Interview

Adolar


Verlegenheit vorprogrammiert: Adolars Zweitwerk "Zu Den Takten Des Programms" mit dem handelsüblichen Schubladenschrank gerecht werden zu wollen, ist ein vergeblicher Versuch. Pissiger Indie? Deutscher Post-Core? Kommt, ehrlich: Nichts davon passt. Deswegen: Den Genre-Zwang links liegen lassen und sich lieber freuen, dass es den Vieren aus Sachsen-Anhalt gelingt, ohne Stempel auszukommen. Vor einem Auftritt im Hannoveraner Béi Chéz Heinz nahm sich die gesamte Band im vernebelten Raucherraum des Clubs einen Moment Zeit für uns. Ein Gespräch über Humor, Nazis und Lagerfeuer.

Moin, Jungs. Legen wir mal los: Hat deutsche Indie-Musik zu wenig Eier?

Frank (Drums): (lacht). Nee, das würde ich nicht sagen. Vielleicht fehlt oft ein bisschen die Eigenständigkeit.

Tom (Gesang, Bass): Die meisten Bands haben zu viele Idole, von denen sie sich nicht lösen können. Alle vergöttern nur irgendwelchen anderen Künstler. Dabei muss das gar nicht sein.

Ihr kommt aus Sachsen-Anhalt. Auf eurer Homepage schreibt ihr, dass ihr schon öfter Stress mit Nazis hattet. Seht ihr da nen Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland?

Tom: Als wir noch so 15 waren, hat man das in der Ecke, aus der ich komme, schon ziemlich gemerkt. Entsprechend gab's auch viele Konzerte gegen Rechts und viele Demos. Ich habe das Gefühl, dass das Problem innerhalb der letzten zehn Jahre schon ziemlich zurückgegangen ist. In vielen Ecken tut sich aber auch gar nichts. Ein Kumpel von mir wird immer noch auf dem Weg nach Hause von Nazis belästigt.

Michael (Gitarre): Also das letzte Mal, als ich angepöbelt wurde, war's ein Punker (lacht).

Fühlt ihr euch zur Punk-Szene gehörig?

Tom: Wir haben davon schon was aufgeschnappt. Frank und ich waren mit unserer ersten Band zum Beispiel mal Vorband für "Dritte Wahl".

Jan (Gitarre, Keyboards): Die "Szene", wenn du sie so nennen willst, ist uns schon bekannt. Wir kennen die einschlägigen Läden wie zum Beispiel das Chéz Heinz hier. Musikalisch sind wir da jetzt nicht mehr so drin.

Tom: Das merkt man schon an der Musik, die bei uns im Tourbus läuft. Viel ausländische Musik. Deftones gehen immer, aber auch Weezer oder Everything Everything. Biffy Clyro grad nicht mehr so viel und Refused kann man immer ausgraben. Aus Deutschland mögen wir gerade K.I.Z., das ist gute Unterhaltung. Und natürlich Heinz Strunk und Studio Braun – ein Muss!

Seid ihr es denn als deutschsprachige Band müde, über Texte zu reden, weil jeder Journalist sofort drauf anspringt?

Jan: Ach, es geht. Im Idealfall gehen Texte Hand in Hand mit der Musik. Es ist nun mal Deutsch, die Leute verstehen es, deswegen wollen sie auch darüber reden.

Tom: Auf dieser Tour hatten wir jetzt mehr Interviews als sonst. Und mich hat es echt gefreut, dass zum ersten Mal viele Fragen zur Musik an sich gekommen sind. Vorher war's sehr oberflächlich und es ging echt nur um die Texte. Ständig kamen Vergleiche mit anderen Bands, die nur auf den Texten fußten. Da hab ich die Leute dann schon mal gefragt, ob sie die Musik überhaupt gehört haben. Wir machen nun mal nicht dasselbe wie Turbostaat oder Muff Potter.

