Interview

The Black Atlantic


Es ist schon was länger her, dass The Black Atlantic ein echter Geheimtipp waren. Mittlerweile hat die Indie-Folk-Band nämlich eine stattliche Fanbase um sich geschart. Warum man dafür auch schon mal seine Musik verschenken muss und was es u.a. mit dem Titel der neuen EP auf sich hat, erzählt uns Frontmann Geert van der Velde im Interviews.

Ihr habt vor zwei Jahren euer Debüt-Album "Reverence For Fallen Trees" als Free Download hergegeben. Der Grund hierfür war, dass möglichst viele Menschen eure Musik kennen sollten, bevor ihr auf Tour geht. Ist dieser Plan aufgegangen?

Geert van der Velde: Ja, das hat wunderbar funktioniert und wir machen es mit unserer aktuellen EP auch genauso. Die gibt es ebenfalls als kostenlosen Download auf unserer Homepage. Man muss aber sagen, dass es uns nicht ausschließlich darum geht oder ging, über diese Aktion mehr Leute zu unseren Shows zu locken. Da man illegale Downloads sowieso nicht verhindern kann, wollten wir damit auch erreichen, dass die Interessierten dann wenigstens bei uns downloaden und nicht von irgendwelchen zwielichtigen Anbietern.

Es war für euch also keine harte Entscheidung, eure Musik kostenlos zur Verfügung zu stellen?

Geert: Nein, überhaupt nicht. Weißt du, wir waren eine verdammt kleine Band ohne jegliches Publikum. Warum sollten wir da hingehen und auch noch Geld für die Musik verlangen? Da ist es doch besser, das Zeug umsonst herzugeben. Vielleicht hören dann fünf oder sechs weitere Freunde zu und von denen kommen dann zwei oder drei zu einer unserer Shows. Dann hat sich das schon viel mehr gelohnt, als wenn wir 5 € für den Download verlangen würden. Wir haben auch jetzt noch keinen Status, bei dem sich ein Umdenken auszahlen würde, deswegen machen wir so weiter.

Du hast die neue EP schon erwähnt. Vor ein paar Wochen erschien "Darkling, I Listen" und zuerst einmal musst du natürlich den Titel genauer erklären. Ist "Darkling" eine sarkastische oder vielleicht eher "böse" Bezeichnung für "Darling" oder was genau ist damit gemeint?

Geert: "Darkling" ist ein uraltes, ja man kann schon fast sagen ausgestorbenes englisches Wort für "In the dark".

Oha! Das werden wahrscheinlich viele erstmal missverstehen.

Geert: Das stimmt und das ist vielleicht auch ein wenig beabsichtigt so. Sogar meine Frau, die aus den USA kommt, hatte von dem Wort vorher nie etwas gehört. Die dachte, das sei irgendein Monster (lacht). "Darkling" stammt aber aus einem alten englischen Gedicht der Romantik. "Ode To A Nightingale" heißt es, von John Keats. Ein ganz schwermütiges Gedicht, das er geschrieben hat, als er mit Tuberkulose sterbenskrank im Bett lag, bereit für den Tod. Und dennoch bringt ihn eine Nachtigall vor seinem Fenster mit ihrem Gesang dazu, sich an sein Leben und seine Gefühle zu erinnern. Darauf soll der Titel letztendlich verweisen: man liegt irgendwo in der Dunkelheit und hört seinen eigenen Gefühlen und Gedanken zu. Ich denke, die Situation kennt jeder.

Ihr habt jetzt eine EP und damit keinen direkten Nachfolger zu eurem Debüt veröffentlicht. War das eine bewusste Entscheidung oder hattet ihr schlichtweg keine Zeit dafür ein ganzes Album aufzunehmen, weil ihr permanent auf Tour ward?

Geert: Wir wollten auf jeden Fall zuerst eine EP aufnehmen, bevor wir an ein weiteres Album gehen. Das Band-Line-Up hatte sich erst über ein Jahr nach dem Release von "Reverence For Fallen Trees" in seiner jetzigen und endgültigen Besetzung gefunden. Deswegen wollten wir auch die Dinge zuerst langsam angehen und die Messlatte nicht gleich zu hoch setzen. Was ursprünglich als Soloprojekt von mir begann, ist jetzt ein richtiges Bandding geworden, bei dem jeder gleichberechtigt in den Songwriting-Prozess eingebunden ist. Sowas braucht erstmal Zeit, um sich zu entwickeln. Jetzt wissen wir aber, woran wir sind und was wir wollen und wir können nun den nächsten Schritt gehen.

Gibt es denn schon Pläne für ein neues Album?

Geert: Ja, wir schreiben schon ein wenig nebenher an neuer Musik und sobald diese Tour beendet ist, geht es zurück ins Studio.

Als ich eure neue EP gehört habe, fiel mir sofort auf, dass die Instrumentierung noch viel aufwändiger ist als bei eurem Debüt-Album. Außerdem schienen mir die Songs wesentlich komplexer zu sein. Ihr scheint euch in den letzten zwei Jahren sehr als Songwriter weiterentwickelt zu haben.

