Interview

Meursault


Bevor sich die schottische Band Meursault in der Heimat daran macht, mit den Arbeiten am neuen Album zu beginnen, hat sie sich für eine kleine Tour im Rahmen ihres Drittwerks „Something For The Weakened“ noch einmal auf den Weg gemacht. Wir haben in Stuttgart die Gelegenheit genutzt, uns mit dem Kopf der Band Neil Pennycook vor dem Konzert über die bisherige Entwicklung der Band zu unterhalten und was wir in Zukunft von Meursault erwarten dürfen.

Danke, dass du dir die Zeit nimmst, vor dem Konzert mit mir zu sprechen. Wie verbringst du denn normalerweise die Zeit vor einem Auftritt?

Neil Pennycook: Ach, ich mach eigentlich nichts Besonderes. Ich verbring die Zeit mit meinen Jungs aus der Band, trinke eine Tasse Tee, nichts wirklich Rock’n’Roll-mäßiges ehrlich gesagt (lacht).

Brauchst du auch ein bisschen Zeit für dich, um dich zu konzentrieren?

Neil: Gar nicht so sehr eigentlich, das passiert dann auf der Bühne. Wenn wir einen großen Auftritt haben, bei dem man viele Vorbereitungen treffen muss, mit vielen Leuten auf der Bühne, da mache ich mir dann schon eher Gedanken darüber, was nicht klappen könnte.

Zu wievielt spielt ihr denn heute?

Neil: Heute sind wir zu dritt. Aber das kann bei mir echt ziemlich unterschiedlich sein. Manchmal trete ich allein auf, manchmal sind wir auch 18 Leute.

Ich habe gelesen, dass deine Band momentan acht feste Mitglieder hat.

Neil: So genau kann man das ehrlich gesagt gar nicht sagen. „Meursault“ bin ja eigentlich nur ich allein, und wenn ich eine Band brauche, frage ich meine Freunde, ob sie mitspielen können.

Ist das jetzt auch noch so? Deine ersten beiden Alben waren ja richtige Ein-Mann-Projekte, bei denen du deine Songs ganz für dich bei dir Zuhause aufgenommen hast, hat sich das mit dem neuen Album geändert?

Neil: Ja, das letzte Album haben wir im Haus eines Freundes aufgenommen, in einem richtigen Studio, das war ein ganz anderer Prozess, Es war eine Art Experiment, zu sehen, wie es sich auf die Songs und letztlich das gesamte Album auswirken würde, wenn ich jemand anderem die Kontrolle überlasse – und das hat echt Spaß gemacht, ich habe es sehr genossen! Ich glaube aber beim nächsten Album wird es eher wieder wie bei den ersten beiden sein, wo ich selbst sehr viel mehr Arbeit reinstecke, aber mal sehen.

War es dann bei deinem letzten Album also eher so, dass du deine Songs eher in Rohform mit ins Studio gebracht hast, um zu sehen, was mit ihnen passiert?

Neil: Nein, die Arrangements und alles hatte ich im Vorfeld schon komplett fertig geschrieben. Es ging dann eher darum, der Band zu zeigen, wie ich mir vorstelle, dass sie es spielen sollen.

Ihr habt ja nach dem heutigen Konzert nur noch einen Termin und geht dann wieder nach Hause.

Neil: Ja genau, es ist nur eine kleine Tour mit der wir die Arbeit, die mit unserem letzten Album in Verbindung steht, zu Ende bringen wollen. Wenn wir zuhause sind, wollen wir neue Songs aufnehmen, ein neues Album machen und dann wieder touren.

Die jetzige Tour ist also noch Teil des Programms für euer letztes Album und dann ist das Kapitel abgeschlossen?

Neil: Ja, wir waren ziemlich lange auf Tour für das letzte Album, und jetzt fangen wir langsam damit an, neue Songs zu spielen.

Ihr habt also schon neue Songs fertig?

Neil: Auf jeden Fall! Also ich weiß noch nicht so genau, ob sie schon fertig sind, denn es macht sehr viel Spaß, sie live weiterzuentwickeln. Es fühlt sich wie ein sehr natürlicher Prozess an, das so zu machen, anstatt sich jede Woche ein paar Stunden im Proberaum zu verkriechen. Es fühlt sich besser an, Songs live auszuarbeiten und auch zu sehen, wie das Publikum auf die Songs reagiert, wenn man sie mit verschiedenen Instrumenten ausprobiert, und so bleibt es auch für die Band immer interessant.

