Interview

Two Gallants


Nach ihrer beinahe sechsjährigen Pause schepperten Two Gallants sich 2012 plötzlich mit "The Bloom And The Blight" zurück in unsere Ohren. Auf ihrem vierten Studioalbum zeigten sie sich durchtränkt von Grunge und Punk, gestalteten ihre Gitarren-Riffs weitflächiger und ihre Drums gestaffelter, wobei sie unterm Strich immer blieben, was sie sind: impulsiv und inbrünstig. Wir nutzten die aktuelle Tour der Band, um mit Tyson Vogel über kreative Prozesse, Rollenverteilung und die Zukunft der Band zu sprechen.

Ich bekomme die letzten Fetzen des Soundchecks vor dem Konzert in Düsseldorf mit, die Two Gallants spielen "Scentless Apprentice" von Nirvana, besprechen sich kurz und sind fertig. Danach sitzt ein müde ausschauender Tyson vor mir, der trotzdem lächelt und mir ein Bier anbietet. Während sein Bandkollege Adam im Hintergrund herumläuft, Gitarre spielt oder einfach nur gegen eine Wand starrt.

Man liest von euch häufiger, dass ihr nicht die Typen seid, die gerne und viel reden. Ihr seid eher ruhig und scheint weder gerne über euch noch über eure Musik zu sprechen. Woher kommt das?

Tyson: (lacht) Mit dieser Frage hast du mich jetzt umstellt!

Ich dachte, das wäre eine gute erste Frage!

Tyson: Ja das ist eine wirklich gute erste Frage! Naja, also, ich glaube, ich kann da für Adam und mich sprechen, wenn ich sage, dass wir das Gefühl haben, dass Worte manchmal überflüssig sind, wenn es um unsere Musik geht und für uns ist generell schwierig, immer offenherzig und ehrlich zu sprechen. Vielleicht hat es auch viel mit unseren Wurzeln als Musiker zu tun, wir haben in der Punk-Szene San Franciscos angefangen. Um ehrlich zu sein: Adam und ich versuchen, so konstruktiv wie nur möglich zu sein. Für uns ist die Musik das Zentrum und der Fokus von allem, und wenn wir anfangen, über unsere Probleme und uns selbst zu sprechen, lenkt das von der Musik ab. Ich meine, jeder hat seine Probleme, jeder geht durch schlechte und gute Zeiten und wir haben das Glück, diese Emotionen in unserer Musik zu verarbeiten. Deshalb finden wir es häufig besser, wenn uns unsere Platten und Auftritte definieren, anstatt viel zu reden. Unsere Songs sind ja wortreich genug.

Zu den Worten in euren Songs: Stücke wie "Las Cruces Jail" oder "Long Summer Day" sind ja nicht aus eurer eigenen Perspektive geschrieben, es geht nicht um Erfahrungen, die ihr selber gemacht habt. Wie kam es dazu, dass ihr etwa aus der Sicht eines schwarzen Sklaven schreibt ("Long Summer Day")? Hat euch diese Sichtweise einfach interessiert?

Tyson: Ich glaube, Musik und Kunst dieser Art ist so etwas wie eine Meditation des Verstehens und des Mitgefühls. Es ist tatsächlich nicht so, dass einer von uns beiden diese Emotionen durchlebt hat, wir sind zwei weiße Jungs aus San Francisco, nicht schwarz oder versklavt. Aber das Schreiben solcher Songs zeigt das große Spektrum unserer Erfahrungen und dass wir uns durch Geschichte aufeinander beziehen können. Ich glaube, dass in solchen Songs trotzdem echtes Gefühl steckt. Nur weil wir nicht schwarz sind, heißt es nicht, dass wir etwa in "Long Summer Day" das nicht nachempfinden können oder nicht mit Leidenschaft über dieses Thema schreiben können. Wir geben in diesen Fällen einem bestimmten Gefühl eine Stimme und machen dadurch ein gewisses Thema wieder modern. Mich macht es fast wütend, dass nicht mehr Künstler dies tun.

Und wenn sie es tun, wird es ihnen manchmal auch zum Vorwurf gemacht. Ich habe mal eine Rezension zum letzten Album von Laura Marling gelesen, in dem der Autor dem Album Punktabzüge gegeben hat, weil er fand, dass Marling beim Songwriting schauspielert, nicht über sich selbst schreibt, sondern ihre "alte Seele" spielt, um darüber zu schreiben. Diese Art der Musik wurde in dem Moment nicht als ein Ausdruck von Kunst gesehen.

