Rezension

1000 Robota

Du Nicht Er Nicht Sie Nicht


Highlights: Ich blicke an dir vorbei // 48 Stunden // 1234567
Genre: Deutschpop
Sounds Like: DAF // Tocotronic // The Wombats

VÖ: 26.09.2008

Gab es zum letzten Jahreswechsel eigentlich die übliche Berichterstattung, welcher deutschprachige Indie-/Rock-/Popact 2008 durchstarten wird? Zur Jahresmitte zumindest ließ sich ein potentieller Kandidat für den Titel Newcomer des Jahres 2008 (2. Hälfte) ausmachen. Im Haifischbecken des „Deutschpop“ deuteten kleinere Wellen die Ankunft eines neuen halbstarken Rivalens an. Die Band, von der die Rede ist, heißt 1000 Robota, und das Erstaunlichste an ihr könnte sein, dass ihre Wellen bis ins britische Nachbarbecken drangen – und sogar von dort verstärkt zurück schwappten.

Die erste Reaktion auf ihre „Hamburg brennt“ EP im Frühjahr bestand aus einem „Brauchen wir das wirklich auch noch auf deutsch“, die zweite lautete dann, „Ja“; denn so sehr das Punk/New Wave-Revival ausgelutscht sein mag, wirkte das 1000 Robota’sche Wiederbeleben des „Verschwende Deine Jugend“, des „Zurück zum Beton“ und des „Es brennt“ in „Wir bauen eine neue Stadt“ und „Hamburg brennt“ doch äußerst frisch. Die Energie der Musik in Verbindung mit der kaum verhohlenen, naiven jugendlichen Auflehnung und der Intention der Band, das Publikum zum Tanzen zu bringen, riss mit.

Zwischen EP und Album, zwischen „Hamburg brennt“ und „Du Nicht Er Nicht Sie Nicht“ mischte sich bei 1000 Robota in das „Verschwende Deine Jugend“ ein „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt“ oder ein „Drüben auf dem Hügel“. Wie bei Tocotronic auf „Digital ist besser“ präsentieren sich 1000 Robota auf dem Debüt-Album kaum als Neuerfinder der Musik. Die drei Jungspunde reproduzieren in erster Linie Vorbilder, verbrennen dabei einen Haufen Kraftstoff, würzen ihre Küche dabei mit jugendlich ungestümem Seelenleben und fertig ist dies wütend-begeisternde, mitreißend tanzbare Gemisch einer deutschsprachigen Interpretation der 00er Version des Punk-Wave.

So unbedeutend die Musik an sich sein mag, so sehr geht sie unter Umgehung des Gehirns doch in die Bewegungsmuskulatur. Natürlich finden sich dennoch Elemente (z. B. zu Beginn von „Diese Brille“ oder der Einstieg zu „Heute“), die absolut eigenständig und voller Kreativität sind, Momente also, für die selbst reifere Musiker töten würden. Allerdings besteht der größte Reiz – ab vom ekstatischen Loslassen eines etwaigen Normenrahmens durch den Hörer –, die größte Qualität liegt also iin Anton Spielmanns Texten. Zwischen Slogans für T-Shirts („Schmeiß Dein Ego weg und feier was Du liebst“, „Was ist Dein Leben wert ohne das was grad geschieht“ aus „Trocknet Eure Tränen“) und imaginären Demonstrationen („Das Schlimmste ist Moral“ aus „Moral“ und „Wir sitzen in den Ecken und lenken die Raketen mitten in ihr Herz“ aus „1234567“), zwischen bewussten und unbewussten Zitaten nimmt Spielmanns Bewusstseinsstrom vor allem dann gefangen, wenn er (seine) jugendliche(n) Gefühlswelten ungefiltert raus lässt. Sei es Lieben oder Frustration, Wut oder Zukunftsangst, geschrieen oder sprechgesungen, es trifft. In gewissem Sinne sollte es eigentlich peinlich sein, sich als 30 Jähriger von diesen jugendlichen Emotionen, von unreifen Lieben und naiven Idealen begeistern zu lassen, aber sch… drauf, oder besser: In der Popmusik packt doch eigentlich immer jugendliche Lyrik mehr als die Pseudo-Emotion des alten Sacks. Insofern ist die Betonung des jungen Alters der Band weniger eine abfällige Von-oben-herab-Position als neidvolle Bewunderung. Wie erst muss die Energie der Tracks bei Gleichaltrigen und jüngeren Hörern der Band einschlagen? Wobei, nicht alle zehn Songs halten dieses textliche Niveau, so wenig wie alle 26 Minuten des Albums musikalisch voll überzeugen.

Ein kurzes Album ist „Du Nicht Er Nicht Sie Nicht“. So schnell es vorbei ist, so sehr ermattet es. Es schlägt ein und ist vorbei, die Folgen werden nicht mehr wahrgenommen. Sein Rhythmus beschleunigt das Herz, der Gesang ergreift, sein Beat erschöpft und seine Gitarren zerfleischen dich.

Wo der Marsch der Roboter hinführt? Die nächsten Tocotronic? Die Vergessenheit in 24 Monaten? Indiepops Tokio Hotel? Alles ist möglich.

Oliver Bothe

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