Rezension

Bon Iver

22, A Million


Highlights: Alle
Genre: Songwriter // Ambient // Pop // Folk // Avantgarde
Sounds Like: Radiohead // Sufjan Stevens // James Blake

VÖ: 30.09.2016

Knappe zehn Jahre ist es nun her, dass Justin Vernon sich in einer Holzhütte verschanzt hat und „For Emma, Forever Ago“ aufgenommen hat. Genauso wenig, wie zu erwarten war, dass der Weg nun bei „22, A Million“ landet, genauso logisch und folgerichtig ist es bei genauerer Betrachtung. Den künstlerischen Ausdruck betreffend sind die beiden Alben geistige Brüder. Was das Debütalbum so besonders und außergewöhnlich macht, ist die Art, in der Vernon es schafft, die innere Welt voller Reibungen, Zweifel, großen und kleinen Gedanken auf Platte zu bannen – nämlich so, dass all das unmittelbar zu spüren ist. Es rumort innerhalb des Hörenden. „For Emma, Forever Ago“ rumpelt, und dieses Rumpeln ist authentisch, und vertraut. Daher berührt es unmittelbar, ohne aber zu überladen. Denn die ausgelösten Gefühle und Anknüpfungspunkte sind individuell – in jedem Hörenden schafft das Album seine eigene, persönliche Realität. Das Zweitwerk „Bon Iver, Bon Iver“ schafft das nicht immer, bisweilen rumpelt es zu wenig, kratzt öfter an der Grenze zum Kitsch. In sich ein schlüssiges, sehr gutes Album, aber keines, das es vermag, so tief unter der Oberfläche zu arbeiten.

„22, A Million“ dagegen löst im Hörenden überall etwas aus. An der Oberfläche, ganz tief drunter, irgendwo dazwischen, und in Sphären oben drüber auch noch. Es hat eine Energie, die extrem an die des Debütalbums erinnert. Das Rumpeln ist zurück! Und das mit gänzlich anderen Mitteln: Synthesizer, Vocoder, Computersounds, aber natürlich auch Gitarren, Klavier, Bläser. Justin Vernon sagt selbst, dass die Idee dieses Albums seit Jahrzehnten in ihm lag. Das hier ist ein ganz tiefer innerer Ausdruck. Dies ist die Gemeinsamkeit zum Debütalbum, und daher der Vergleich so spannend: Mit völlig unterschiedlichen musikalischen Mitteln schafft Vernon je eine eigene Welt. Mit der Musik, mit den Texten, mit der gesamten Ästhetik, die das Album umgibt. Nicht einfach nur Musik – Musik ist nur das Mittel zum Zweck. Es geht um den Ausdruck an sich, um das, was an Kunst am Großartigsten ist: Die Möglichkeit, eigene Realitäten zu schaffen. Räume zu schaffen, in denen Dinge anders gedacht werden, Bezugspunkte und Positionen anders sitzen und daher anders erlebbar sind. Das vermag vor allem das Theater, Literatur vermag es auch, und richtig großartiges Songwriting eben auch. Sie vermögen, den Rezipierenden zu erweitern und bereichern, Räume zu schaffen, in denen Dinge anders gedacht und geglaubt werden können, eigene Referenzrahmen. Kunst als gesellschaftlicher Gegenentwurf.

Mit vielen Elementen, die es so in der Kombination noch nie gab, revolutioniert Vernon mal eben das Songwriter-Genre und erweitert dessen Möglichkeiten und Reichweite um Einiges. Er gibt sich nicht den Gewohnheiten und gegebenen Konzepten hin. Viele Songs erscheinen hier nur als Songfragmente, losere Strukturen – doch wer hat eigentlich festgelegt wie ein Song auszuschauen hat? Das spielt auf „22, A Million“ keine große Rolle. Lose sind die musikalischen Fragmente, eröffnen Räume zwischen sich, ebenso wie die Sprache. Es ist überhaupt kein Zufall, dass Vernon mit religiöser Sprache und Symbolik spielt (etwa „33 GOD“), das Streben nach einem größeren Sinn oder dem inneren Zusammenhalt einer größeren Idee umwebt „22, A Million“. Letztlich ist das auch die Grundsehnsucht der Religion. Worte und Symbolik hierfür können nicht groß genug sein, Gedanken nicht groß genug gedacht und ausformuliert. So nutzt Vernon oft größtmögliche Metaphern wie die Elemente (etwa „21 M◊◊N WATER“). Er öffnet so den größtmöglichen individuellen Bedeutungsraum des Hörenden, irgendwo dazwischen, in den Zwischenräumen zwischen der Symbolik findet jeder seinen Anknüpfungspunkt, jeder kann sich seine eigene Realität basteln. Es sollte immer ein Rumpeln, immer Reibung da sein! „22, A Million“ fühlt sich so für jeden unmittelbar und wahr an.

