Interview

The Builders And The Butchers


2010 neigt sich dem Ende zu und Ryan Sollee, Frontmann der Builders And The Butchers, lässt das Jahr, unterstützt von Bandkollege Harvey Tumbleson, Revue passieren. Zunächst spricht er mit uns jedoch noch über seine Band und deren neues Album "Dead Reckoning".

Hey Ryan! Hattest du bisher eine gute Tour und ein gutes 2010?

Ryan Sollee: Ja, die Tour lief sehr gut und das Jahr auch: Wir waren sehr viel auf Tour, haben ein neues Album aufgenommen...

Fühlt es sich nicht komisch an, wenn das neue Album zuerst auf der anderen Seite der Welt herausgebracht wird?

Ryan: Sehr komisch. Es scheint schwieriger zu sein, in den USA eine Platte herauszubringen, als anderswo. Es gibt einfach sehr viel „Wettbewerb“; und immer mehr Labels, die Platten releasen könnten, machen dicht. Es ist eine schwere Zeit für Bands in dieser Hinsicht.

Kannst du mir denn etwas über die Aufnahmen zum neuen Album erzählen?

Ryan: Also, normalerweise nimmt man Alben ja Stück für Stück, Instrument für Instrument, auf. Wir haben diesmal aber einfach alles zusammen aufgebaut und gemeinsam gespielt, was „ehrlicher“ wirken und den Songs dadurch gerechter werden sollte. So kann man die Energie einer Liveshow auch viel besser rüberbringen.

Für viele seid ihr immer die „Band mit den zwei Schlagzeugern“. Ist das ein Label, das ihr euch auch selber geben würdet, oder einfach etwas, was ihr halt macht?

Ryan: Wichtig ist hier ja, dass viele Bands mit zwei Schlagzeugern auch zwei Drumsets haben, die dann zusammen gespielt werden. Unsere haben ja einfach ein Drumset aufgeteilt, wodurch manchmal dann quasi das, was vorher nur von einem Fuß gespielt wurde, jetzt von vier Armen gespielt wird. Das macht das Ganze so interessant. Und wenn ich Videos von uns als Band sehe, macht es mir auch wirklich am meisten Spaß, den beiden zuzugucken, alleine wegen der Energie, die sie auf die Bühne bringen.

Der Titel eures neuen Albums „Dead Reckoning“ bezeichnet ja eine Art der Navigation zu Wasser mittels vorangegangener, als bekannt vorausgesetzter Wegpunkte und du meintest, dies wäre eine Metapher für euren Weg als Band.

Ryan: Genau. Auf Tour zu sein hat auch viel Ähnlichkeit damit, auf See zu navigieren; man hat eigentlich keine Ahnung, wo's langfristig hingeht und versucht nur, die nächste Station zu finden.

Wenn man sich die toten Kinder auf dem Albumcover anschaut, scheint ihr bezüglich eures Weges ja eher pessimistisch zu sein.

Ryan: Vielleicht schon (lacht). Wichtig für unsere Band ist, dass die Texte schon immer recht dunkel waren, aber die Shows und das „Feeling“ beinahe wie eine Feier sind. Wenn man zum Beispiel traurig ist, tröstet es zu wissen, dass es anderen genauso geht, das macht einen dann fast schon wieder glücklich. Insofern ist der Pessimismus auch nie wirklich ein solcher.

Euer Artwork wird von Lukas Ketner gestaltet, der ebenso wie ihr in Portland wohnt. Kreiert er die Bilder extra für euch oder wählt ihr welche aus, die er bereits geschaffen hat?

Ryan: Ersteres. Wir geben ihm immer zuerst die Musik und er tut dann das erste damit, das ihm in den Sinn kommt. Von uns erhält er also nur eine kleine Inspiration, aber keine allzu große. Wir finden es normalerweise aber immer toll.

(Multi-Instrumentalist Harvey betritt den Backstageraum, gegenseitige Begrüßungen)

In der Biographie auf eurer Website habe ich gelesen, dass die heutige Welt für dich Ähnlichkeit mit dem Amerika der 1930er hat.

Ryan: Vorrangig in einem ökonomischen Sinne, aber auch hinsichtlich der Art und Weise, wie viele Menschen sich fühlen. Viele denken, dass es weniger Möglichkeiten als früher gibt und haben wohl auch weniger Vertrauen in die Regierung. Das haben sie wahrscheinlich immer nur, wenn es ihnen finanziell gut geht. Wenn etwas schief läuft, muss man irgendwem die Schuld geben.

Wiederholt sich die Geschichte also?