Geert: (überlegt lange) Hmmm, da bin ich ehrlich gesagt gar nicht sicher, ob das so stimmt. Also zumindest von mir kann ich behaupten, dass ich nicht so viele Fortschritte in den letzten Jahren gemacht habe (lacht). Ich denke, die Entwicklung kann man eher daran festmachen, dass wir jetzt alle zusammen die Musik schreiben und wir es geschafft haben, diese Aufgabe als Team zu managen. Generell macht man, finde ich, immer bessere Songs, wenn viele Leute daran beteiligt sind. Das mag nicht für jede Band gelten, aber für uns schon. Wir treiben uns gegenseitig zum Optimum und vier unterschiedliche Perspektiven wirken sich unter dem Strich einfach besser auf das Songwriting aus.

Kommen wir mal zu dir persönlich, Geert. Ich habe gelesen, dass du damals deine Hardcore-Band Shai Hulud verlassen hast, weil du einfach nicht mehr die ganze Zeit wütend sein wolltest. Ist The Black Atlantic für dich eine Band, in der du mehr und unterschiedlichere Emotionen ausleben kannst?

Geert: Ja, ich habe das Gefühl, dass ich in dieser Band jede mögliche Form von Emotion ausdrücken kann und genau das war in Shai Hulud nicht möglich. Da ging es hauptsächlich um Wut und Hass gegenüber allem und jedem. Sicher fühlt man ab und zu so, aber doch nicht jeden Tag.

Aber das heißt, dass du in The Black Atlantic auch mal wütend sein kannst?

Geert: Um ehrlich zu sein, schreibe ich sogar gerade an ein paar Songs, die wirklich etwas angepisst klingen. Die Frage ist nur, ob sie es auch auf das nächste Album schaffen (lacht).

Wow, kann man dann auch einen schreienden Geert bei The Black Atlantic erwarten?

Geert: (lacht) Manchmal fühlt es sich so an, als ob ich gleich losbrüllen müsste, aber ich denke nicht, dass dies bei The Black Atlantic passieren wird. Es würde nicht richtig passen. Außerdem mag ich das Schreien eigentlich auch gar nicht. Mir tut danach jedes mal höllisch die Kehle weh.

Das Songwriting an sich ist dafür wahrscheinlich nicht so schmerzhaft. Ist das in erster Linie etwas, was du für dich selbst tust, weil du verschiedene Gedanken und Gefühle verarbeiten willst oder macht man das auch ein wenig für die Zuhörer?

Geert: Das ist ein wenig eine Mischung aus beidem, denke ich. Wenn ich die Songs schreibe, denke ich natürlich nicht daran, wie das jetzt letztendlich die Fans finden und was sie wohl am liebsten hören würden. Natürlich ist uns bewusst, dass sie gewisse Erwartungen an uns haben, aber wir wollen sie nicht "bedienen". Wir schreiben die Musik, die WIR mögen und die uns etwas zurück gibt. Dennoch schwingt diese Erwartungshaltung schon ein wenig mit, wenn auch unterbewusst, würde ich sagen. Wie sich das letztendlich auf das Songwriting auswirkt, ist schwer zu sagen. Letztendlich kann man vielleicht sagen: der Songwriting-Prozess ist für ein Publikum für mich selbst. Macht das Sinn? (lacht)

So, letzte Frage und da kannst du jetzt echt ein paar Vorurteile abbauen! Ich hab mal einige Freunde gefragt, ob sie irgendwelche Bands aus Holland kennen, die zumindest ähnlich klingen wie ihr. Das Ergebnis war erschütternd! Die einzigen Namen, die fielen, waren all die Klassiker aus der 90er-Eurodance-Phase. Daher jetzt die Chance für dich, mal diese Klischee-Vorstellungen auszuräumen.

Geert: Aaaaaaaaalso... Zuerst einmal wären da gute Freunde von uns: I Am Oak. Wir hören sie sogar lustigerweise gerade (Hintergrundmusik). Die sind großartig und auch häufiger mal in Deutschland unterwegs, also auf jeden Fall mal auschecken. Auch gut sind Moss, die haben gerade ein neues Album veröffentlicht. Dann gibt es noch Awkward I, ein Singer/Songwriter, auch ein sehr guter Freund von uns. Den hab ich jetzt mal mit unserem Booker bekannt gemacht, so dass man den wahrscheinlich auch demnächst häufiger mal in Deutschland sehen wird. Und schließlich richtig richtig groß wird gerade Blaudzun, auch ein Singer/Songwriter. Der hat in Holland gerade extremen kommerziellen Erfolg, klingt ein wenig wie Arcade Fire. Du siehst, ihr könnt die Hermes House Band wegpacken, wir haben einiges in Petto!

Die EP "Darkling, I Listen" im Stream:

Benjamin Köhler

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Rezension zu "Enshrine" (2013)
Rezension zu "Darkling, I Listen" (2012)
Rezension zu "Reverence For Fallen Trees" (2011)

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Wie jedes Jahr gab es auch 2014 eine extrem große Anzahl an Platten, die wir nicht sofort rezensieren konnten, weil ... keine Zeit, der Job drängelt oder was sonst so dazwischen kommen kann. Daher gibt es nun zum Jahresabschluss nochmal eine große Ladung Rezensionen. Viel Spaß damit!