Dafür ganz wichtig: Vernon zieht sich selbst aus seiner Kunst zurück. Der Raum, die Welt, die er erschafft, funktioniert auch ohne ihn. Er ist letztlich nur das Medium, das sie erzeugt. Diese Haltung zur Musik, Freiräume zu lassen, selbst bewusst nicht jede Bedeutung zu besetzen, ist ein Merkmal der ganz großen Künstler. Mehr Demut vor der Kunst an sich geht nicht. Justin Vernon hat den Kern dessen, was Musik sein kann, erkannt. Aus der Abbildung der ganz eigenen, inneren Welt entspringen sicher auch die abstrakten Songtitel in klarer Abgrenzung zur äußeren Welt gewohnter Muster. In der Gesamtästhetik findet dieses Mittel so seinen berechtigten Platz.

Aber, bei all den abstrakten Gedanken über Kunst an sich, die man sich zu diesem Album machen kann – das sind schon Songs, über die wir hier reden. In seiner „Unmöglichkeit, jemals wirklich fertig zu werden“ (Zitat Justin Vernon), ist dieses Album erstaunlich schlüssig geworden in der Gesamtheit seiner Fragmente. Und es ist eindeutig als Vinyl-Veröffentlichung gedacht, beide Seiten der Platte sind in sich schlüssig durchdacht und komponiert. Vernon schafft zehn großartige Musikstücke, die, klar, mit gewohnten Hörstrukturen brechen und den Hörenden so fordern, wenn er sich darauf einlässt. Zwischen all den Fragmenten gibt es unglaublich viel zu entdecken, der Abwechslungsreichtum innerhalb und zwischen den Songs ist kaum zu überbieten. Vernon bricht auch textlich mit narrativen Gewohnheiten, mitunter tauchen Textfragmente zeitgleich in verschiedenen Stimmebenen auf, überall gibt es Geräusche zu entdecken, die dem größeren Ganzen dienen, und zwischen all den Fragmenten bleiben die Räume frei, die der Hörende selbst füllen kann. Es gibt hier so viele Ebenen, dass auch neben der gerade bewusst Andockenden immer etwas Unbewusstes mitschwingen mag, nie sind die Songs bei einem Hördurchgang vollständig zu greifen. Eine so lange gereifte innere Welt kann nur in Fragmenten präsentiert werden, nie abgeschlossen zu sein liegt in ihrem Naturell, wir sind viele, und wir sind unendlich. Gerade deshalb fühlt sich „22, A Million“ – schon der Titel öffnet einen Raum – in seiner Vielschichtigkeit authentisch und nah an.

Der Opener „22 (OVER S∞∞N)“ zieht den Hörenden mit heimeligen Vocoderspielen sofort in eine der vielen Stimmungsebenen des Albums. Überhaupt,der Vocoder – ja, Justin Vernon benutzt das Ding jetzt viel. Wenig wird aber darüber geredet, wie genau er ihn benutzt. Letztlich steht seine eigentliche Stimme immer im Mittelpunkt, er benutzt den Vocoder als Erweiterung der selbigen. So hat er einen Weg gefunden, noch mehr Reibung aus seiner Stimme an sich zu erzeugen. Schon „For Emma, Forever Ago“ lebt von den vielen nicht-perfekten doppelten Gesängen, hier geht er einige Schritte weiter. Immer mal wieder brummt eine Textzeile zur Untermalung noch im Hintergrund, brizzelt noch irgendwo in den Höhen herum oder Vernon schafft wie in „715 – CR∑∑KS“ einen Raum voller Reibungen nur auf der Grundlage seiner Stimme. Der Vocoder perfektioniert die Stimme nicht, er schafft es nur, ihre innere Reibung noch mehr zu nutzen. An vielen Stellen ist er sogar bewusst nicht perfekt eingesetzt, es knackt und knistert. Die Stimme ist letztlich nur ein weiteres Instrument, die, klar, die Texte ausdrückt, aber diese verschmelzen durch die Synthetisierung mitunter noch mehr mit dem Gesamten. „Oh then, how we gonna cry? // ’cause it once might not mean something?“, fragt Vernon.