Tyson: Ja genau. Ich meine, wenn du dir mal die Künstler der Moderne anschaust, siehst du, dass die Literatur dieser Epoche ja genauso aufgebaut ist. Oder ganz anders: die Bibel besteht ja auch nur aus solchen Geschichten. Da kann man doch nicht dafür kritisiert werden, dass man über etwas schreibt, das man in dieser Form nicht genauso erlebt hat. Wenn das Gefühl echt ist und Menschen es auf sich übertragen können, dann ist es einfach Kunst und Kommunikation.

Wie sah denn eure Kommunikation während eurer großen, beinahe fünfjährigen Pause aus? Hattet ihr häufig Kontakt?

Tyson: Nein, am Anfang nicht so wirklich. Wir haben in unserer Pause auch über drei Jahre gar keine Musik miteinander gemacht. Das war schon krass, aber auf keinen Fall eine schlechte Sache. Wir haben die zehn Jahre davor komplett miteinander verbracht und wir kennen uns, seit wir sieben Jahre alt sind. Wir geben aber bei so etwas sehr viel auf unser Gefühl, wir planen da nichts. Ich meine, wir haben ja nicht einmal geplant, die "Two Gallants" zu sein.

Ja, vielleicht ist das auch schon eine Antwort auf meine Frage. Ich habe eure Musik nämlich tatsächlich mit eurem ersten Album kennengelernt und danach jede Platte dann gehört, als sie eben auch veröffentlicht wurde. Ich habe somit also eure Entwicklung als "Two Gallants" komplett mitbekommen und mir ist dabei aufgefallen, dass das Album nach eurer Bandpause, also "The Bloom And The Blight", sich sehr von den Sachen unterscheidet, die ihr davor gemacht habt. Etwa eure epischen, sich sehr langsam entfaltenden Songs wie "Crow Jane" scheinen für euch als Band passé. Die neuen Sachen sind viel schneller, punkiger, grungiger, was ja musikalisch auch eure Wurzeln beschreibt. Kannst du irgendwie erklären, was da passiert ist? Also warum eure Songs sich plötzlich doch sehr anders anhören als auf euren alten Alben?

Tyson: (denkt kurz nach) Weißt du, ich denke sehr viel über kreative Prozesse nach. Gerade bei Kunst gibt es etwas sehr Unkontrollierbares. Die Definition von Kunst ist, dass sie eine Sprache, eine Art Kommunikation ist, und das Besondere wie auch das Frustrierende an Kunst ist, dass sie sehr alleinstehend ist, zum Beispiel wenn ich einen Akkord auf der Gitarre spiele und du denselben Akkord auf derselben Gitarre spielst, wäre der jeweilige Klang trotzdem nicht derselbe. Das ist doch bemerkenswert! Also fängt man an, darüber nachzudenken, was es ist, das einen künstlerisch, spirituell und kreativ füttert, sodass am Ende das entsteht, was nun mal Kunst ist. Das ist alles verbunden mit den Erfahrungen, die man als Mensch macht. Vor diesem Hintergrund lässt sich sagen, dass unsere große Schaffenspause wichtig war. In dieser Zeit sind in unserer beider Leben ein paar richtig schwerwiegende Dinge passiert. Und für eine kurze Zeit wandelten wir beide auf sehr unterschiedlichen Pfaden, was aber im Prinzip unsere gesamte Freundschaft repräsentiert. Wir haben also diese Pause eingeläutet und sind beide einfach losgezogen und haben unser Ding gemacht, Adam und ich haben jeder Soloalben aufgenommen, ich hab eine Zeit lang in einer anderen Band gespielt und genau das hat unsere Zusammenarbeit erweitert. Deshalb war es auch so, als wir wieder aufeinandertrafen, dass etwas einfach anders war als vorher. Darüber hatten wir aber sowieso noch nie Kontrolle: Wenn du uns beide in einen Raum packst, passiert einfach etwas. Unterm Strich ist es also nicht einmal unsere Wahl.

Das hört sich sehr impulsiv an! Was aber ist denn das genau, was passiert, wenn ihr gemeinsam in einem Raum steht? Schreibt ihr eure Sachen beide zusammen?

Tyson: Ja, wir sind beide am Songwriting beteiligt. Allerdings schreibt Adam die Lyrics.

Auf dem neuen Album hast du nun aber den Song "Decay" selbst geschrieben. Möchtest du in Zukunft noch aktiver werden?

