Interview

Yann Tiersen


Der Frühling ist da und bringt entsprechende Gefühle mit sich – wer bietet sich da besser für ein Gespräch über Romantik an als ein Franzose? Wir haben uns mit Yann Tiersen den vielleicht musikalisch begabtesten herausgepickt und reden vor dem Konzert im Bremer Schlachthof zudem darüber, warum die französische Sprache zu sehr und klassische Instrumente nicht komplex genug sind.

Auf einem der letzten Auftritte, die ich von dir gesehen habe, hast du bei der färöischen Band Orka mitgespielt. Wie kam denn diese Kollaboration zustande?

Yann Tiersen: Oh, Orka waren einmal mit uns auf Tour und dann haben einzelne Bandmitglieder auch mal in meiner Band mitgewirkt. Sie sollten heute eigentlich auch dabei sein, aber Orka hatten zwei Auftritte auf den Färöer Inseln, das wäre dann zu knapp geworden.

Dort hast du auf einem selbst gebauten Instrument gespielt – bist du denn so ein guter Handwerker?

Yann: Nein nein, da haben die Band und ich eigentlich nur einen Draht an einem Stück Holz festgeschraubt...

Wenn jemand so viele Instrumente beherrscht wie du – was sind denn die Auslöser, die dich veranlassen, ein bestimmtes Instrument wieder einmal zum Spielen hervor zu kramen, und nicht irgendein anderes?

Yann: Ich weiß nicht, ich probiere gerne mit verschiedenen Sounds herum und.... (überlegt lange) ...Also, als ich ein Teenager war, hatte ich eine Band, die noisigen Postpunkrock gespielt hat, bis ich dann anfing, alleine Musik zu machen. Dadurch musste ich dann viel samplen – vielleicht probier ich deswegen einfach immer neue Instrumente aus.

Hast du ein Instrument schnell satt, wenn du damit spielst?

Yann: Nein, aber ich hänge auch an keinem Instrument wirklich, heutzutage mit Ausnahme von Synthies vielleicht. Besonders die alten habe ihre eigene Persönlichkeit. Akustische Instrumente langweilen mich mittlerweile fast schon. Wenn ich sie benutze, dann um an ihrem Sound herumzuschrauben und ihren Sound live zu verfremden.

Das Klavier muss dir doch langsam auf die Nerven gehen, wo dich so viele nur mit Piano-Soundtracks assoziieren.

Yann: Das Klavier ist wieder eine Sache für sich. Manchmal tut es mir gut, Musik auf dem Klavier zu schreiben, es gefällt mir auch, aber eben nicht momentan, weil ich mich jetzt mehr auf Texturen und so etwas konzentriere. Das Klavier ist so komplex, das ist ziemlich limitierend. Ich benutze es aber gerne noch als "Nebeninstrument" für Songs, die ich für andere Instrumente geschrieben habe, nur nicht mehr als Fokus.

Ich habe nicht verstanden, wieso gerade die Komplexität eines Instruments dich limitiert?

Yann: Damit meinte ich vielmehr auch, dass das Klavier so einen charakteristischen und kaum veränderbaren Klang hat. Man kann es präparieren, was ich ganz gerne mache und auch für das nächste Album plane, also bestimmte Sachen auf die Hammerköpfe legen. Ansonsten ist es oft einfach langweilig – man spielt eine Taste und es kommt immer der gleiche Klang heraus.

An welchem Punkt des Songwritings merkst du, ob ein Song Gesang braucht oder instrumental bleiben kann?

Yann: Das kommt darauf an. Aktuell gefallen mir Songs mit wenig Text – ein Song soll schon Wörter beinhalten, aber trotzdem abstrakt bleiben, keine festgelegte Bedeutung und Richtung haben.

Schon wenig Wörter sind aber doch gleich sehr viel weniger abstrakt als ein Instrumentalstück, oder?

Yann: Nein, auch Wörter können ja auf sehr unterschiedliche Weise interpretiert werden. Bei Kraftwerk waren Wörter auch ungeheuer wichtig, so minimal und simpel sie auch waren. So abstrakt zum Beispiel "Radioactivity" auch ist, es steckt trotzdem eine Menge Bedeutung darin.

