Interview

Messer


Erstmal schön Zähne putzen und dann ab unter die Bettdecke – von wegen! Messer fordern zum zermürbenden Nachdenken auf. Auf was von beidem man eher verzichten könnte, fragen sie sich selbst im Interview. Außerdem erzählen sie von Plänen für Detektivfilme (ein Plakat gibt es bereits), Jalousien und Eifersucht, Frauen im Punk, und geben Tipps für den Erhalt einer guten Bandbeziehung.

Gut gelaunt sitzen mir Sänger Hendrik Otremba, Schlagzeuger Philipp Wulf und Bassist Pogo McCartney (alias Bastian Ottenhus) im Backstagebereich des Bielefelder Forums gegenüber. Die drei sind die Gründungsmitglieder der Gruppe Messer. Ihr Erkennungszeichen als solche: sie haben alle ein Messer tätowiert. Manuel Chittka, der als zweiter Perkussionist dazu gekommen ist, hat auch schon eins. Milek (alias Thomas Moebius), neuer Gitarrist der Band, wird als nächster dran sein, um auch der Bande fest anzugehören. Pogo ist zwar erstklassiger Bassist, hat sich aber in der letzten Zeit an der Orgel fortgebildet. Einfach ausprobieren, war dabei seine Devise – und es hat sehr gut funktioniert. "Ich gucke mir generell nie Beschreibungen an, ich hab da keine Geduld für. Ich muss erstmal alles in der Hand haben und ausprobieren!" Darum ist für ihn auch ganz klar, was er beim folgenden Szenario tun würde, das sich die letzte interviewte Band, GoGo Penguin, für das Folgeinterview ausgemalt hat: "Du hängst fest auf einer einsamen Insel. Die einzige Möglichkeit zu entkommen ist ein Helikopter. Du hast eine Anleitung zum Fliegen des Helikopters, aber das erste Kapitel ist raus gerissen. Sie beginnt mit 'Nun kennst du die Grundlagen'. Würdest du versuchen zu entkommen?" "Ja klar!" meint Pogo, und auch Philipp und Hendrik würden sofort mitfliegen. "Auch die Geschichte der Band Messer ist in Hinblick auf das, was Pogo macht, ein einziges Trial-and-error-Verfahren. Pogo, obwohl du so viel Anerkennung für dein Bassspiel bekommen hast, hast du dich in etwas völlig Anderes hinein gestürzt, das fand ich ziemlich cool!", meint Hendrik zu Pogo und lächelt ihn an.

Schön! Sich gegenseitig ein paar Komplimente zu machen, kann nicht schaden. Darum machen wir mal weiter mit der Komplimente-Runde. Was hat Pogo zu Philipp zu sagen? "Also, Philipps Humor ist in den letzten zwei Jahren mal so hart unter die Decke gegangen, das ist der Wahnsinn!" – "Mir ist halt aufgefallen, dass Pogo mich dann am lustigsten findet, wenn ich versuche, seinen Humor zu kopieren", meint Philipp dazu und hat die Lacher auf seiner Seite. Was hat Pogo Nettes zu Hendrik zu sagen? "Ich finde es total toll, wie du dich gesanglich entwickelt hast! Ich komme mir aber gerade ein bisschen vor wie in meinem Beruf, ich bin Sozialpädagoge, da hat man auch solche Gespräche!" Aber eine gute Gesprächskultur herrscht ohnehin in der Band. Wenn es Unstimmigkeiten gibt, werden diese besprochen und man respektiert dabei die Meinungen der anderen. "Im Gegensatz zu Freundschaften, bei denen man sich vielleicht auch mal aus dem Weg gehen kann, ist man bei einer Band genötigt, sich miteinander auseinander zu setzen, zu reflektieren und zu sprechen. Ich hab das Gefühl, dass das aus unserer Freundschaft als Band auch noch etwas Besondereres gemacht hat", meint Hendrik, und Pogo ergänzt: "Das macht uns auch als Band aus, dass wir über doofe Themen ganz offen reden können, ohne dass da jemand ausflippt." Bei Facebook haben Messer im letzten Post vorm Konzert geschrieben: "Hallo Mama, heute Bielefeld!". Eltern waren dann tatsächlich beim Konzert, zwar nicht die von Messer, aber die von Tellavision. Fee Ronja Kuerten, alias Tellavision, war bei einigen Shows mit Messer auf Tour und heute auch in ihrer Heimatstadt Bielefeld mit dabei. Experimentelle Sounds und sympathische Ansagen gab es von ihr zu hören. Zum Beispiel darüber, wie viele Golfs sie schon in ihrem Leben geschrottet hat. Ernster, aber dennoch zum Tanzen antreibend, ging es danach mit Messer weiter. Die Musik von Messer kann durchaus als bedrückend wahrgenommen werden. Die düsteren Sounds und Texte sprechen nicht gerade von Fröhlichkeit, auch, wenn sie live eine unglaubliche Energie verbreiteten. Ganz anders ist die Band aber im Alltag. "Es wäre traurig, wenn wir so wären wie unsere Musik!", meint Hendrik und muss selbst darüber lachen. "Ich nutze die Musik dafür, dass ich Dinge aussprechen kann, über die ich mich vielleicht sonst nicht zu sprechen traue. Das hat bei mir privat dafür gesorgt, dass ich in allem anderen irgendwie entspannter und fröhlicher bin, weil man da schon eine gewisse destruktive, vielleicht auch dämonische Energie raus lässt. Ich finde auch, dass wir auf 'Jalousie' schon viel positiver sind. Durch die Jalousie kommt ja auch ganz viel Licht. Das ist ja so interessant an dieser Jalousie, sie lässt Licht durch, aber schafft auch Schatten. Das Dunkle sieht man ja nur dadurch, dass es etwas Helles gibt."

