Interview

The Slow Show


Wir waren beim diesjährigen Haldern Pop Festival mal wieder unterwegs und haben mit ein paar Bands gesprochen. Den Auftakt unserer kleinen Interview-Serie machen The Slow Show, die im März mit ihrem Debüt "White Water" eine hohe Wertung bei uns abräumen konnten. Sänger Rob Goodwin und Fred Kindt, Keyboarder und musikalischer Kopf der Band, plauderten in gemütlicher Runde unter anderem über ihre besondere Beziehung zu Haldern Pop Recordings und darüber, dass Robs einzigartige Stimme beinahe gar nicht die von The Slow Show geworden wäre.

Erzählt mal ein wenig, wie ihr als Band zusammen kamt. Ihr seid ja nicht alle ursprünglich aus Manchester.

Rob Goodwin: Das stimmt. Fred kommt aus Belgien, Joel (Byrne-McCullough – Gitarre) aus Irland. Aber wir leben alle in Manchester seit mehr oder weniger zehn Jahren. Wir lernten uns über Fred hier kennen, der dort auch viele andere Bands produziert. Jeder von uns war vorher in verschiedenen anderen Projekten und Bands aktiv und als Fred und ich dann begannen, Songs für The Slow Show zu schreiben, ging es einfach nur noch darum, die passenden Musiker zu finden. Ich glaube Joel, Chris (Hough – Drums) und James (Longden – Bass) hast alle du empfohlen?

Fred Kindt: Ja, ich hatte vorher mit allen irgendwann mal zusammengearbeitet.

Rob: Das Tolle ist, dass unser Band-Line-up immer noch das Gleiche ist und wir keinerlei Änderungen hatten. Da hat sofort alles gepasst. Musikalisch, aber natürlich vor allen Dingen auch menschlich.

Ihr habt Haldern Pop Records als euer Label gewählt, was vielleicht etwas ungewöhnlich für eine Band aus Manchester ist. Wie kam der Deal denn zustande? Ist man auf euch zugegangen?

Rob: Das war genau vor einem Jahr, als wir hier zum ersten Mal spielten. Zu der Zeit waren wir bereits in Gesprächen mit einigen Labels aus London, aber keines fühlte sich richtig für uns an. Um ehrlich zu sein waren diese Gespräche sogar ziemlich furchtbar, weil die Musikindustrie in London irgendwie total abgefuckt ist. Jedenfalls merkten die Leute von Haldern Pop, dass wir noch nirgends unter Vertrag waren und haben uns angesprochen. Uns hat sofort gefallen, wie leidenschaftlich man bei Haldern Pop bei der Sache ist. Es geht zuallererst um Musik, das hat uns unglaublich imponiert. Das war auf jeden Fall eine der besten Entscheidungen, die wir bis jetzt getroffen haben.

Fred: Du hast gesagt, ein deutsches Label wäre ungewöhnlich für eine Band aus Manchester. Bei uns war das glaube ich ein wenig anders. Denn bereits vor der Label-Suche haben wir mehr Gigs hier und in der Schweiz als in UK gespielt, weil wir bei einer Schweizer Booking-Agentur unter Vertrag standen. Wir hatten also schon eine Art lokalen Bezug und die Entscheidung, zu Haldern Pop zu gehen, fiel daher dann auch nicht wirklich schwer.

Letztes Jahr habt ihr ja noch im Spiegelzelt gespielt, dieses Jahr seid ihr Headliner auf der Hauptbühne. Fühlt sich das Festival schon wie ein wenig Heimat an?

Rob: Auf jeden Fall! Schon bei der Ankunft gestern. Wir waren glaube ich zwei Minuten hier und rannten schon dutzenden Leuten in die Arme, die uns herzlich begrüßt haben. Fühlt sich definitiv wie ein Zuhause an. Aber ich glaube, das werden dir auch andere Bands bestätigen, die nicht mal bei Haldern Pop unter Vertrag sind. Oder frag einfach die Zuschauer hier. Das Haldern bietet einfach eine seltene Atmosphäre, in der sich jeder willkommen und heimisch fühlt.