Die Texte von "Dust Lane" sind zum ersten Mal komplett auf Englisch.

Yann: Ja, das ergibt für mich mehr Sinn. Die französische Sprache ist so komplex und entspricht damit f?r meinen Geschmack auch manchmal zu sehr dem französischen Denken. Ich wurde ja auch in der Bretagne geboren, also nicht gerade im Epizentrum französischer Kultur. Wir haben letzten November in Sofia getourt und irgendein Zitat von Aristoteles mit Übersetzungen dort gesehen: Zwei Zeilen auf Englisch, zwei auf Deutsch, zwei auf Bulgarisch und sieben Zeilen in der französischen Version. Die französische Sprache ist manchmal sogar so komplex, dass sie gar nicht mehr abstrakt sein kann. Auf "Dust Lane" benutze ich einen Auszug von "Chapter 19" von Henry Miller, der im englischen Original mit den Worten aufhört: And there is exactly nothing. Die französische Version ist viel komplizierter, man kann es gar nicht übersetzen, sie lautet très exactement le néant – das bedeutet nicht das Gleiche, weißt du? Exactly nothing ist sehr scharf und doch abstrakt – das Französische benutzt viel zu viele Wörter, um das auszudrücken.

Denkst du denn, dass du auch anders denkst, wenn du in einer anderen Sprache schreibst?

Yann: Ja, aber darüber hinaus sind auch die meisten meiner Freunde – von der Band abgesehen – keine französischen Muttersprachler. Und da wir hauptsächlich außerhalb Frankreichs touren, sollte meine Musik auch nicht an die Sprache gebunden sein. Französische Zeitungen fragen mich das aber auch immer und ignorieren dann, dass außer Franzosen ja eigentlich niemand Französisch spricht. Au?erdem passt die Sprache manchmal wirklich nicht zu meinen Songs – das war früher noch anders, als auch die Musik noch "französischer" war. Vielleicht sollte ich mal probieren, für jede Sprache eine Extraversion eines Songs aufzunehmen?

Ein großes Thema in "Dust Lane" ist Sterblichkeit. Hat die Arbeit an dem Album deine Gedanken und Gefühle zu diesem Thema beeinflusst?

Yann: Ja, es handelt aus verschiedenen Grü;nden von Sterblichkeit, zum Beispiel, weil meine Mutter starb – aber da arbeitete ich schon am Album. Auch ich bin ja immerhin schon 40 (lacht). Es geht aber viel mehr darum, dass man das Leben genießen und einen offenen Verstand bewahren soll.

Ich finde, in deiner Musik geht es sehr oft darum, Positives aus negativen Erfahrungen zu destillieren.

Yann: Ja, teilweise – dabei könnte man doch auch einmal das Gegenteil tun (lacht).

Wer würde denn so etwas wollen?

Yann: Black-Metal-Bands vielleicht? (lacht) Wir kommen gerade aus Norwegen (lacht weiter). Naja, Musik macht mich glücklich, und wenn ich glücklich bin, kann ich vielleicht einfach besser dunkle Themen fokussieren und dann eben auch wieder die guten Seiten sehen.

Der letzte Song "Fuck Me" verkörpert diese Einstellung auch ganz gut.

Yann: Er war für mich auch vor allem ein lustiger Weg, das Album zu beenden. Ich hab ihn ja auch für meine Freundin geschrieben, provokativ sollte das gar nicht sein.

Ja, ich habe auch gelesen, dass der Song als Liebeslied gedacht war. Ist das die französische Idee von Romantik?

Yann: (lacht) Nein, nein. So schlimm ist der Text ja auch gar nicht.

Bist du ein romantischer Mensch?

Yann: Klar, sind wir das nicht alle? Romantisch – und zynisch? Okay, ich bin nicht zynisch. Ja, ich bin wohl romantisch.

Was war denn das Romantischste, was du je getan hast?

Yann: "Fuck Me" schreiben vielleicht? Ach, vieles. Das ist aber alles zu persönlich. (lacht)

Da will ich dann natürlich auch nicht zu sehr ins Detail gehen. Danke für das Interview!

Jan Martens

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Rezension zu "Skyline" (2011)
Rezension zu "Dust Lane" (2010)

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