Was waren bisher so deine Erfahrungen mit dem deutschen Publikum? Verhalten sich die Leute hier anders als beispielsweise in Schottland?

Neil: Das kommt wirklich ganz darauf an, wo du gerade bist. In unterschiedlichen Teilen Deutschlands sind die Leute unterschiedlich drauf, und dann gibt es auch echt Unterschiede je nachdem, in welchem Stadtteil man spielt. Aber insgesamt sind die Deutschen bei unseren Konzerten wirklich sehr respektvoll und auch ein bisschen reserviert. Unsere Musik kann ziemlich laut und aggressiv sein, aber wir ziehen nicht das gewöhnliche Rock’n’Roll-Publikum an, daher sind die Leute bei unseren Konzerten wie gesagt sehr respektvoll und achten auf die Texte und solche Dinge, und das ist natürlich toll. Es ist schön zu wissen, dass die Leute aufmerksam sind, das ist genau das, was man sich als Musiker wünscht.

Denkst du, es hat einen Grund, dass deine Musik, wie du sagst, nicht gerade massenkompatibel ist, dass es auch mal laut werden kann und die Songs oft kantig und nicht sehr zugänglich sind?

Neil: Hmm, für mich sind die Songs im Wesentlichen eigentlich Popsongs, die durch eine Art Filter gehen. Wir haben eine ganz große Palette an Musikstilen, die wir mögen. Von experimenteller Noise-Musik bis hin zu wirklich poppigen Sachen und wenn du Songs schreibst und spielst, versuchst du möglichst viele deiner Einflüsse mit einzuschließen. Es ist echt schwer vorherzusagen, wie die Leute auf die Songs reagieren und wie sie sie wahrnehmen. Der Blickwinkel des Publikums ist echt ein Rätsel für mich, ich hab keine Ahnung, was die Musik in den Menschen auslöst. Manchmal schreibt man einen Song und man denkt, es ist der aggressivste und kantigste Song, den man je geschrieben hat, aber beim Publikum kommt er unmittelbar gut an und andersherum ganz genau so, das ist echt seltsam…

Wenn ich Leuten, die dich nicht kenne, deine Musik vorspiele, lieben sie es oder sagen so etwas wie „Oh das ist mir doch etwas zu anstrengend“.

Neil: Das finde ich gut, ich denke, so sollte das auch sein. Ich möchte lieber, dass Leute eine extreme Reaktion auf meine Musik zeigen, als dass es sie gar nicht kümmern würde. Da ist es mir lieber, dass die Leute hassen, was ich mache (lacht).

Denkst du, dass sich dein Sound verändert hat, weil neue Bandmitglieder auch ihre Einflüsse mit einbringen?

Neil: Unser Sound hat sich ja bisher mit jedem Album verändert, er ändert sich die ganze Zeit. Ich denke gar nicht so sehr, dass das einen bestimmten Grund hat, sondern einfach in der Natur der Dinge liegt. Das liebe ich auch an der Musik. Es gibt keine Regeln. Du kannst an allem etwas verändern, man kann die Instrumente ändern, die Band um neue Mitglieder erweitern, alte Songs zu Neuen werden lassen – das lässt es immer spannend bleiben.

Wie bei „Lament For A Teenage Millionaire“, den fand man ja auch in einer neuen Version auf eurem letzten Album wieder.

Neil: Genau, von dem Song gibt es tatsächlich sechs oder sieben verschiedene Versionen. Wenn wir einen Song bei einer Show auf eine andere Weise spielen, bedeutet das aber nicht, dass wir die alte Version des Songs aufgeben. Es kann sein, dass er eines Tages wieder in der alten Version aufkommt. Aber ich glaube, am Anfang, als wir angefangen haben, Konzerte zu spielen, war das Publikum manchmal etwas irritiert und Leute sagten ‚Weißt du, ich mag ja diesen Song auf dem Album total, warum kannst du ihn nicht so spielen?‘ Aber inzwischen, nachdem wir das seit einigen Jahren so machen, kommen die Leute vor allem auch zu unseren Konzerten, weil ihnen die Idee gefällt, die Songs auf unterschiedliche Weise zu hören. Das scheint ihnen zu gefallen, was mich freut, weil ich nicht vorhabe, daran etwas zu ändern (lacht).