Die Symbolik der Jalousie kann in verschiedensten Weisen interpretiert werden. Man kann davor oder dahinter stehen, hindurch schauen, Licht reinlassen oder die Schotten dichtmachen. Auch eine gewisse Noir-Symbolik spielt mit rein und Bilder von Detektiven, die durch Jalousien einen Blick erhaschen. Dieses Bild kam auch Messer, als sie wieder mal gemeinsam herumblödelten. "Pogo und ich haben uns mal überlegt, dass wir gerne in einer Detektiv-Serie die Hauptdarsteller spielen würden, weil wir dann Sachen machen dürften, die wir im Alltag nicht machen dürfen", erzählt Hendrik und alle drei schmunzeln. Es gibt sogar schon ein Filmplakat, auf dem Hendrik in einer Telefonzelle in China steht und Pogo in einer in Münster. "Auf dem Filmplakat steht: 'Messer – Ermittlungen in Shanghai', das war übrigens auch der Arbeitstitel für unser aktuelles Album."


Credit: Hendrik Otremba

Jetzt, wo es auch einen zweiten Schlagzeuger gibt, wird da auch darüber nachgedacht, ob man sich im Gesang mal abwechselt? "Also, damit hätte ich, glaube ich, ein Problem! Ich will der Sänger von Messer sein, das ist mir total wichtig!", sagt Hendrik überzeugt. Dass das so ist, macht auch Sinn. Schließlich schreibt er ja auch die Texte. Gerade hat er auch ein Buch geschrieben, das im nächsten Jahr veröffentlicht wird. "Es geht auch um einen Detektiv. Der Protagonist des Buchs heißt übrigens Weynberg, das ist Philipps alter Künstlername." Den hatte Pascal, ehemaliger Messer-Gitarrist, Philipp mal verliehen. Trotz des gleichen Namens haben Philipp und der Protagonist aber keine offensichtlichen Ähnlichkeiten. "Aber ich glaube, wenn man eine Figur entwirft, dann steckt da von allen Menschen, die man kennt, was drin. So ist das auch mit den Texten von Messer, da stecken die anderen aus der Band auch immer wieder drin, auch wenn die das vielleicht gar nicht wissen", meint Hendrik und grinst wissend. "Die Hölle!", schlägt Pogo lachend als Song vor.

"Die Hölle" hat aber in Wirklichkeit mit Romy Schneider zu tun. Ihre Tagebücher haben Messer ziemlich großartig vertont. "Für mich handelt der Text von 'Die Hölle' von Eifersucht, genau wie der gleichnamige Film, in dem Romy Schneider damals mitgespielt hat." Und da wären wir wieder beim Albumtitel, denn, wie Philipp erklärt, spielt das Wort Jalousie auch mit dem englischen Wort jealousy und dem französischen jalousie. Die Band selbst hat glücklicherweise nicht viel mit Eifersucht am Hut, aber spürt dennoch ein gewisses Konkurrenzdenken unter Bands und auch ständige Vergleiche. "Dabei ist das Tolle an Kunst ja, dass man nicht das Eine mit dem Anderen vergleichen kann. Das Problem ist aber, dass man das von klein auf so lernt, sich in Konkurrenz zu setzen, zu vergleichen. Das ist auch der Grund, warum es überhaupt Eifersucht gibt", meint Philipp.