Jan: Da stellen sich viele ein Armutszeugnis aus, weil sie bei 'ner deutschen Band die musikalische Seite gleich abhaken. Und wir freuen uns echt darüber, dass die Musik selbst jetzt stärker wahrgenommen wird als noch bei unserem ersten Album "Schwörende Seen, Ihr Schicksalsjahre".

Tom: Eine befreundete Band aus Hannover, The Hirsch Effekt, haben da zum Beispiel noch weniger Probleme, weil die musikalisch was richtig Krasses fahren. Übrigens: Wir wollen mit The Hirsch Effekt 2012 ne Split-Ep machen, auf der die einen Song von uns und wir einen von denen covern. Wir sehen die öfter mal, das sind nette Typen. Und, was ich auch mal sagen muss: Wenn wir Bands toll finden und die bringen ein neues Album raus, dann posten wir das auch mal über die einschlägigen Kanäle. Bei den ganzen Bands, bei denen wir das bisher gemacht haben, kam nie was zurück, die haben sowas nie für uns gemacht. Aber The Hirsch Effekt sind wirklich die einzigen, die ohne Konkurrenz oder Sportdenken dabei sind, echt top! Und auch musikalisch sind die echt eigenständig und schräg. Ich glaube nicht, dass die aufgrund der Texte dann mit Captain Planet oder Turbostaat verglichen werden. Offenbar sind wir aber doch noch etwas mehr in der Schwebe, dass es zu solchen Vergleichen kommt.

Für mich sind eure Songs schon sehr ausgefeilt und vor allem melodisch sehr detailliert. Das ist schon ein Unterschied zum üblichen Indie-Rock.

Tom: Das finden wir auch, aber das darf man ja nicht sagen (lacht).

Frank: Viele Bands haben das Problem, dass die einen einzigen Songschreiber haben. Der setzt sich mit der Gitarre hin und alle anderen spielen drum herum. Wir machen das ganz anders. Ein Gesamtkonzept soll her, an jeder Stelle hat ein Instrument eine bestimmte Rolle, rückt in den Fokus. Es ist nicht alles um die Stimme herum aufgebaut.

Jan: Oft denk ich mir bei vielen deutschen Bands: "Mann, der hört ja gar nicht mehr auf zu singen!" Die Band dazu ist völlig egal, es geht immer nur um den Typen, der da vorne seine Geschichten erzählt. Das nervt schon mal.

Tom: Meistens ist der Songwriter auch der Sänger. Der setzt sich daheim mit der Gitarre hin, schreibt was, kommt in den Proberaum und der Rest schustert seinen Brei um diesen Lagerfeuer-Song herum. Das ist vielleicht keine schlechte Herangehensweise, sie kommt für uns aber nicht in Frage. Weil ich eben auch Bass spiele.

Dann nur eine Frage zu den Texten. Ich würde sie mal "offensiv-ehrlich" nennen, sie sagen also oft Dinge, die man sich meist nur denkt, aber nicht zu sagen traut. Tom, du schreibst die Texte. Bist du außerhalb der Musik auch so direkt?

Tom: Ich schwanke immer zwischen total schüchtern und völlig extrovertiert. Entweder sage ich so gut wie gar nichts, traue mich auch nicht, irgendjemanden anzugucken und denk mir meinen Teil. Oder ich hab meine hyperaktiven Phasen...

Michael: Also, mal unter uns...

Tom: Du hast so im Tourbus manchmal echt schon ne brutal ehrliche Art. Ab und zu kommen da echt Sachen, die man echt nicht hören möchte (alle lachen). Manchmal könntest du schon mal die Fresse halten (noch mehr Lachen).

Michael: Das kommt auch bei den Texten auf dem Album ganz cool: Natürlich denkt man nicht immer so. Aber es kehrt diese Negativ-Stimmung sehr gut nach außen. Dieses Ausgekotze, das muss mal sein. Das schaffen die Texte auf dem Album ziemlich gut.