Kriegen wir heute Songs in einer elektronischen Form zu hören? Ich seh nämlich gar keinen Laptop auf der Bühne. Also keine Elektro-Beats heute?

Neil: Nein, die haben wir nicht mehr, das hat sich im Laufe der letzten Jahre geändert. Wir haben jetzt einen Drummer, Sam, der viel besser ist als meine Drum Machine. Aber wir haben nach wie vor elektronische Elemente in unseren Songs, wir haben zum Beispiel ein Keyboard dabei. Weißt du, ich benutze total gerne elektronische Instrumente und akustische Instrumente genau so, so lange es Abwechslungsreichtum gibt. Wenn wir mit Gitarre, Bass und Schlagzeug spielen, möchte ich auf keinen Fall, dass es so klingt, wie man erwarten würde, dass Gitarre, Bass und Schlagzeug zusammen klingen. Ich möchte so viel wie möglich aus den Instrumenten herausholen und versuchen herauszufinden, wie weit man mit jedem Instrument gehen kann.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum Leute Schwierigkeiten haben, euch einem Genre zuzuordnen. Heute lauft ihr zum Beispiel unter „Indie-Folk“.

Neil: Ja, weißt du, die meisten Musiker, die ich kenne, hassen es, an ein Genre gebunden zu werden. Ich hasse es, ich hasse es wirklich total. Wir kriegen so furchtbare Bezeichnungen für den Typus Musik, von dem Leute denken, dass wir ihn spielen. Denn aus der Perspektive eines Songwriters denkst du nicht darüber nach, in welchem Genre du schreibst, und das sollte man auch nicht, man sollte einfach schreiben, was auch immer dabei herauskommt. Wenn du einen Folksong schreibst – super. Es gibt keinen Grund, warum ein Folksong nicht direkt neben einem Heavy-Metal-Song stehen kann, es geht allein um den Kontext und das Wesen der Musiker, das zum Ausdruck kommt. Das muss vorhanden sein, das verbindet alles. Man braucht eigentlich keine Genrebezeichnungen. Es hilft Leuten ein bisschen, die die Musik kennenlernen und dann sagen ‚Oh, ich mag Indie-Folk, wenn das eine Indie-Folk-Band ist, kauf ich mir die Platte!‘ Aber aus meiner Perspektive, und ich denke aus der Perspektive jedes Musikers, sollte man nicht darüber nachdenken, sondern einfach schreiben. Leute hängen sich daran ständig auf. Ich möchte hier keineswegs jemanden runtermachen, aber in den UK ist dieses Folk-Ding in den letzten Jahren sehr beliebt geworden, mit Bands wie Mumford & Sons und so weiter, und ich kenne mich da auch nicht wirklich aus, aber sie scheinen sich sehr an diesem Gedanken ‚Wir sind eine Folkband‘ aufzuhängen, und das beeinflusst alles. Es beeinflusst die Ästhetik dessen, was sie machen. Alles, was sie machen, muss einer bestimmten Art entsprechen.

Es schränkt sie ein, dass sie sich so sehr daran aufhängen und da auch reingedrängt werden.

Neil: Ja genau, und das nervt mich, weil ich finde, dass dasm was sie machen, nicht einmal wirklich Folkmusik ist. Aber das ist ein Gesprächsthema für einen anderen Zeitpunkt (lacht). Aber ja, ich glaube, das ist eine extrem limitierende Sache, es kann die Weise, wie Leute deine Musik wahrnehmen, sehr schädigen, wenn du dir zu viele Gedanken darüber machst und wie du sagst, es schränkt dich extrem ein.

Was ist denn die schlimmste Bezeichnung, die man eurer Musik bisher gegeben hat?

Neil: Folktronica. Ich hasse den Begriff. Ich habe bisher noch niemanden getroffen, dem diese Definition gefällt. Und ich kenne einige Leute, deren Musik als ‚Folktronica‘ beschrieben wird, Viele Freunde, die auch in Bands sind, erzählen, dass sie als Folktronica beschrieben werden. Es ist einfach ein bedeutungsloses Wort, und es ist auch so nichtssagend. Manchmal gibt es Namen für bestimmte Genres, die es ganz gut beschreiben, die dir eine Idee für das Gefühl der Musik vermitteln. Zum Beispiel ‚Hardcore‘, das ist so ein cooles, beschreibendes Wort, und man kriegt ein Gefühl dafür, was man von Hardcore zu erwarten hat, und es ist dazu auch noch eine sehr breite Definition. Aber so etwas wie ‚Folktronica‘ – was soll das bedeuten? Also: ja, das nervt mich, das ist die einfachste Antwort, die ich darauf geben kann (lacht).

