Rezension

Atari Teenage Riot

Is This Hyperreal?


Highlights: -
Genre: Digital Hardcore
Sounds Like: Alec Empire // Nine Inch Nails // KMFDM // Ministry

VÖ: 17.06.2011

„Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer es mit 40 noch ist, keinen Verstand“. Mit diesem abgedroschenen Spruch lässt sich beschreiben, was das Problem von Atari Teenage Riot ist. Aus dem radikallinken Umfeld gegründet, wurden sie in den 90ern aus dem Berliner Untergrund dank maximaler Ausreizung musikalischer Grenzen weltweit bekannt. Zum Zenit der Bandkarriere konnte man das revolutionäre Geschrei der digitalen Hardcoreband sogar auf MTVIVA hören – zur besten Sendezeit. Dann kam die Auflösung zum Millenium und die Mitglieder gingen mehr oder weniger erfolgreichen Solokarrieren nach. Letztes Jahr die Wiedervereinigung. Auftritte wie auf dem Berlin Festival überzeugten auch deshalb, weil die Parolen durch die Lautstärke gefressen wurden.

Nun also ein neues Album und die Frage, welchen Weg Atari Teenage Riot gehen. Weiter „In-die-Fresse-Geboller“ mit linkem Touch und einigen Texten, bei denen man weghören sollte oder doch Weiterentwicklung? Die Vorabsingle „Activate“ deutete derartiges an. Wie immer wird am BPM-Rekord gekratzt, aus dem Geschrei sticht „government control, too much government control“ heraus, mehr ist nicht zu verstehen. So weit, so harmlos. Das war es dann aber auch mit dem Spaß. Deutlich ist im weiteren Verlauf die Handschrift Alec Empires zu merken, dessen Soloalben sich in letzter Zeit stark in Richtung Industrial der Marke Nine Inch Nails und Ministry entwickelten. Weniger Monotonie, mehr Melodien, was zum Teil großartige Stücke entstehen lässt. Wer hätte ATR schon ein so ruhiges Stück wie den Titeltrack zugetraut, der aus ruhigem Basswabern besteht?

„Shadow Identity“ und „Digital Decay“ sind gar nicht so weit davon entfernt, auch abseits einer sehr speziellen Szene anklang zu finden. Wäre da nicht das große „aber“. Dieses aber ist die politische Lächerlichkeit, die aus jedem Ton heraussticht, der in die Mikrophone von Alec Empire und Nic Endo geschrieen wird. Durch die vergleichsweise ruhige Struktur der Songs stechen die Gesangs- und Sprechparts deutlicher hervor als es gut ist. Das Resultat ist erschreckende Pubertätsrevolutionsrhetorik, die bisweilen jegliches Niveau unterkellert.

Atari Teenage Riot sind in der Zeit stehen geblieben, schreien mit ungebrochener Radikalität gegen eine Welt an, die sich zehn Jahre weitergedreht hat – ohne sie. Gern wären sie „Anonymous Teenage Riot“, gern würden sie den Bundestag stürmen und die Parlamentarier verhaften. Die Band sieht das Internet als alles überwachendes Staatsobjekt einerseits und Medium einer „neuen“ Demokratie von der Basis einer Bewegung andererseits – nur mit dem Unterschied, dass diese Bewegung in Deutschland wohl keine 1000 Freunde findet. Bei so viel Stumpfsinn und dem Niveau 15jähriger, Antifapullover tragender Schulhofkinder bleibt nichts übrig von dem, was musikalisch gelungen ist. Atari Teenage Riot würden gern eine „neue“ Welt kreieren. Folgt man der Konsequenz, mit der sie dies auf dem Album fordern und die selbstgerechte Wichtigkeit, die durch dutzendmaliges Hinausschreiens des Bandnamens auf dem Album erschaffen wird, müsste das Land vor einem ernsthaften Umbruch stehen. Zum Glück haben die letzten zehn Jahre gezeigt, dass sich die Welt und das Land auch ohne diese Parolen aus Krisen retten können. Atari Teenage Riot jedoch stecken immernoch mittendrin.

Klaus Porst

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