hier ist eine der Platten des Jahres. Irgendwo in den Sphären des Post-Punk, Slackertums und Dreampop haben die vier Damen aus Seattle um Sängerin Julia Shapiro herausgefunden, wie der Hase läuft. Seitdem wissen sie das und haben aus ihrem Wissen ein Album gemacht. Es heißt „I Used To Spend So Much Time Alone“, ist die dritte Platte der Band, ihre beste. Wie die Band hier in einem wundervoll rohen Sound den Spagat aus Behutsamkeit, Melodien, Schrammeln und Euphorie findet, ist großartig. Chastity Belt haben ein sehr gutes Gespür für einfache Melodien, die wunderbar miteinander harmonieren. Und sie kommen dabei nur mit Gitarren, Schlagzeug und Bass aus. Diese Instrumente slackern angenehm aneinander herum.

Paradebeispiel ist der Opener „Different Now“, ein zeitloses Meisterwerk, wie sich hier die Gitarrenlinien übereinanderschieben, steigern, abebben, ist schlicht und einfach sehr berührend. Diese Musik ist tiefgehend und leichtfüßig zugleich. Ein unglaublich gutes Songwriting. Die Songs wirken zunächst so simpel, doch dann kriechen sie dem Hörenden in die Knochen. Nachdem sich der Song über eine Minute lang immer mehr entfaltet hat, steigt Shapiro am Höhepunkt ein: „You’re hard on yourself // But you can’t always be right // all those little things that keep you up at night“. Die Texte verkörpern Sehnsucht, Melancholie, Zweifel, sind ähnlich simpel und direkt wie die Musik, aber deswegen nicht weniger klug – das hier ist pure, reine Aufrichtigkeit. „I Used To Spend So Much Time Alone“ ist als Titel schon programmatisch. Der Text von „Different Now“ ist essentielle Lebensweisheit in drei Strophen. „You’ll finally be right where you need to be“.

Dies hier ist der Übersong, aber der Rest des Albums hält das Niveau. Das zärtliche „Caught In A Lie“ ist ein weiteres großes Highlight, ebenso das pure „Used To Spend“. Chastity Belt schweben genau zwischen den wunderbaren Melodien von Real Estate, dem Tiefgang von Elliott Smith und der Euphorie und den treibenden Elementen von Bands wie den Pixies. Nur, dass es nicht die genaue Mischung ist, sondern das große Ganze mehr ist als die Summe der Teile. So viele Menschen wie möglich sollten diese Platte hören! Mehr gibt es nicht zu schreiben, es ist in der Musik zu finden.

Daniel Waldhuber

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