Rezension

Adolar

Die Kälte Der Neuen Biederkeit


Highlights: Raketen // Neue Biederkeit // Inspektor Brötchen // Kanüle
Genre: Alternative-Rock // Indie // Post-Hardcore
Sounds Like: Biffy Clyro // Findus // Käfer K // Trip Fontaine // Madsen

VÖ: 06.09.2013

Die meisten Bands werden mit der Zeit zugänglicher. Das ist schon okay. Passiert halt mit der Zeit. Dabei quält den Fan stets die Gretchenfrage: Hat's die Kapelle jetzt übertrieben? Oder ist das noch die Truppe, an die man einst sein Herz verlor? Butter bei die Fische: Etliche Bands knicken ein und ergeben sich dem Mainstream. Umso schöner, dass Adolar diesen Fehler nun nicht machen. Ja, ihr drittes Album nähert sich dem Pop in großen Schritten. Nur gelingt den Leipzigern eine Punktlandung auf eben jener Grenze, die entscheidet.

Beim Vorgänger "Zu Den Takten Des Programms" flammte Wut auf alles und jeden auf, Texter Tom kotzte sich mal richtig aus. "Die Kälte Der Neuen Biederkeit" ist textlich nun subtiler, reflexiver. Klar: Dieses Mal kriegt die Spießigkeit ihr Fett weg. Doch wirken die Lyrics nun weniger pöbelig und klagend, sondern konstruktiver. Die Musik tut es den Texten gleich. "Rauchen" schält sich als zäher Post-Hardcore aus dem Kokon, schleppt sich durch Sümpfe, bis Sänger Toms Bass das Ruder an sich reißt. Im Chorus ein Gruß an die Labelmates von Captain Planet und voilà – fertig ist ein unkonventioneller Opener, der in diese Platte schnurstracks hineinzieht.

Andererseits reihen Adolar hier Hook an Hook an Hook. Indie? Alternative-Rock? Völlig wumpe. Kaum hat sich ein Refrain im Hirn festgekrallt, schubst ihn der nächste schon wieder raus. Hier bockt die Platte rum, da kuschelt sie sich an – ein Drahtseilakt, der glückt. Hinzu durchziehen dieses dritte Werk in jedem Song kleine, kluge Raffinessen: Wenn "Halleluja" am Ende neue Refrainzeilen bekommt. Die überraschende Bridge im Quasi-Titeltrack "Neue Biederkeit". Der säuselnde Post-Rock in "Kanüle". Eindeutig: Das Songwriting dieser Band war nie stärker.

Adolar haben mit "Die Kälte Der Neuen Biederkeit" ihren Sound aufgemotzt, ihren Punk-Geist aber nicht exorziert. Der Titel passt, diese Band hat sich nicht angebiedert. Gerade, weil Adolar hier zugänglicher werden, aber mit schrägen Details nicht geizen, recken sie den Mittelfinger an den deutschen Indie noch höher in die Luft. Wetten, diese Vier saßen damals in der Schule in der letzten Reihe? Waren diejenigen, die auch mal die unbequemen Fragen stellten? Gut, dass sie damit nicht aufhören.

Gordon Barnard

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"Prettylivesession" der Single "Raketen"

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