Tyson: Ja, auf jeden Fall. Die Sache ist, dass ich zwar immer schon viel geschrieben habe, aber etwas schüchtern bei meinen eigenen Sachen bin. Ich bin da ein wenig eigenartig. Außerdem ist Adam wirklich ein guter Songwriter und das ist halt auch unser Ding: Wir unterstützen den anderen kreativ in dem, was er am besten kann. Gott, das klingt jetzt sehr kitschig, wenn man sowas laut ausspricht (lacht), aber so funktioniert das bei uns einfach. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt, vielleicht kommen demnächst ja noch mehr Lyrics von mir.

Ist denn da schon irgendwas in Arbeit? Werkelt ihr bereits an neuen Sachen?

Tyson: Ja tun wir! Auf jeden Fall, auch wenn es sehr schwierig ist, wenn man soviel tourt wie wir. Es ist aber interessant, wie schnell es bei uns gerade geht, neue Songs zu schreiben. Wir sind so weit, ein neues Album aufzunehmen.

Kann man da schon absehen, wie die neuen Sachen von euch klingen werden? Wird es wieder zurück zu euren Anfangstagen gehen oder eher wieder wie die Sachen auf eurem letzten Album?

Tyson: Keine Ahnung! Wie gesagt, es ist ein großer kreativer Prozess. Es ist einfach in uns und wir nehmen es auch genauso an. Meiner Meinung nach ist das auch der Grund, warum unsere Musik sich so häufig verändert, weil wir diese Veränderungen annehmen. Genauso funktioniert ja auch das Leben: Alles verändert sich ständig, nichts ist in Stein gemeißelt. Wenn Kunst unsere Natur, unser Leben, die gesamte Welt repräsentiert, kann man sie nicht in eine kleine Box stopfen und irgendein Etikett draufkleben. So funktioniert das einfach nicht. Ich mache mir wirklich große Sorgen darüber, dass heutzutage von der Musikindustrie alles so mundgerecht zugeschnitten wird und die Leute dadurch nur noch schlechte Musik konsumieren. Dabei gibt es so viel wundervolle Musik, die wirklich Dinge ändern kann, die ehrlich ist, die aber nicht in Schubladen passt, was auch genau richtig ist. Der einzige Grund, warum es Popmusik überhaupt gibt, ist, weil sie verdammt noch mal Geld macht.

Ja, scheinbar reagieren wir alle auf die einfachen Muster immer am besten, weil sie einfach zu lesen sind. Deshalb fällt es Menschen meistens auch einfacher, etwas zu konsumieren, was sie bereits gut kennen.

Tyson: Naja, daran ist ja erstmal auch nichts falsch. Aber wenn man mal überlegt: Wenn man nicht dazu fähig ist, Neues zunächst einfach anzunehmen, wenn man nicht dazu fähig ist, einen Schwall Gefühle einfach nur hinzunehmen, dann sollte man sich wirklich mal durchchecken lassen (lacht). Ich meine, es gibt so viel gute, neue Sachen da draußen und niemand sieht das! Das macht mich wirklich traurig. Aber bekannte Muster an sich finde ich erstmal nicht schlecht.

Vor allem, wenn man auch versucht, eure Musik in Worte zu fassen. Ich habe eine Beschreibung zu euch gelesen, in der der Autor euch irgendwo zwischen den White Stripes und den Bright Eyes ansiedelt, was ich eine sehr gute Einordnung fand.

Tyson: Ja, das passt tatsächlich ganz gut, auch wenn beide Bands zwischendurch wirklich komisches Zeug gemacht haben. Uns zu beschreiben fällt mir aber selber auch schwer. Wenn mich jemand fragt, sage ich immer, dass es da eine Gitarre gibt, ein Schlagzeug und zwei singende Jungs.

Ok, allerletze Frage, die ich in jedem Interview stelle: Was ist der Sinn des Lebens?

Tyson: Mhhhhh....da muss ich nachdenken. Ich glaube, ich würde sagen, dass der Sinn des Lebens darin besteht, die Augen wirklich zu öffnen und offen zu behalten, tief ein- und auszuatmen, sich ab und zu ins Gras zu legen, im Meer zu schwimmen, jemanden zu lieben, gute Literatur zu lesen und sich John Fahey anzuhören.

Eine schöne Antwort und ein schönes Schlusswort. Vielen Dank!

Tyson: Gar kein Problem! Willst du noch ein Bier?

Silvia Silko

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