Rezension

Algiers

There Is No Year


Highlights: Dispossession // Hour Of The Furnaces // Losing Is Ours // Nothing Bloomed
Genre: Post-Punk // Wave // Gospel // Soul // Synth-Rock
Sounds Like: Preoccupations // Saul Williams // Joy Division // Einstürzende Neubauten // These New Puritans

VÖ: 17.01.2020

Algiers sind zweierlei: einerseits Band, deren musikalischen Output man sich zu Gemüte führen kann, andererseits aber auch Protest gegen sehr vieles. Kaum ein Act tritt so deutlich politisch auf wie das Quartett aus Atlanta. Dass dabei bei vielen unterstützenswerten Aktionen und Aussagen auch immer mal eine dabei ist, mit der man (gerade hierzulande) nicht konform gehen kann, kommt bei so explizierter Polarisierung natürlich vor – deswegen soll es an dieser Stelle auch um das rein musikalische Werk gehen, wenngleich beides nahezu unmöglich zu trennen ist.

Die Vorabsingles: „Can The Sub_Bass Speak“ – Drone, Noise, Störgeräusche. Eine Ablenkung. Was genau Algiers hiermit bezwecken, ist nicht klar, jedoch findet sich dieses Experiment nicht auf „There Is No Year“. „Dispossession“ hingegen ist ein klarer Track und hat alles, weswegen diese Band bei denen, die sie kennen, einen solch hohen Status hat. Algiers haben durch ihren wilden Punk/Gospel/Wave/Elektro/Soul-Mix einfach eine Eigenständigkeit, die ihresgleichen sucht.

"Dispossession" ist ein Hit, groovt ungemein und dazu diese dystopische Endzeitstimmung in Atmosphäre und Text. „Void“ hingegen ist ein 1-2-3-4-stumpf-Punk-Abriss. Eigentlich viel zu unterkomplex für diese Künstler und auch auf „There Is No Year“ nimmt er eine Sonderstellung ein: Bonustrack der digitalen Version.

Läuft „There Is No Year“ einmal in Gänze durch, zeigt sich schnell auch warum. Die Stimmung und das Setting von „Dispossession“ bestimmen den Klang, die eigentlichen zehn Stücke der Platte zeichnen ein düsteres Post-Punk-Bild, welches in jeder Sekunde durch Franklin James Fishers Gesang durchbrochen wird. Seine soulige Stimme verleiht „There Is No Year“ einen unbändigen Groove. Die Highlights zu zählen ist einfach: Es sind zehn.

Algiers lassen den Punk im Keller und zeichnen verdichtet genau jenes kaputte Bild von der Welt, welches gerade tagtäglich in den Nachrichten und sonstwo zur Schau gestellt wird. Musikalisch hochkomplex, überraschend und mitreißend – trotz zurückgenommenem Tempo. Neben der Stimme Fishers sind es Momente wie das schiefe Klavier in „Hour Of The Furnaces“, das Tribal-Drumming in „Losing Is Ours“ oder der fiese Prince-meets-Depeche-Mode-in-abgestürzt-Groove von „Chaka“. Mit „Nothing Bloomed“ leisten sich die vier einen atmophärischen Abgang, der seinesgleichen sucht. Das in der digitalen Version dahinter platzierte „Void“ zerstört diese Atmosphäre jedoch komplett, daher ist davon abzuraten, diese Version laufen zu lassen – vor dem Rest von „There Is No Year“ kann man nur den Hut ziehen.

Klaus Porst

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"Dispossession"

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