Ihr spielt auch wieder mit dem Stargaze Orchester und dem Cantus Domus Chor zusammen. Ich frage mich da ja immer, wie ihr das organisatorisch bewerkstelligt. Viel Zeit zum Üben bleibt bei so einem Festival ja nicht unbedingt.

Fred: Genau genommen haben wir genau eine Probe mit allen 50 Musikern zusammen, bevor es morgen dann auf die Bühne geht. Ich schicke dem Orchester aber natürlich vorher schon die Noten und Partituren. Das sind alles professionelle Musiker und die kennen auch alle unsere Songs. Deswegen habe ich da keine Bedenken, dass das alles klappen wird – hoffentlich...

Rob: Man muss auch noch mal sagen, was das für ein unglaubliches Privileg ist, mit solchen Musikern auftreten zu können. Ich meine, wie viele Bands bekommen bitteschön vor einem Festival-Gig ein komplettes Orchester samt Chor zur Verfügung gestellt? Wir können uns vorher ja sogar noch aussuchen, welche Instrumenten-Sektionen wir wollen und welche nicht!

Ich höre da raus, dass es für euch eine tolle Sache ist, mit so vielen Musikern zusammenzuarbeiten. Ich glaube aber, das kann auch ganz schön fordernd sein oder etwa nicht?

Rob: (lacht) Das ist eindeutig Freds Frage, der koordiniert ja das Ganze. Für mich ist das eine ganz lockere Geschichte.

Fred: Das kann auf jeden Fall ziemlich anstrengend werden. Vor allen Dingen, wenn man die Leute nicht kennt und ein paar schwierige Charaktere dabei sind. Beim Stargaze Orchester und dem Chor ist das aber nicht der Fall. Wir kannten fast die komplette Besetzung noch aus dem letzten Jahr und das macht vieles einfacher.

Rob: Aber trotzdem ist es für dich schon eine anstrengende Geschichte. Du musst ja für jedes Instrument die Parts schreiben und dich da hineindenken. Aber das nimmt Fred gerne auf sich, wenn man dafür über alle Sounds verfügen kann, die man will, nicht wahr, Fred? (grinst)

Fred: Wenn wir erstmal alle auf der Bühne stehen und gemeinsam die Songs spielen, ist der Stress sowieso vergessen. Die Emotionen, die dich dann überwältigen, wenn 50 Leute gemeinsam einen Song von dir spielen, sind etwas Einzigartiges. Worüber soll ich mich denn da noch beklagen? Und außerdem gibt es da ja immer noch unser Sound-Mann, der bei der ganzen Sache letztendlich immer noch den schwierigsten Job überhaupt hat (lacht).

Lasst uns noch etwas über euer Debüt-Album "White Water" reden. Das wurde im März veröffentlicht und fast alle Reviews, die ich dazu gelesen habe, waren sehr positiv gestimmt. Wie fühlte sich das für euch an, als ihr dieses Feedback bekommen habt?

Fred: Es ist auf jeden Fall toll, das will ich gar nicht leugnen (lacht).

Rob: Wir wären sicher cool, wenn wir jetzt sagen würden, uns ist das alles relativ egal. Aber so ist es nicht. Wir haben mehr Reviews zu unserem Album gelesen als Bücher in den letzten Monaten (lacht). Und es ist dann natürlich sehr herzerwärmend, positive Texte zu lesen. Wenn man unzählige Stunden im Studio verbracht hat und seine ganzen persönlichen Texte nach außen trägt, dann ist das natürlich die Selbstbestätigung, die eine Band immer braucht, um weiterzumachen und neue Songs zu schreiben.