Eine recht banale Sache, die mir zum Thema "Jalousie" einfällt, ist die Frage, ob denn eigentlich die Bandmitglieder in ihren Wohnungen ihre Fenster verhängen oder alles offen haben. Es kommt natürlich auf das Zimmer an, sind sich alle einig. Aber generell haben sie eher nichts vor den Fenstern hängen. "Ich habe acht Jahre in Münster gewohnt, die meiste Zeit mit einer anderen Person zusammen. Nachdem wir uns getrennt haben, bin ich in eine andere Wohnung gezogen – da hatte ich eine Jalousie vorm Fenster. Genau die Jalousie, die man auf dem Plattencover sieht. Vor dem Fenster war eine Straßenlaterne, sodass man nachts immer dieses Lichtspiel hatte. In der Zeit sind auch die meisten Songs der Platte entstanden. Als die Platte dann fertig war, bin ich mit meiner Freundin nach Berlin gezogen und jetzt haben wir keine Vorhänge! Wenn man jetzt drüber nachdenkt, kann man sagen, dass die Jalousie in einer krisenhaften Phase da war – und jetzt habe ich keine Jalousien mehr", erzählt Hendrik.

Philipp und Hendrik kommen beide aus Recklinghausen. "Ich war 18 und Philipp 15. Philipp wollte eine Band gründen und die wollten sich von mir einen Bass ausleihen. Und ich hatte das falsch verstanden, bin dann da hin und wollte mitspielen." – "Und ich hab dann versucht, ihm zu erklären, dass das nicht geht, weil er ja nicht straight edge ist und die Band sollte straight edge sein!" Die Band ist dann doch nie zustande gekommen. Also haben sich unter anderem Philipp und Hendrik in einer anderen zusammen getan, die eine Vorreiterband zu Messer war. Hendrik erzählt, dass er irgendwann vom Bass entmündigt wurde und zum Gesang übergegangen ist, weil er das einfach besser konnte. Also musste ein neuer Bassist her. "Pogo war der Wunschkandidat, aber wir hätten uns nicht träumen lassen können, dass er mit uns spielen möchte!"

Messer sind eine rein männlich besetzte Band. Aber wie sehen sie eigentlich die Rolle der Frauen im Umfeld von Punk und Hardcore? Philipp ist das Thema ziemlich wichtig: "Es ist zu wenig zu sagen, dass es diese Frauen gibt und die von Macho-Leuten in der Musik klein gehalten werden. Als Teenager bin ich in der Hardcore-Szene unterwegs gewesen, die sich ja schon ziemlich emanzipatorisch gibt, aber trotzdem ein Mackerverein ist. Nicht nur durch die vielen Männer, die dort sind, sondern auch durch ein sehr männlich sozialisiertes Auftreten. Aber es ist tatsächlich so, dass es weniger Frauen in Bands gibt – und das ist die eigentlich interessante Frage, warum das eigentlich so ist?! Warum macht man Musik, wie kommt man da hin? Das hat zunächst mal was mit Rolemodels zu tun, da haben Jungs auf jeden Fall mehr. Auf Patti Smith beziehen sich die meisten Frauen, die ich kenne. Macht man Musik, um sich in der Öffentlichkeit auszudrücken, auf der Bühne zu stehen, oder für sich zu Hause? Und das ist auch wieder eine sozialisiationsbedingte Sache, dass Jungs viel eher auf der Suche nach Anerkennung in der Öffentlichkeit sind. Die andere Band, in der ich seit letztem Jahr spiele, Die Heiterkeit, war, bis ich dazu kam, rein weiblich besetzt. Bei denen wird ständig nach dem Geschlecht gefragt und Stella, die Sängerin, kann das nicht mehr hören, sie möchte einfach nur als Musikerin wahrgenommen werden. Deswegen ist es gut, wenn das Männer gefragt werden, damit die sich Gedanken darüber machen!"

Als es darum geht, dass Messer eine Frage für das nächste Interview überlegen sollen, wissen sie sofort, wo es hingehen soll: "Wir spielen dieses Spiel immer gern auf Autofahrten, da kommen immer wieder Fragen, die total hart zu beantworten sind." Die heutige lautet: "Würdest du lieber ein halbes Jahr ohne Decke pennen oder dir einen Monat nicht die Zähne putzen?" Wir diskutieren lange über Möglichkeiten, sich da irgendwie rauszuwinden, zum Beispiel den Raum superwarm heizen und sich warm anziehen – aber ohne Zähneputzen auskommen, das will irgendwie niemand. Oder doch? "Also überlegt mal! Ein halbes Jahr ohne Decke? Das halte ich nicht aus! Da gurgel ich doch lieber total viel Mundwasser!", wirft Pogo ein. "Aber ich kann nicht schlafen, wenn ich mir die Zähne nicht geputzt habe!", meint Philipp. Wie war das nochmal? In der Gruppe Messer respektiert man die Meinungen der anderen. Darum muss es auch bei dieser Frage keine gemeinsame Antwort geben.

Mehr Fotos zum Interview findet ihr in unserem Facebook-Album.

Marlena Julia Dorniak

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Rezension zu "Jalousie" (2016)
Rezension zu "Die Unsichtbaren" (2013)
Rezension zu "Im Schwindel" (2012)

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