Tom: Manchmal hab ich auch Bock auf Streit und Provokation. Einfach nur, um zu sehen, wie mein Gegenüber reagiert. In dieser Laune kann ich auch beleidigend sein, was mir dann auch nicht Leid tut – sondern erst später, wenn ich wieder in der anderen Phase bin. Aber manchmal ist's andersherum, da kommen Leute, die Bock auf Streit haben und ich bin grad friedlich.

Mal zum neuen Album "Zu Den Takten Des Programms": Der Sound des Albums ist nochmal um einiges fetter. Habt ihr den Produzenten gewechselt oder was habt ihr anders gemacht?

Jan: Nee, wir haben zwei Produzenten. Tim Tautorat und Max Frieder. Der große Unterschied ist, dass wir dieses Mal live eingespielt haben. Nach dem ersten Album meinten viele, dass wir live anders klingen. Den Eindruck wollten wir verhindern. Schöner Nebeneffekt: Das hat so mehr Spaß gemacht.

Stilmäßig klingt die Platte noch etwas weiter aufgestellt. Macht sich das live bemerkbar, wenn's um Samples und solche Sachen geht?

Jan: Es geht. Also eigentlich habe nur ich mehr zu tun (lacht). Weil ich noch ein bisschen Keyboards spiele. Aber das ist nicht schlecht, weil ich gerne beschäftigt bin. Das klappt ganz gut. Ich finde, wir haben uns auf dem Album ein bisschen mehr getraut. Vielleicht gar nicht mal bewusst. An den Zuschauer-Reaktionen merkt man, dass die Songs zum Beispiel auch vor Festival-Publikum funktionieren. Vorher dachten wir, dass die aktuellen Songs vor neuem Publikum in die Hose gehen könnten. Wir sind nun mal keine Stampf-Band, bei der alle mitklatschen können. Aber weil das neue Album auch ein bisschen härter geworden ist als das erste, hat's wohl doch gezündet.

Tom: Also, die harten Songs auf dem neuen Album sind härter als die harten auf dem alten. Das bringt noch mehr Spaß, weil man sich noch ein bisschen mehr abreagieren kann.

Habt ihr das neue Album eigentlich in einer Session geschrieben oder ist das so zwischen Konzerten entstanden?

Tom: Ja, in einer zehnmonatigen Session (alle lachen).

Frank: Sie ist nicht auf der Tour entstanden. Eigentlich direkt nach der langen Tour, die wir zum ersten Album gespielt haben. Danach waren wir erstmal alle total fertig und hatten keinen Bock mehr aufeinander. Aber 'ne Woche später ging's schon wieder und wir haben angefangen zu schreiben.

Michael: Auf Tour schreiben klappt bei uns nicht. Es gab da mal Ideen, aber die sind alle schon wieder in der Versenkung verschwunden. Beziehungsweise: Auf einen Platz während des Soundchecks verbannt (grinst).

Michael hat vorhin schon dieses Abkotzen angesprochen, das das neue Album auszeichnet. Ist das auch der Grund, aus dem "Tanzenkotzen" die Platte eröffnet?

Tom: Nee, nee. Als wir den Song geschrieben haben, war der viel verkopfter und rhythmisch total verspielt – ein bisschen so wie "Mitnehmerrippe" vom ersten Album. Ich hab mich damit aber zu Hause nochmal hingesetzt und wollte ein bisschen mehr Gefühl reinbringen – dadurch wurde das Rythmische dann aufgebrochen. Wie der Song letztlich wirken würde, konnten wir uns gar nicht mehr vorstellen. Als wir ihn im Studio eingespielt haben, meinten Tim und Max – unsere Freunde, die das Album aufgenommen haben – dass er ein toller Opener wäre. Wir wollten "Zu Den Takten Des Programms" eigentlich mit dem Titeltrack beginnen lassen. Das erste Album hat die Hörer mit der Orgeleröffnung schon auf dem falschen Fuß erwischt, beim zweiten wäre es dann ein Elektro-Beat gewesen, so zumindest unser Plan. Den haben wir dann verworfen – und sind damit auch glücklich.

Für das Video zu "Tanzenkotzen" wart ihr in der Leipziger Uni. War es schwer, da ranzukommen?