Fred: Wir haben ja vor dem Release viele Konzerte gespielt und schon gemerkt, dass den Leuten unsere Musik offenbar gefällt. Trotzdem kannten die viele Songs auf dem Album immer noch nicht. Deswegen waren wir also gespannt, wie die neuen Stücke ankommen werden. Ob sie die Hörer genauso bewegen wie uns. Dann die Bestätigung zu erhalten, war natürlich sehr schön, aber auch erleichternd. Haben wir also doch einiges richtig gemacht (lacht).

Es sind mittlerweile auch sechs Monate vergangen seit dem Release. Genug Zeit, um ein klein wenig Abstand zu dem Aufnahmeprozess zu gewinnen. Gibt es einige Dinge, die ihr aus heutiger Sicht anders gemacht hättet?

Fred: Darüber haben wir uns noch gar nicht unterhalten (allgemeines Gelächter). Und das ist wahrscheinlich schon deine Antwort. Aber wir werden auf dem nächsten Album definitiv ein paar Dinge anders machen, aber einfach deswegen, weil wir ein wenig was Anderes probieren wollen.

Trotzdem werden wir, denke ich, immer auf unser erstes Album stolz sein. Sehr viele Bands, mit denen ich zusammengearbeitet habe, können nichts mehr mit ihrer ersten Platte anfangen. Ich glaube, bei uns wird das nicht so sein. Auch deshalb, weil wir so viel Zeit und Herzblut reingesteckt haben.

Rob: Bei mir ist es so, und ich glaube, den anderen geht es auch so, dass ich bei meinen Parts schon genauer hingehört habe und jetzt im Nachhinein die ein oder andere Passage etwas anders gestalten würde. In meinem Fall war es ja auch so, dass The Slow Show die erste Band ist, bei der ich auch singe. Da hört man dann wahrscheinlich doch etwas kritischer hin.

Moment mal, das ist die erste Band, in der du singst? Du warst vorher nie der Sänger? Das erstaunt mich jetzt ziemlich.

Rob: Ja, ist aber wirklich so.

Fred: Tatsächlich war Rob gar nicht als Sänger vorgesehen, als wir The Slow Show gründeten.

Rob: Wir haben zuerst einen Sänger gesucht, aber ich habe es dann einfach selbst probiert und mich in der Rolle dann auch wohl gefühlt.

Deine Lyrics sind ja auch sehr persönlich und ehrlich. Ich denke, da muss man sich dann auch als Sänger mit wohlfühlen. Wie wichtig ist es denn für dich, deine Gefühle mit den Lyrics auszudrücken?

Rob: Für mich ist das sehr wichtig. Ob das jetzt für The Slow Show ist oder nur für mich. Ich habe schon immer Texte geschrieben, die mich persönlich bewegen oder auch direkt betreffen. Wenn das nachher Tausende von Leuten hören, möchte ich auch, dass es etwas Ehrliches ist und nicht aufgesetzt. Ich glaube, ich kann das auch gar nicht, irgendwelche Lyrics schreiben, zu denen ich keinen Bezug habe. Aber ich bin da sicher auch keine Ausnahme und die meisten Songwriter machen das auf die gleiche Weise.

Ihr habt ja selbst schon ein nächstes Album angesprochen und ich habe auch gelesen, dass ihr bereits zugange seid. Könnt ihr schon eine kleine Preview geben, was man erwarten kann?

Rob: Da das erste Album so lange gebraucht hat, wollten wir dieses Mal nicht so viel Zeit verstreichen lassen, bis wir das Nächste angehen. Wir haben noch keine Songs aufgenommen, aber die Hälfte der nächsten Platte existiert quasi schon.

Fred: Es wird auf jeden Fall noch dieses Jahr eine Vorab-Single geben mit dem Titel "Breaks Away". Live wird man den Song bereits in den nächsten Wochen und Monaten hören können. Aber mit dem fertigen Album ist auf jeden Fall nicht vor 2016 zu rechnen.

Benjamin Köhler

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Rezension zu "Dream Darling" (2016)
Rezension zu "White Water" (2015)

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