Ich würde dich gerne noch etwas zu eurem letzten Album „Something For The Weakened“ fragen. Viele Leute sagen, es sei ruhiger, oder auch weniger traurig und wütend. Empfindest du das selbst auch so?

Neil: (überlegt) Hmm, ich denke, viele Dinge, über die ich auf dem Album geschrieben habe, sind ziemlich traurig. Aber es ist kein so starkes Konzept hinter dem letzten Album wie hinter den ersten beiden. Die ersten beiden waren sehr stark themenbezogen. Aber bei diesem Album war es eher so, dass die Dinge, über die ich geschrieben habe, einfach die Dinge sind, die mir in meinem Leben innerhalb von ein bis zwei Jahren passiert sind. Daher ist das Einzige, was man als Thema bezeichnen könnte, dass es Dinge sind, die sich in meinem Leben ereignet haben. Ja, da sind einige traurige Dinge dabei, aber auch viele fröhliche Dinge und sehr viele warme Erinnerungen. Das ist echt eine schwierige Frage. Es ist schwer es sich als ein Gesamtwerk vorzustellen, weil es aus vielen kleinen Stücken besteht. Aber insgesamt habe ich das Gefühl, dass es ein sehr hoffnungsvolles Album ist. Die Songs, die etwas melancholischer oder traurig sind, sind Songs, die in der Vergangenheit passiert sind, und die hoffnungsvolleren fröhlichen Songs handeln von der Gegenwart. Gerade ist alles ziemlich gut. Als ich die Songs für die ersten beiden Alben geschrieben habe, war ich nicht gerade am glücklichsten Ort in meinem Leben, aber bei diesem Album war alles ziemlich gut, und darüber kann ich mich nur recht wenig beklagen (lacht). Aber so ist das Leben, Schlimmes passiert, Gutes passiert.

Du hast einmal gesagt, dass das letzte Album von Dingen handelt, die tatsächlich passiert sind, als eine Art Gegensatz zu den ersten beiden Alben.

Neil: Nunja, es ist nicht so, dass bei den ersten beiden Alben Dinge einbezogen werden, die nicht passiert sind. Aber sie sind konzeptueller. Bei ihnen geht es mehr um Ideen. Beim zweiten Album zum Beispiel, da drehen sich alle Songs um das Thema, wie man Glück erreichen kann und was Glück ist, wie man es bewahren kann und auch, wie man es verlieren kann. Das ist alles ziemlich bedeutend und existentialistisch. Beim letzten Album hingegen ist das anders, es sind fast so etwas wie Tagebucheinträge, da gibt es wie gesagt kein großes Konzept, sondern es geht einfach nur darum, was mir passiert ist.

Diese neue Herangehensweise ans Songwriting…

Neil: Das war einfach ein Gefühl, wie ich zu dieser Zeit schreiben wollte. Es war ein aufregendes Jahr, vieles ist in diesem Jahr passiert, und ich wollte sicher gehen, dass es auf irgendeine Weise repräsentiert wird, und das war es, was ich tun wollte. Und auf dem nächsten Album wird es wieder anders sein.

War es für dich einfacher, auf diese Weise zu schreiben?

Neil: Es war eigentlich genau gleich. Die ersten beiden Alben stellten sich am Ende als themenbezogen heraus, das war aber nie die Absicht. Ich habe einfach Songs geschrieben und dann saß ich da, hab sie mir angesehen und festgestellt, dass die Songs etwas verbindet, dass es da einen großen Rahmen gibt.

Da bin ich ja mal gespannt, wie das nächste Album klingen wird, wo du das ja selbst noch nicht so genau weißt.

Neil: Nein, nicht wirklich, wir werden es herausfinden, wenn alles auf Band ist und wir es uns dann anhören. Wir nehmen auch immer sehr viel mehr auf als wir eigentlich brauchen, man kann also nach passenden Einheiten suchen.

Danke für das Interview!

Kilian Braungart

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