Gut durchkomponiert in der Abfolge ergeben manche Songs wie ebengenanntes „715 – CR∑∑KS“ im Kontext des Albums noch viel mehr Sinn, als alleinstehend. Aber die meisten Songs sind auch für sich kleine Kunstwerke, wie etwa das bombastische, aber nie ins Unangenehme abdriftende „33 GOD“. Der himmlische, perfekte Ambienttrack „21 M◊◊N WATER“ ist auf einer irre homogen geschaffenen zweiten Seite der Platte „nur“ das Intro zu „8 (circle)“ – wohl einem der besten Songs, die Vernon je geschrieben hat. Ein Song, in dem sich voller Anmut verschiedene sphärische Ebenen ineinander schieben, jedes Geräusch am richtigen Ort sitzt. Wenn „22, A Million“ das Abbild einer inneren Welt ist, dann ist das hier das erhabene Kernstück. „Philosophize your figure“ bringt Vernon es selbst in der ersten Zeile auf den Punkt, um wenig später zu erkennen: „Fall + fixture just the same thing“. In diesem Text steckt so viel, dass er eine eigene Rezension verdienen würde – letztlich aber wird jeder seinen ganz eigenen Bezug zu dem majestätischen Song finden. „I will run // all around it // have to crawl // still can’t stop it // along the fires“. Wie Vernon am Ende des Songs die Bläser einsetzt, ist an Innovation schwer zu überbieten, außer von Vernon selbst.

Und zwar gleich im folgenden Song. In „____45_____“ spielt ein Saxophon durch den Vocoder und schafft so einen unglaublichen Klangraum, zu dem Vernon Fragmente aneinanderreiht „I stayed down. // (without knowing what the truth is) // fire“. Auf einmal taucht ein zauberhaftes Banjo auf, und wirkt in seiner Weltlichkeit hier wie aus einer anderen Welt. Auch eine große Perle ist „29 #Strafford APTS“. Letztlich ein vergleichsweise gewöhnlicher Gitarren-Folksong, der durch den mitreißenden und genau richtigen Einsatz des Vocoders auf eine höhere Ebene gehoben wird. Überhaupt wird hier wieder einmal klar, wie geschickt Vernon mit gesanglichen und musikalischen Betonungen, Harmonien und Wendungen ist. Nach circa zwei Minuten des Songs gibt es ein Schreien, das von fern her klingt. Dieser Schrei drückt viel der Sehnsucht und vermittelten Gefühle des Albums aus, gen Ende geht der Song sehr nah, wenn die Stimme über den Vocoder den Song zurück in den Äther rumpelt, aus dem er kam.

Der letzte Song „00000 Million“ sticht auf dem Album klar heraus, er entlässt den Hörenden zurück ins Weltliche, „When the days have no numbers“. Der Refrain als kontrakariendes Spiel mit der Nummernsymbolik der Platte, Vernon zeigt, dass auch seine hier erschaffene Welt nur ein Abbild seines Innersten ist. Er kann gar nicht anders, als diesem Ausdruck zu verleihen: „Must have been forces // that took me on them wild courses“. Der Song ist ein Manifest, zu dem es nichts weiter zu sagen gibt.

„Bon Iver, Bon Iver“ war ein großer Erfolg, und ohne Probleme hätte er ein weiteres solches Album schreiben können, aber er entscheidet sich für den schwierigeren, ungewisseren Weg, dem Ausdruck, nicht dem Erfolg, nicht den musikalischen Fähigkeiten folgend. So schafft er Kunst, die ihn überdauern wird und letztlich wesentlich größer ist als er selbst, als ihr Erschaffer, der sich aus ihr herauszieht. Dieses Album setzt einen neuen Maßstab für kommende Musik, im Sinne dessen, was möglich ist, durch sie zu erschaffen. „22, A Million“ ist im wahrsten Sinne des Wortes unfassbar – in seiner Dichte, seiner Weite, seinem Abwechslungsreichtum, seinem Klang, seiner Symbolik, seiner inneren Schlüssigkeit. Die Grundideen der Platte sind nie vollends zu erreichen, die Welt, die sie umwabert, bei jedem Hören eine andere.

Endgültig ist Vernon wohl einer der größten Songwriter unserer Zeit, aber derlei Maßstäbe spielen eigentlich überhaupt keine Rolle. Fakt ist einfach, dass viel mehr Demut vor der eigenen künstlerischen Aussage, dem Ausdruck des tiefsten Inneren und damit einhergehend künstlerische Ehrlichkeit, Haltung und Aufrichtigkeit nicht gehen. Viel mehr Neugierde und Behutsamkeit in der Herangehensweise auch nicht. Und wenn das alles zusammengenommen künstlerisch nicht groß ist, was dann. Im Endeffekt ist „22, A Million“ ein riesiges Ja mit Ausrufezeichen für Musik als Ausdrucks-, als Kunstform. Meine Unterschrift hat Justin Vernon.

Daniel Waldhuber

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Alle Songs des Albums als Lyric-Videos.

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