Michael: Also, ich hatte mal die Eingebung, in ner Bibliothek zu spielen. Wir dachten erst, es wäre utopisch, das hinzukriegen. Aber es war dann echt relativ unkompliziert.

Tom: Wir hatten allerdings echt nicht viel Zeit – vom späten Nachmittag bis Abend und dann wieder von fünf Uhr morgens bis halb zehn. Der Regisseur meinte, er musste noch nie in so kurzer Zeit ein Video abdrehen.

Frank: Er hatte ein bisschen Angst, ob's klappt, aber anscheinend haben wir das alles sehr gut gemacht.

Jan: Der Kracher war, dass bei Drehende am Sonntag um neun Uhr schon wieder die ganzen Studenten vor der Tür standen und rein wollten. Was ist aus den ganzen Klischees vom Langschläfer geworden? (lacht).

Studiert ihr selber?

Tom: Ja, alle. Aber nicht in Magdeburg, wie alle immer denken. Da war ich nur eineinhalb Jahre. Drei von uns wohnen in Leipzig, einer in Halle.

Nochmal zum neuen Album: Die skurille Spoken-Word-Geschichte "Kleinigkeiten Im Ersten Stock" ist ja schon was Besonderes auf der Platte. Spielt ihr die live?

Jan: Nee, das ist zu aufwändig. Wir wollten auch einfach mal einen Song auf ein Album packen, den wir dann nicht live spielen. Immer den Tim (den Produzenten, Anm. d. Verf.) zu holen, der das dann vorliest, ist auch etwas aufwändig (lacht).

Tom: Ich wollte das erst selber vorlesen, aber Tim hat dafür einfach die passendere Stimme.

Grandiose Nummer übrigens, ich hab' beim ersten Hören ordentlich gelacht.

Tom: Das ist cool, das freut mich richtig. Denn total viele sind richtig geschockt oder können mit dem Humor nichts anfangen. Als ich die Geschichte vorab Freunden vorgelesen habe, haben die auch alle herzlich gelacht. Jetzt, wo das Album draußen ist, lese ich auch wirklich viele Rezis, in der sich die Autoren fragen, was dieser Mist da in der Mitte des Albums soll. Deswegen freut's mich, dass es immer wieder Leute gibt, die damit was anfangen können.

Jetzt mal wieder ein ganz anderes Feld: Habt ihr von der "Occupy"-Bewegung in Deutschland was mitbekommen?

Frank: Ich glaube, damit kennt sich nur Jan aus.

Jan: Ich finde das ziemlich super. Es ist auf jeden Fall sinnvoll. Seit den Achtzigern hatte die ganze Finanzwirtschaft einfach viel zu viel freie Bahn und das hat jetzt Züge angenommen, so dass es nicht mehr funktioniert. Also ich würde mitlaufen.

Tom: Stimmt, ich hab in letzter Zeit auch echt häufig diese "Anonymous"-Masken gesehen. Mensch, Jan, du musst mal regelmäßig PowerPoint-Präsentation für uns im Tourbus halten, damit wir auf dem neuesten Stand sind (lacht). Es ist auf Tour echt schwer, da auf dem Laufenden zu bleiben. Wir gehen immer nur baden oder sowas.

Kommen wir schon zur letzten Frage: Ihr covert ja live gern den Bratze-Song "Die auswendigen Muster". Mal andersherum: Wenn ihr euch 'nen Song aussuchen könntet, den Bratze von euch covern würden, welchen würdet ihr nehmen?

Tom: "Kleinigkeiten Im Ersten Stock"! (alle lachen).

Frank: Auf jeden Fall!

Michael: Japp, sehe ich auch so.

Jan: Ich schließe mich an.

Na, dann....hoffen wir, dass es mal dazu kommt. Vielen Dank für das Interview!

Gordon Barnard

Lesen


Rezension zu "Die Kälte Der Neuen Biederkeit" (2013)
Rezension zu "Zu Den Takten Des Programms" (2011)

Finden


Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.