Ryan: Ja, auf jeden Fall, das tut sie immer. Es gibt immer ein Hin und Her zwischen guten und schlechten und wieder guten Zeiten.

Aber ist die jeweilige Gegenwart nicht partout für viele die schlimmste Ära aller Zeiten?

Ryan: Ja, das ist aber wohl von Person zu Person verschieden. Das muss nicht so sein.

Okay, da das Jahr fast zu Ende ist, kommen wir um ein paar Best-Of-Fragen nicht herum. Ich bedien mich mal ein paar Fragen des Jahrespolls unserer Website. Harvey, mach doch auch mit!

Harvey: Geht klar!

Also: Drei Alben des Jahres.

Ryan: Öhm, gute Frage. Teilen wir das unter uns auf, Harvey?

Harvey: Ich liebe die neue Deftones-Platte, „Diamond Eyes“. Wirklich gut, die sticht am deutlichsten heraus. Öööööhm...Ich stehe größtenteils auf Metal (lacht). Das neue Album von Ghinzu liebe ich auch. Irgendwie back to the roots. Außerdem empfehle ich das Album einer Band namens Pancake Breakfast, die auch wie wir aus Portland kommt und auch schon mit uns gespielt hat. Die machen aber keinen Metal.

Noch fieser: Drei Songs des Jahres.

Harvey: Ich liebe „Fuck You“ von Cee-Lo!

Ryan: Das ist echt ein toller Song!

Harvey: (gibt eine A-Cappella-Einlage des Refrains zum besten)

An dir ist ein R'n'B-Sänger verloren gegangen.

Ryan: Was Radiosingles angeht, ist „Tighten Up“ von den Black Keys einer der besten Songs, die momentan so laufen. Die Frage ist aber wirklich mies.

Harvey: Ja, „Fuck You“ haut aber schon alles weg. Ich höre sowieso viel Pop, nicht nur Metal.

Ryan: Genau, jeder in der Band hört andere Musik.

Das macht die Fahrten auf Tour sicher auch interessant.

Ryan: Naja, jeder hat Kopfhörer mit. Außerdem gibt es noch eine tolle Radioshow namens „This American Life“, die man im ganzen Land empfängt. Darauf können wir uns alle einigen, das sind hauptsächlich interessante Geschichten aus dem ganzen Land.

Okay, auf unserem Poll fragen wir nach dem besten Konzert, ich frag euch stattdessen nach dem schlechtesten Konzert, das ihr dieses Jahr gespielt habt.

Harvey: Lawrence, Kansas?

Ryan: Genau, Lawrence, Kansas. Eigentlich ist es super, dort zu spielen. Es liegt genau in der Mitte der USA, man fährt durch's Land, ist genervt und hat dann diese kleine Oase, eigentlich wunderbar. Im Club waren es aber bestimmt fast 50° C, noch heißer auf der Bühne als davor. Das war furchtbar. Jeder Tropfen Feuchtigkeit im Körper ist durch die Poren nach draußen entwichen.

Harvey: Ich brauchte 15, 20 Minuten, um nach dem Gig überhaupt wieder aufstehen zu können. Ich saß da einfach nur und kam nicht hoch.

Ryan: Eines der Bandmitglieder ist ohnmächtig geworden.

Okay, die letzte Frage: Arschloch des Jahres.

Ryan: Okay, da nehme ich Sarah Palin. Sie ist nicht nur in gewöhnlicher Hinsicht ein Arschloch: Nein, seit Leute rausgefunden haben, dass wir aus Alaska sind, werden wir andauernd nur gefragt, was wir über Sarah Palin denken, ob wir sie kennen würden...Daher ist sie gleich doppelt ein Arschloch.

Warum solltet ihr denn Sarah Palin kennen, nur weil ihr auch aus Alaska seid?

Harvey: Naja, Alaska ist klein, es leben da nur wenig Leute. In der Stadt, in der ich aufwuchs und in der ca. 10000 Leute wohnten, war Sarah Palin tatsächlich Bürgermeisterin. Wir kennen also wirklich zumindest Leute, die sie kennen, einige gingen mit ihren Kindern auf die High School, als sie bereits Gouverneurin war.

Ryan: Aber schon lustig, dass sie mir wirklich sofort eingefallen ist.

Harvey: Glenn Beck (ein konservativer Radio- und Fernsehmoderator, Anm. des Autors) ist wahrscheinlich das größte männliche Arschloch. Er ist schrecklich.

Danke für das Interview!

Photo: Pressefreigabe Starkult Promotion

Jan Martens

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Rezension zu "Dead Reckoning" (2010)

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